"ISIS" als aus­län­di­sche ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gung

Bei der Ver­ei­ni­gung "Isla­mi­scher Staat im Irak und in Groß­sy­ri­en/ad-Daw­la al-Isla­mi­ya fil-Iraq wash-Sham (ISIG/​DAAISH)" han­delt es sich nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs um eine Orga­ni­sa­ti­on mit mili­tant­fun­da­men­ta­lis­ti­scher isla­mi­scher Aus­rich­tung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, einen das Gebiet des heu­ti­gen Irak und die his­to­ri­sche Regi­on "ash-Sham" – die heu­ti­gen Staa­ten Syri­en, Liba­non und Jor­da­ni­en sowie Paläs­ti­na – umfas­sen­den und auf ihrer Ideo­lo­gie grün­den­den "Got­tes­staat" zu errich­ten.

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Wer sich den Ansprü­chen die­ser Ver­ei­ni­gung ent­ge­gen­setzt, wird begrif­fen als "Feind des Islam"; die Tötung sol­cher "Fein­de" oder ihre Ein­schüch­te­rung durch Gewalt­ak­te hält sie für ein legi­ti­mes Mit­tel des Kamp­fes.

Die Orga­ni­sa­ti­on geht zurück auf die von Abu Mus­ab az-Zar­qa­wi Anfang 2004 als Wider­stands­grup­pe gegen die US-Prä­senz im Irak gegrün­de­te "Jama’at at-Tau­hid wal-Dschi­had" ("Gemein­schaft des einen Got­tes und des Kamp­fes"). Im Okto­ber 2004 leis­te­te az-Zar­qa­wi die bai’at (den Treue­eid) auf Osa­ma bin Laden und des­sen "al-Qa’ida", wor­auf sich die Grup­pie­rung umbe­nann­te in "Tan­zim Qa’idat al-Jihad fi Bilad ar-Rafi­dain" ("Orga­ni­sa­ti­on der Basis des Jihad im Zwei­strom­land") und bekannt wur­de als "al-Qai­da im Irak (AQI)". Im Dezem­ber 2005 ernann­te bin Laden az-Zar­qa­wi zu sei­nem Stell­ver­tre­ter im Irak. Die "AQI" trat zunächst her­vor mit Angrif­fen auf zivi­le Ange­hö­ri­ge west­li­cher Staa­ten im Irak, die Opfer von Anschlä­gen, Ent­füh­run­gen und – auf sodann ver­brei­te­ten Video­fil­men fest­ge­hal­te­nen – Hin­rich­tun­gen wur­den. Ab Herbst 2005 ver­leg­te sie sich auf medi­en­wirk­sa­me Spreng­stoff­an­schlä­ge, vor­nehm­lich in Bag­dad und im Nord­west­irak, aber am 9.11.2005 auch auf meh­re­re Hotels in Amman/​Jordanien.

Anfang 2006 schloss sich die "AQI" zunächst unter der Dach­or­ga­ni­sa­ti­on "Schu­ra-Rat der Mud­scha­hed­din im Irak" mit wei­te­ren Grup­pie­run­gen zusam­men. Nach Zar­qa­wis Tod im Juni 2006 rief des­sen Nach­fol­ger Abu Ayyub al-Mas­ri im Okto­ber 2006 einen das Gebiet von Bag­dad und meh­re­re Nord­west­pro­vin­zen umfas­sen­den isla­mi­schen Staat aus und benann­te den Zusam­men­schluss um in "ad-Daw­lat al-Isla­mi­ya fil-Iraq" ("Isla­mi­scher Staat im Irak", "ISI"). Die von den USA gegen den "ISI" ins Leben geru­fe­ne und mit Waf­fen aus­ge­rüs­te­te, zeit­wei­se bis zu 100.000 Stam­mes­an­ge­hö­ri­ge umfas­sen­de "Erwe­ckungs­be­we­gung" führ­te zu kei­ner ent­schei­den­den Schwä­chung. So fie­len den Auto­bom­ben- und Selbst­mord­an­schlä­gen des "ISI" im Irak allein 2007 etwa 1.900 Men­schen zum Opfer; 2008 bis 2012 kam es bei Anschlä­gen vor allem auf schii­ti­sche Mosche­en und Pil­ger sowie auf fre­quen­tier­te Märk­te zu ins­ge­samt etwa 3.000 Toten.

Im Früh­jahr 2010 wur­de al-Mas­ri bei einer Ope­ra­ti­on der US-Armee und der ira­ki­schen Regie­rungs­trup­pen getö­tet. Sein Nach­fol­ger wur­de Abu Bakr al-Bagh­da­di. Unter des­sen Füh­rung betei­lig­te sich der "ISI" nach dem am 11.02.2012 ver­öf­fent­lich­ten Auf­ruf des zwi­schen­zeit­li­chen al-Qai­da-Anfüh­rers Aiman az-Zawa­hi­ri an die Mus­li­me des Nahen Ostens, den Kampf gegen das Assad-Régime auf­zu­neh­men, auch am syri­schen Bür­ger­krieg. Dabei koope­rier­te er unter ande­rem mit der 2011 gegrün­de­ten; vom Syrer Muham­mad al-Jaw­la­ni ange­führ­ten Kämp­fer­grup­pe "Jabhat an-Nus­ra li Ahl ash-Sham" ("Hilfs­front für das syri­sche Volk"; "an-Nus­ra-Front"), deren Aktio­nen sich vor­nehm­lich gegen Ein­rich­tun­gen und Ange­hö­ri­ge der Assad-Armee rich­te­ten. Im April 2013 ver­kün­de­te al-Bagh­da­di die Ver­ei­ni­gung von "ISI" und "an-Nus­ra" zum "Isla­mi­schen Staat im Irak und in Groß­sy­ri­en/ad-Daw­lat al-Isla­mi­ya fil-Iraq wash-Sham (ISIG/​DAAISH)". Dem wider­sprach al-Jaw­la­ni und leis­te­te sei­ner­seits die bai’at auf az-Zawa­hi­ri, wor­auf die­ser den Zusam­men­schluss annul­lier­te und bei­de Par­tei­en zur Bei­le­gung ihrer Strei­tig­kei­ten auf der Grund­la­ge einer Gebiets­ab­gren­zung – "ISIG" im Irak, "an-Nus­ra" in Syri­en – auf­rief. Dies führ­te zum Bruch al-Bagh­da­dis sowohl mit "al-Qa’ida" als auch mit "an-Nus­ra". In Ver­öf­fent­li­chun­gen vom 15. und 28.06.2013 warf er az-Zawa­hi­ri die "Hei­lig­spre­chung" des Sykes-Picot-Abkom­mens vor und erklär­te "an-Nus­ra" zum Teil des "ISIG" sowie al-Jaw­la­ni zum "Abtrün­ni­gen".

Dem "ISIG" gelang es, sich in eini­gen Regio­nen Nord­sy­ri­ens als Ord­nungs­macht fest­zu­set­zen. Aus dem Kampf gegen das Assad-Régime zog sich die Orga­ni­sa­ti­on in der Fol­ge weit­ge­hend zurück und kon­zen­trier­te sich auf die Macht­er­hal­tung in den von ihr beherrsch­ten Gebie­ten. Ange­hö­ri­ge ande­rer Oppo­si­ti­ons­grup­pen sowie die Tei­le der Zivil­be­völ­ke­rung, die den Herr­schafts­an­spruch des "ISIG" in Fra­ge stell­ten, sahen sich Ver­haf­tung, Fol­ter und Hin­rich­tung aus­ge­setzt. Im August 2013 kam es bei Ope­ra­tio­nen meh­re­rer Grup­pen in der Pro­vinz Lata­kia unter der Füh­rung des "ISIG" zu Mas­sa­kern unter der regie­rungs­treu­en ala­wi­ti­schen Zivil­be­völ­ke­rung, denen 190 Men­schen zum Opfer fie­len; wei­te­re ca.200 wur­den ent­führt. Unter den syri­schen Oppo­si­ti­ons­grup­pen ist die Orga­ni­sa­ti­on wegen des von ihr ein­ge­schla­ge­nen Weges zwi­schen­zeit­lich iso­liert; teils im offe­nen Kampf gegen den "ISIG" haben ande­re Grup­pie­run­gen in eini­gen Regio­nen wie­der die Ober­hand gewon­nen. Auch "al-Qa’ida" distan­zier­te sich Mit­te Mai 2014 aus­drück­lich vom Vor­ge­hen des "ISIG".

Wegen der Par­tei­nah­me der liba­ne­si­schen "Hiz­bol­lah" für das Assad-Régime ver­üb­te der "ISIG" fer­ner am 2.01.2014 einen Bom­ben­an­schlag in einem schii­ti­schen Wohn­ge­biet in Bei­rut, der vier Men­schen töte­te und 77 ver­letz­te. Dane­ben kam es zu wei­te­ren Aktio­nen im Irak, so zu dem Über­fall auf die Gefäng­nis­se in Abu Ghu­raib und Tad­shi am 22.07.2013 sowie einen Selbst­mord­an­schlag in Arbil am 29.09.2013 mit jeweils meh­re­ren Todes­op­fern. Anfang Juni 2014 gelang es ihm, die Stadt Mosul unter sei­ne Gewalt zu brin­gen.

Die Füh­rung des "ISIG" besteht aus dem "Emir", der­zeit Abu Bakr al-Bagh­da­di, dem "Minis­ter" als Ver­ant­wort­li­che für ein­zel­ne Berei­che unter­stellt sind, so ein "Kriegs­mi­nis­ter" und ein "Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter". Zuge­ord­net sind der Füh­rungs­ebe­ne bera­ten­de "Shu­ra-Räte" sowie "Gerich­te", die über die Ein­hal­tung der Regeln der Sharia wachen. Ver­öf­fent­li­chun­gen wer­den in der Medi­en­ab­tei­lung "Al-Fur­qan" pro­du­ziert und über die Medi­enstel­le "al‑I’tisam" ver­brei­tet. Das auch von den Kampf­ein­hei­ten ver­wen­de­te Sym­bol der Ver­ei­ni­gung besteht aus dem "Pro­phe­ten­sie­gel", einem wei­ßen Oval mit der Inschrift: "Allah – Rasul – Muham­mad", auf schwar­zem Grund, über­schrie­ben mit dem isla­mi­schen Glau­bens­be­kennt­nis.

Die etwa 10.000 Kämp­fer – im Kern bestehend aus sun­ni­ti­schen Tei­len der ehe­ma­li­gen Streit­kräf­te des Regimes von Sad­dam Hus­sein – sind dem "Kriegs­mi­nis­ter" unter­stellt und in loka­le Kampf­ein­hei­ten mit jeweils einem Kom­man­deur geglie­dert.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Juli 2014 – AK 16/​14