Inlän­di­sche oder aus­län­di­sche kri­mi­nel­le Vereinigung?

Mit der Fra­ge der Ein­ord­nung einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung als in- oder aus­län­di­sche bzw. als sol­che inner­halb oder außer­halb der Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu befassen:

Inlän­di­sche oder aus­län­di­sche kri­mi­nel­le Vereinigung?

Die Kri­te­ri­en, an denen die Ein­ord­nung einer Orga­ni­sa­ti­on als in- oder aus­län­di­sche Ver­ei­ni­gung – im letz­ten Fall zudem als Ver­ei­ni­gung inner­halb oder außer­halb der Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on – aus­zu­rich­ten ist, sind gesetz­lich nicht bestimmt und in der Geset­zes­be­grün­dung bei Ein­füh­rung des § 129b StGB nicht näher erör­tert wor­den [1]. In der Recht­spre­chung [2] und dem Schrift­tum [3] sind sie ver­schie­dent­lich ange­deu­tet bzw. erör­tert wor­den, indes­sen noch nicht abschlie­ßend geklärt. Hier­zu gilt:

Ver­ei­ni­gun­gen, die den §§ 129 ff. StGB unter­fal­len, kön­nen in einer kaum über­schau­ba­ren Viel­zahl von tat­säch­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­for­men auf­tre­ten. So wer­den etwa Grup­pie­run­gen mit wirt­schaft­li­chen Ziel­set­zun­gen eben­so erfasst wie sol­che, die poli­ti­sche, ideo­lo­gi­sche oder reli­giö­se Zwe­cke ver­fol­gen. Bezüg­lich der Grö­ße der Ver­ei­ni­gung ist ledig­lich die Min­dest­zahl von drei Mit­glie­dern bestimmt, es kom­men des­halb sowohl Ver­ei­ni­gun­gen mit rela­tiv weni­gen als auch sol­che mit außer­or­dent­lich zahl­rei­chen Mit­glie­dern in Betracht. Weder die Orga­ni­sa­ti­ons­form noch die Art der Wil­lens­bil­dung ist im Ein­zel­nen fest­ge­legt. Nicht zuletzt sind die Grup­pie­run­gen etwa im Bereich der Orga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät, aber auch des Ter­ro­ris­mus zuneh­mend län­der­über­grei­fend orga­ni­siert; ihre Akti­ons­fel­der betref­fen häu­fig die Gebie­te meh­re­rer Staa­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint eine abs­trak­te Umschrei­bung der maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te, die für die Ein­ord­nung der­ar­ti­ger Ver­ei­ni­gun­gen als in- oder aus­län­disch – und im letzt­ge­nann­ten Fall als sol­che inner­halb oder außer­halb der Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on – den Anspruch der Ver­bind­lich­keit für alle denk­ba­ren Ein­zel­fäl­le erhe­ben könn­te, weder mög­lich noch sach­ge­recht. Mit Blick auf die Unter­schied­lich­keit und Kom­ple­xi­tät der in Betracht zu zie­hen­den Fall­ge­stal­tun­gen liegt es näher, die geo­gra­phi­sche Zuord­nung einer Ver­ei­ni­gung von einer an den kon­kre­ten Ein­zel­fall­um­stän­den ori­en­tier­ten Gesamt­be­trach­tung abhän­gig zu machen. Dabei sind regel­mä­ßig nament­lich die fol­gen­den Kri­te­ri­en von Bedeutung:

Als wesent­li­ches Zuord­nungs­kri­te­ri­um ist der Schwer­punkt der Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur anzu­se­hen [4]. Die­ser Schwer­punkt der orga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tu­ren ist sei­ner­seits anhand ver­schie­de­ner Merk­ma­le zu ermit­teln [5]. Er kann sich ins­be­son­de­re aus dem Ort erge­ben, an dem gleich­sam „die Ver­wal­tung geführt wird“ [6]. Anhalts­punkt dafür kann die Kon­zen­tra­ti­on per­so­nel­ler und/​oder sach­li­cher Res­sour­cen sein, bei­spiels­wei­se für Orga­ni­sa­ti­ons­zwe­cke genutz­te Gebäu­de, Aus­bil­dungs­stät­ten oder Mate­ri­al, wie Tat­werk­zeu­ge, Unter­la­gen oder auch Datenverarbeitungsanlagen.

Fer­ner ist in den Blick zu neh­men, wo nach den Struk­tu­ren der Ver­ei­ni­gung deren Grup­pen­wil­le gebil­det wird, d.h. wo der durch die ent­schei­dungs­be­fug­ten Orga­ne der Ver­ei­ni­gung gebil­de­te Ver­bands­wil­le zustan­de kommt und erst­mals durch kon­kre­te Umset­zungs­ak­te nach außen in Erschei­nung tritt [7]. Auch kann zu berück­sich­ti­gen sein, an wel­chem Ort sich die Ver­ei­ni­gung gegrün­det hat. Dem­ge­gen­über sind die Staats­an­ge­hö­rig­keit der Mit­glie­der und deren blo­ßer Wohn­sitz regel­mä­ßig nicht von ent­schei­den­dem Belang [8].

Dane­ben kann das eigent­li­che Akti­ons­feld Bedeu­tung erlan­gen, mit­hin der Ort, an dem die Straf­ta­ten, auf deren Bege­hung die Zwe­cke oder Tätig­keit der Ver­ei­ni­gung gerich­tet sind, began­gen wer­den sol­len bzw. began­gen wer­den [9]. Dabei sind gege­be­nen­falls sowohl der Hand­lungs- als auch der Erfolgs­ort in die Bewer­tung ein­zu­stel­len. Aller­dings genügt es für die Ein­ord­nung einer Grup­pie­rung als inlän­di­sche oder EU-Ver­ei­ni­gung nicht, dass sie auf dem jewei­li­gen Gebiet ledig­lich Straf­ta­ten begeht oder bege­hen will. Erfor­der­lich ist viel­mehr zumin­dest, dass in Deutsch­land bzw. dem Bereich der Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on auch Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren bestehen und die Ver­ei­ni­gungs­mit­glie­der nicht nur zur Vor­be­rei­tung und Bege­hung der Straf­ta­ten, auf die die Ver­ei­ni­gung gerich­tet ist, in die betref­fen­de Regi­on ein­rei­sen und sich dort aufhalten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Sep­tem­ber 2011 – 3 StR 231/​11

  1. vgl. etwa BT-Drucks. 14/​7025 S. 1, 6[]
  2. BGH, Beschluss vom 14.04.2010 – StB 5/​10, BGHR StGB § 129 Grup­pen­wil­le 6[]
  3. vgl. etwa Stein, GA 2005, 433, 443; Zöl­ler, Ter­ro­ris­mus­straf­recht, 2009, S. 523; Nehring, Kri­mi­nel­le und ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gun­gen im Aus­land, 2007, S. 177 ff.; LK/​Krauß, aaO § 129 Rn. 36 ff.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 14.04.2010 – StB 5/​10, BGHR StGB § 129 Grup­pen­wil­le 6; s. auch Art. 4 Unter­ab­satz 1 der Gemein­sa­men Maß­nah­me vom 21.12.1998 betref­fend die Straf­bar­keit der Betei­li­gung an einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung in den Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on, ABl. L 351 vom 29.12.1998, S. 1: „Ort…, an dem die Ver­ei­ni­gung ihre Ope­ra­ti­ons­ba­sis hat“; vgl. hier­zu Stein, GA 2005, 433, 443[]
  5. vgl. Zöl­ler, Ter­ro­ris­mus­straf­recht, 2009, S. 523[]
  6. s. Nehring, Kri­mi­nel­le und ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gun­gen im Aus­land, 2007, S. 178[]
  7. Zöl­ler aaO S. 523; Nehring aaO S. 178[]
  8. BGH, Beschluss vom 05.01.1982 – StB 53/​81, BGHSt 30, 328, 331 f.[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 14.04.2010 – StB 5/​10, BGHR StGB § 129 Grup­pen­wil­le 6; vgl. auch Art. 4 Unter­ab­satz 1 der Gemein­sa­men Maß­nah­me vom 21.12.1998 betref­fend die Straf­bar­keit der Betei­li­gung an einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung in den Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on, ABl. L 351 vom 29.12.1998, S. 1: „Ort…, an dem die Ver­ei­ni­gung ihre straf­ba­ren Tätig­kei­ten aus­übt“; vgl. hier­zu Stein, GA 2005, 433, 443[]