Ille­ga­les Stra­ßen­ren­nen mit töd­li­chem Aus­gang

Kann ein töd­li­cher Unfall bei einem ille­ga­len Stra­ßen­ren­nen den (objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven) Tat­be­stand des Mor­des (§ 211 StGB) erfül­len? Das Land­ge­richt Ber­lin bejah­te dies für ein ille­ga­les Stra­ßen­ren­nen auf dem Ber­li­ner Kur­fürs­ten­damm und ern­te­te dafür in der öffent­li­chen Mei­nung viel Lob. Aber min­des­tens eben­so groß sind die Fra­gen und recht­li­chen Zwei­fel, ob dem so sein kann.

Ille­ga­les Stra­ßen­ren­nen mit töd­li­chem Aus­gang

Im kon­kre­ten Fall ist bis­her bis auf die Pres­se­mit­tei­lung des Land­ge­richts nichts belast­bar bekannt; weder ‑über die knap­pe Schil­de­rung in der Pres­se­mit­tei­lung des Land­ge­richts und den die­ser z.T. wider­spre­chen­den Schil­de­run­gen in der Pres­se hin­aus – der kon­kre­te Tat­her­gang noch die Urteils­be­grün­dung. Daher hier zunächst ein­mal ‑ohne wei­te­re Wer­tung- die Infor­ma­tio­nen aus der Pres­se­mit­tei­lung des Land­ge­richts Ber­lin:

Die 35. Gro­ße Straf­kam­mer des Land­ge­richts Ber­lin hat den 28-jäh­ri­gen Ham­di H. und den 25-jäh­ri­gen Mar­vin N. wegen Mor­des in Tat­ein­heit mit gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung und vor­sätz­li­cher Gefähr­dung des Stra­ßen­ver­kehrs zu lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fen ver­ur­teilt. Die Füh­rer­schei­ne der Ange­klag­ten wur­den ein­ge­zo­gen, die Fahr­erlaub­nis­se lebens­lang ent­zo­gen.

Nach Über­zeu­gung der Schwur­ge­richts­kam­mer haben sich die Ange­klag­ten am 1. Febru­ar 2016 kurz nach Mit­ter­nacht bei einem zufäl­li­gen Zusam­men­tref­fen an einer Ampel auf dem Ber­li­ner Kur­fürs­ten­damm zu einem spon­ta­nen Stra­ßen­ren­nen ver­ab­re­det. Mit Geschwin­dig­kei­ten von bis zu 170 km/​h und durch­ge­drück­ten Gas­pe­da­len sei­en sie mit ihren Fahr­zeu­gen den Kur­fürs­ten­damm und die sich anschlie­ßen­de Tau­ent­zi­en­stra­ße ent­lang­ge­rast und hät­ten dabei meh­re­re rote Ampeln miss­ach­tet. An der Kreu­zung Tau­ent­zi­en­stra­ße /​Nürn­ber­ger Stra­ße sei das Fahr­zeug des Ange­klag­ten Ham­di H. mit dem Jeep eines 69-Jäh­ri­gen kol­li­diert, der noch am Unfall­ort ver­stor­ben sei. Der Ange­klag­te Mar­vin N. sei gegen eine stei­ner­ne Hoch­beet­ein­fas­sung gerast und mit sei­nem Fahr­zeug meh­re­re Meter durch die Luft geflo­gen, sei­ne Bei­fah­re­rin sei dabei ver­letzt wor­den.

Der Unfall­ort habe nach dem Zusam­men­prall wie ein „Schlacht­feld“ aus­ge­se­hen, so der Vor­sit­zen­de Rich­ter Ralph Ehe­städt in sei­ner münd­li­chen Urteils­be­grün­dung heu­te. Die Ange­klag­ten hät­ten gewusst, was ihr Ver­hal­ten für eine Aus­wir­kung auf ande­re Ver­kehrs­teil­neh­mer haben könn­te und sie hät­ten die­se mög­li­chen Fol­gen bewusst bil­li­gend in Kauf genom­men, d.h. sie hät­ten sich mit dem Tod ande­rer Ver­kehrs­teil­neh­mer abge­fun­den. Damit sei juris­tisch von einem beding­ten Tötungs­vor­satz aus­zu­ge­hen. Dar­über hin­aus hät­ten die Ange­klag­ten das Mord­merk­mal des gemein­ge­fähr­li­chen Tat­mit­tels ver­wirk­licht. Die Ange­klag­ten hät­ten ihre Autos, schwe­re und PS-star­ke Gefähr­te, nicht mehr unter Kon­trol­le gehabt und damit eine hohe Anzahl von ande­ren Ver­kehrs­teil­neh­mern und Pas­san­ten auf dem auch nachts stark fre­quen­tier­ten Kur­fürs­ten­damm in Gefahr gebracht. Sie hät­ten es dem Zufall über­las­sen, ob und wie vie­le Men­schen durch ihr Ver­hal­ten zu Scha­den kom­men. Gleich­sam wies der Vor­sit­zen­de dar­auf hin, dass die Sum­me der ein­zel­nen kon­kre­ten Tat­um­stän­de und die Per­sön­lich­kei­ten der Ange­klag­ten in die­sem Fall den Aus­schlag gege­ben hät­ten. Der Fall sei nicht ver­gleich­bar mit ande­ren Vor­fäl­len im Stra­ßen­ver­kehr, die jüngst für Auf­se­hen gesorgt hat­ten.

Das Gesetz sieht bei einer Ver­ur­tei­lung wegen Mor­des zwin­gend eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe vor (§ 211 StGB).

Land­ge­richt Ber­lin, Urteil vom 27. Febru­ar 2017 – 535 Ks 8/​16