Ich neh­me das Urteil an – auch wenn es falsch ist.

Für das Vor­lie­gen eines Rechts­mit­tel­ver­zichts kommt es nicht dar­auf an, dass das Wort "ver­zich­ten" benutzt wird, son­dern maß­geb­lich ist der Gesamt­sinn der Erklä­rung 1.

Ich neh­me das Urteil an – auch wenn es falsch ist.

Die Erklä­rung, das Urteil wer­de "ange­nom­men", ent­hält regel­mä­ßig einen Rechts­mit­tel­ver­zicht 2.

So auch im hier ent­schie­de­nen Fall: Unmit­tel­bar nach der Urteils­ver­kün­dung und der Rechts­mit­tel­be­leh­rung hat der Ange­klag­te erklärt, dass er das Urteil "sofort anneh­men wol­le"; er "bestehe dar­auf", das Urteil anzu­neh­men. Gleich­zei­tig äußer­te er, dass der Vor­sit­zen­de "ein Mär­chen" erzählt habe und dass er kein Mör­der sei. Nach dem Hin­weis des Vor­sit­zen­den, dass sich aus die­sem Zusatz erge­be, dass der Ange­klag­te mit dem Urteil nicht ein­ver­stan­den sei, äußer­te die­ser, dass er "ja doch kei­ne Chan­ce habe" und das Urteil des­halb anneh­men wol­le. Auf den wei­te­ren Hin­weis des Vor­sit­zen­den, dass sich der Ange­klag­te dies über­le­gen sol­le, äußer­te die­ser erneut, dass er "dar­auf bestehe", das Urteil anzu­neh­men.

Aus die­sen Erklä­run­gen des Ange­klag­ten ergibt sich für den Bun­des­ge­richts­hof ein wirk­sa­mer Rechts­mit­tel­ver­zicht. Vor­lie­gend sind, so der Bun­des­ge­richts­hof, die mehr­fa­chen und unmiss­ver­ständ­li­chen Erklä­run­gen des Ange­klag­ten, er wol­le das Urteil anneh­men, ein­deu­tig in dem Sin­ne zu ver­ste­hen, dass auf die Ein­le­gung von Rechts­mit­teln ver­zich­tet wor­den ist. Für den Bun­des­ge­richts­hof ist auch nichts dafür ersicht­lich, dass es sich um eine bloß in die Zukunft gerich­te­te Absichts­er­klä­rung han­del­te, zumal der Ange­klag­te erklärt hat, das Urteil "sofort" anneh­men zu wol­len, und aus­drück­lich abge­lehnt hat, sein Vor­ge­hen zu über­den­ken.

Die zusätz­li­chen Äuße­run­gen des Ange­klag­ten, wonach er kein "Mör­der" sei und der Vor­sit­zen­de "ein Mär­chen" erzählt habe, ste­hen der Annah­me eines Rechts­mit­tel­ver­zichts nicht ent­ge­gen, da ein sol­cher nicht vor­aus­setzt, dass das ver­kün­de­te Urteil für inhalt­lich rich­tig gehal­ten wird. Zudem hat der Ange­klag­te sei­nen Ver­zichts­wil­len auch noch nach­drück­lich geäu­ßert, nach­dem ihn der Vor­sit­zen­de auf Beden­ken am Vor­lie­gen eines Rechts­mit­tel­ver­zichts hin­ge­wie­sen hat­te. Spä­tes­tens hier­durch wur­den etwai­ge Zwei­fel an der Ernst­haf­tig­keit der Erklä­rung aus­ge­räumt.

Eben­so wenig stellt es die Wirk­sam­keit des Rechts­mit­tel­ver­zichts in Fra­ge, wenn es sich bei der Erklä­rung des Ange­klag­ten um eine wüten­de Spon­tan­äu­ße­rung gehan­delt haben soll­te; auch der in emo­tio­na­ler Auf­ge­wühlt­heit erklär­te Rechts­mit­tel­ver­zicht ist wirk­sam 3.

Vor­lie­gend kommt hin­zu, dass der straf­recht­lich erheb­lich vor­be­las­te­te Ange­klag­te in der Ver­gan­gen­heit wie­der­holt zu mehr­jäh­ri­gen Frei­heits­stra­fen ver­ur­teilt und bereits zwei­mal sei­ne Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung ange­ord­net wor­den ist – er mit­hin gerichts­er­fah­ren ist und sich nicht erst­mals mit einer gra­vie­ren­den Ver­ur­tei­lung kon­fron­tiert sah.

Auch der Ver­tei­di­ger hat nicht zu erken­nen gege­ben, dass bezüg­lich der Fra­ge eines ein­zu­le­gen­den Rechts­mit­tels noch Erör­te­rungs­be­darf bestehe, was der Wirk­sam­keit des Ver­zichts des Ange­klag­ten hät­te ent­ge­gen­ste­hen kön­nen 4. Viel­mehr hat der Ver­tei­di­ger aus­weis­lich des Haupt­ver­hand­lungs­pro­to­kolls kei­ne Erklä­rung abge­ge­ben.

Dass die Erklä­rung des Ange­klag­ten in der Haupt­ver­hand­lung nicht vor­ge­le­sen und geneh­migt wor­den ist, ist für ihre Wirk­sam­keit eben­falls ohne Belang; die­ser Umstand betrifft ledig­lich die Fra­ge des Nach­wei­ses 5. Vor­lie­gend wur­de die inhalt­li­che Rich­tig­keit des Haupt­ver­hand­lungs­pro­to­kolls von kei­nem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in Fra­ge gestellt. Ange­sichts der Unmiss­ver­ständ­lich­keit der pro­to­kol­lier­ten Äuße­run­gen des Ange­klag­ten bedurf­te es auch kei­ner wei­te­ren Nach­for­schun­gen durch den Bun­des­ge­richts­hof.

Durch den wirk­sa­men Rechts­mit­tel­ver­zicht ist das Urteil rechts­kräf­tig gewor­den. Infol­ge eines von dem Ange­klag­ten selbst erklär­ten Rechts­mit­tel­ver­zichts ist auch ein spä­ter ein­ge­leg­tes Rechts­mit­tel des Ver­tei­di­gers wir­kungs­los 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Juli 2018 – 4 StR 227/​18

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 11.03.2003 – 1 StR 60/​03, bei Becker, NStZ-RR 2004, 225, 228; Beschluss vom 18.08.1988 – 4 StR 316/​88, BGHR StPO § 302 Abs. 1 Satz 1 Rechts­mit­tel­ver­zicht 7; KK-StPO/­Paul, 7. Aufl., § 302 Rn. 11; LR-StPO/Jes­se, 26. Aufl., § 302 Rn. 21; Schmitt in Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 61. Aufl., § 302 Rn.20[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 18.08.1988 – 4 StR 316/​88, aaO; OLG Hamm, NStZ-RR 2010, 215; LR-StPO/Jes­se, aaO; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, aaO[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 07.03.2017 – 3 StR 545/​16, NStZ-RR 2017, 186 [Ls]; Beschluss vom 25.02.2014 – 1 StR 40/​14, NStZ 2014, 533, 534; Beschluss vom 20.04.2004 – 1 StR 14/​04, bei Becker, NStZ-RR 2005, 257, 261[]
  4. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 12.02.1963 – 1 StR 561/​62, BGHSt 18, 257 ff.; Beschluss vom 07.03.2017 – 3 StR 545/​16, aaO; Beschluss vom 25.02.2014 – 1 StR 40/​14, aaO[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 25.02.2014 – 1 StR 40/​14, aaO; Beschluss vom 13.01.2000 – 4 StR 619/​99, NStZ 2000, 441 f.; Beschluss vom 09.05.1988 – 3 StR 161/​88, BGHR StPO § 302 Abs. 1 Satz 1 Rechts­mit­tel­ver­zicht 5[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 25.02.2014 – 1 StR 40/​14, aaO; LR-StPO/Jes­se, aaO, § 297 Rn. 10; SSW-StPO/Hoch, 3. Aufl., § 297 Rn. 5[]