Inver­kehr­brin­gen von bedenk­li­chen Arz­nei­mit­teln – und die Fra­ge des Vor­sat­zes

Um den sozia­len Bedeu­tungs­ge­halt der Bedenk­lich­keit eines Arz­nei­mit­tels zu erfas­sen, bedarf es auch der Kennt­nis der tat­säch­li­chen Umstän­de, die für die Abwä­gung des Ver­hält­nis­ses zwi­schen dem bekann­ten Risi­ko und dem Nut­zen von Rele­vanz sind. Die­se muss der Täter nach einer Par­al­lel­wer­tung in der Lai­en­sphä­re rich­tig in sein Vor­stel­lungs­bild auf­ge­nom­men haben, um einen Vor­satz­schuld­vor­wurf zu begrün­den.

Inver­kehr­brin­gen von bedenk­li­chen Arz­nei­mit­teln – und die Fra­ge des Vor­sat­zes

Die Beweis­wür­di­gung ist Sache des Tat­ge­richts. Ihm obliegt es, das Ergeb­nis der Haupt­ver­hand­lung fest­zu­stel­len und zu wür­di­gen. Sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen brau­chen nicht zwin­gend zu sein, es genügt, dass sie mög­lich sind 1. Dabei hat das Revi­si­ons­ge­richt die tat­ge­richt­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung selbst dann hin­zu­neh­men, wenn eine ande­re Beur­tei­lung näher­ge­le­gen hät­te oder über­zeu­gen­der gewe­sen wäre 2. Die revi­si­ons­ge­richt­li­che Prü­fung erstreckt sich allein dar­auf, ob dem Tat­ge­richt Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind. Das ist in sach­lich­recht­li­cher Hin­sicht der Fall, wenn die Beweis­wür­di­gung wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft ist oder gegen Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt 3.

Ein sol­cher Rechts­feh­ler lag im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nicht vor:

Die Schluss­fol­ge­rung, dass der Ange­klag­te von einer hei­len­den Wir­kung der Prä­pa­ra­te aus­ging, ist trag­fä­hig belegt. Ins­be­son­de­re hat sich das Land­ge­richt bei der Wür­di­gung des Vor­stel­lungs­bil­des des Ange­klag­ten mit den von ihm fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen unter allen für die Ent­schei­dung wesent­li­chen Gesichts­punk­ten aus­ein­an­der­ge­setzt. So hat es auch die gegen eine hei­len­de Wir­kung spre­chen­den und dem Ange­klag­ten bekann­ten Aspek­te – die Hin­wei­se des Lie­fe­ran­ten auf die Gif­tig­keit der Aus­gangs­stof­fe, den ste­chen­den Chlor­ge­ruch der Prä­pa­ra­te, der zu Beein­träch­ti­gun­gen geführt habe, sowie die von ihm selbst in der Packungs­bei­la­ge auf­ge­führ­ten mög­li­chen Wir­kun­gen wie Übel­keit und Erbre­chen – in den Blick genom­men. Dass es sich ange­sichts der Ein­nah­me durch den Ange­klag­ten selbst und sei­nes ver­bes­ser­ten Befin­dens, was es durch den vom Sach­ver­stän­di­gen für mög­lich erach­te­ten Pla­ce­bo­Ef­fekt gestützt sah, den wie­der­hol­ten Bestel­lun­gen eini­ger Ver­brau­cher und dem Aus­blei­ben von nega­ti­ven Rück­mel­dun­gen den­noch davon über­zeugt hat, der Ange­klag­te habe die­se schäd­li­chen Wir­kun­gen als "hin­nehm­ba­re Neben­wir­kung" für die von ihm ange­nom­me­nen posi­ti­ven Effek­te – eine Abtö­tung krank­heits­aus­lö­sen­der Kei­me im Kör­per – ange­se­hen, ist ein mög­li­cher Schluss und revi­si­ons­ge­richt­lich nicht zu bean­stan­den.

Dass das Land­ge­richt auf die­ser Grund­la­ge, näm­lich dem Ver­trau­en auf eine hei­len­de Wir­kung, nicht von einem vor­sätz­li­chen Han­deln bei dem Inver­kehr­brin­gen aus­ge­gan­gen ist, erweist sich eben­falls als rechts­feh­ler­frei.

Das Land­ge­richt hat im vor­lie­gen­den Fall die Prä­pa­ra­te MMS und MMS2 zutref­fend als bedenk­li­che Arz­nei­mit­tel im Sin­ne des § 5 Abs. 2 AMG ein­ge­ord­net. Danach sind Arz­nei­mit­tel bedenk­lich, bei denen nach dem jewei­li­gen Stand der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis der begrün­de­te Ver­dacht besteht, dass sie bei bestim­mungs­ge­mä­ßem Gebrauch schäd­li­che Wir­kun­gen haben, die über ein nach den Erkennt­nis­sen der medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft ver­tret­ba­res Maß hin­aus­ge­hen 4. Das Merk­mal der Ver­tret­bar­keit ist ein wert­aus­fül­lungs­be­dürf­ti­ger Begriff, der dahin aus­zu­le­gen ist, dass dar­un­ter sol­che schäd­li­chen Wir­kun­gen fal­len, denen ein über­wie­gen­der the­ra­peu­ti­scher Nut­zen gegen­über­steht 5. Dies setzt sowohl eine Bewer­tung der schäd­li­chen Wir­kun­gen als auch des the­ra­peu­ti­schen Nut­zens nach dem Stand der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se und eine Abwä­gung zwi­schen die­sen bei­den Ele­men­ten, mit­hin von Risi­ko und Nut­zen vor­aus 6.

Sach­ver­stän­dig bera­ten hat das Land­ge­richt sol­che schä­di­gen­den Wir­kun­gen der Prä­pa­ra­te fest­ge­stellt, ange­sichts eines feh­len­den the­ra­peu­ti­schen Nut­zens waren die­se auch nicht ver­tret­bar.

Zu Recht hat das Land­ge­richt die Vor­satz­prü­fung auf die bei­den oben dar­ge­leg­ten Ele­men­te der Bedenk­lich­keit bezo­gen. Denn die­se ergibt sich nicht allein aus der Schäd­lich­keit der Wir­kun­gen. Des­we­gen genügt – anders als vom Gene­ral­bun­des­an­walt in sei­ner Antrags­schrift ver­tre­ten – das Wis­sen um mög­li­che schäd­li­che Wir­kun­gen für sich genom­men nicht, um das Wis­sens­ele­ment des Vor­sat­zes zu erfül­len. Um den sozia­len Bedeu­tungs­ge­halt des Tat­be­stands­merk­mals der Bedenk­lich­keit zu erfas­sen, bedarf es viel­mehr auch der Kennt­nis der tat­säch­li­chen Umstän­de, die für die Abwä­gung des Ver­hält­nis­ses zwi­schen dem bekann­ten Risi­ko und dem Nut­zen von Rele­vanz sind, mit­hin des the­ra­peu­ti­schen Nut­zens der Arz­nei­mit­tel. Die­se müss­te der Ange­klag­te nach einer Par­al­lel­wer­tung in der Lai­en­sphä­re rich­tig in sein Vor­stel­lungs­bild auf­ge­nom­men haben, um einen Vor­satz­schuld­vor­wurf zu begrün­den.

Auf der Grund­la­ge der Fest­stel­lun­gen unter­lag der Ange­klag­te aller­dings einem Irr­tum über den the­ra­peu­ti­schen Nut­zen der Prä­pa­ra­te. Sein Irr­tum bezog sich nicht auf eine recht­li­che Wer­tung, wie sie in der Abwä­gung zwi­schen zutref­fend erkann­tem Risi­ko und Nut­zen zu sehen ist. Viel­mehr konn­te er auf­grund einer Ver­ken­nung von tat­säch­li­chen Umstän­den ein Merk­mal des Tat­be­stands, näm­lich das nicht ver­tret­ba­re Maß der schäd­li­chen Wir­kun­gen, noch nicht ein­mal in sei­ner Lai­en­sphä­re inhalt­lich zutref­fend nach­voll­zie­hen. Ihm fehl­te damit die voll­stän­di­ge Tat­be­stands­kennt­nis, er unter­lag einem Tat­be­standsirr­tum 7.

Aus den Fest­stel­lun­gen zu den dem Ange­klag­ten bewuss­ten mög­li­chen schäd­li­chen Wir­kun­gen der Prä­pa­ra­te – rei­zen­de bis ätzen­de Wir­kung, Durch­fall und Erbre­chen – ergibt sich nicht, dass die­se bei bestim­mungs­ge­mä­ßem Gebrauch 8, also der emp­foh­le­nen Dosis der­art zu gewich­ten wären, dass sie auch bei Annah­me eines the­ra­peu­ti­schen Nut­zens, wie er vom Ange­klag­ten irr­tüm­lich ange­nom­men wur­de, außer Ver­hält­nis gestan­den hät­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juli 2019 – – 1 StR 107/​18

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 28.02.2019 – 1 StR 604/​17 58; und vom 11.02.2016 – 3 StR 436/​1520[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 02.02.2017 – 4 StR 423/​16 8; und vom 24.03.2015 – 5 StR 521/​14 8[]
  3. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 13.07.2016 – 1 StR 94/​16 9 mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 19.09.2017 – 1 StR 72/​17 15; Hof­mann in Kügel/​Müller/​Hofmann, Arz­nei­mit­tel­ge­setz, 2. Aufl., § 5 Rn. 12, 27[]
  5. BGH, Beschluss vom 11.08.1999 – 2 StR 44/​99 2 mwN[]
  6. BGH aaO; Hof­mann aaO Rn. 28[]
  7. vgl. hier­zu Raum in Kügel/​Müller/​Hofmann, aaO, vor § 95 Rn. 17 ff.; Rad­tke in Gedächt­nis­schrift für Joecks, 2018, S. 543, 549 mwN[]
  8. vgl. Raum, aaO, § 95 Rn. 15[]