Jugend­straf­recht – und die Ein­zie­hung des Wert­er­sat­zes

Die Rege­lun­gen der §§ 73 Abs. 1, 73c StGB sehen auch im Jugend­straf­recht die Anord­nung der Ein­zie­hung des Wer­tes von Tat­erträ­gen als zwin­gen­de Rechts­fol­ge vor.

Jugend­straf­recht – und die Ein­zie­hung des Wert­er­sat­zes

Es hat bereits der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung in Bezug auf die frü­he­ren Vor­schrif­ten zum Recht der Ver­mö­gens­ab­schöp­fung gemäß §§ 73 ff. StGB aF ent­spro­chen, dass die Ver­hän­gung der dort vor­ge­se­he­nen Maß­nah­men über die Ver­wei­sung in § 2 Abs. 2 JGG i.V.m. § 8 Abs. 3 JGG auch im Jugend­straf­recht zuläs­sig war, und zwar unab­hän­gig davon, ob der Wert des Erlang­ten noch im Ver­mö­gen des Jugend­li­chen vor­han­den war. Die­se gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dung, wonach der Ver­mei­dung von Här­ten allein die Vor­schrift des § 73c StGB aF dien­te, durf­te nicht unter Beru­fung auf erzie­he­ri­sche Inter­es­sen unter­lau­fen wer­den 1.

Die umfas­sen­de Neu­re­ge­lung der straf­recht­li­chen Ver­mö­gens­ab­schöp­fung mit dem Weg­fall der Här­te­fall­klau­sel des § 73c StGB aF gibt kei­nen Anlass zu einer Neu­be­wer­tung 2. Die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung hat den Rechts­cha­rak­ter der Maß­nah­me nicht ver­än­dert 3.

Anstel­le einer Berück­sich­ti­gung der finan­zi­el­len Situa­ti­on des Täters oder Teil­neh­mers bereits im Erkennt­nis­ver­fah­ren ist zur Ver­mei­dung unbil­li­ger Här­te nun­mehr im Rah­men des Voll­stre­ckungs­ver­fah­rens nach § 459g Abs. 5 Satz 1 StPO die Mög­lich­keit getre­ten, von einer Voll­stre­ckung der Ein­zie­hungs­ent­schei­dung abzu­se­hen. Die voll­stre­ckungs­recht­li­che Här­te­klau­sel schützt den Betrof­fe­nen eben­so wir­kungs­voll vor über­mä­ßi­gen Ein­grif­fen wie § 73c StGB aF 4. Bei einer Ent­rei­che­rung oder sons­ti­gen Unver­hält­nis­mä­ßig­keit der Voll­stre­ckung stellt sich die Neu­re­ge­lung für den Ange­klag­ten sogar güns­ti­ger dar, weil nach § 459g Abs. 5 Satz 1 StPO eine Voll­stre­ckung der Ein­zie­hungs­an­ord­nung zwin­gend zu unter­blei­ben hat 5.

Im Rah­men der Neu­re­ge­lung der Ver­mö­gens­ab­schöp­fung hat der Gesetz­ge­ber kei­nen Anlass gese­hen, Son­der­re­ge­lun­gen für das Jugend­straf­ver­fah­ren zu tref­fen 6 und Maß­nah­men der Ein­zie­hung etwa den nach der Aus­nah­me­vor­schrift des § 6 Abs. 1 JGG unzu­läs­si­gen Neben­fol­gen zuzu­ord­nen. Viel­mehr hat er die Anwend­bar­keit des Insti­tuts der Ein­zie­hung bzw. der Wert­er­satz­ein­zie­hung auch wei­ter­hin für das gesam­te Straf­recht ange­ord­net, was sich für das Jugend­straf­recht mit­tel­bar dar­aus ergibt, dass er an der Rege­lung des § 76 Satz 1 JGG über die Vor­aus­set­zun­gen des ver­ein­fach­ten Jugend­ver­fah­rens fest­ge­hal­ten und sie ledig­lich redak­tio­nell 7 ange­passt hat.

Im Rah­men der nun­mehr im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren vor­zu­neh­men­den Här­te­fall­prü­fung, die bei Jugend­li­chen in der Zustän­dig­keit des Jugend­ge­richts liegt (§ 82 Abs. 1 JGG), sind sowohl der Umstand der Ent­rei­che­rung als auch sons­ti­ge für die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit maß­geb­li­chen Aspek­te und damit im Jugend­straf­recht ins­be­son­de­re auch erzie­he­ri­sche Erwä­gun­gen zu berück­sich­ti­gen, wobei ohne­hin die Abschöp­fung der Erträ­ge aus Straf­ta­ten dem Erzie­hungs­ge­dan­ken regel­mä­ßig ent­spre­chen wird 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Mai 2019 – 5 StR 95/​19

  1. vgl. BGH, Urteil vom 17.06.2010 – 4 StR 126/​10, BGHSt 55, 174, 177 f., mit zust. Anm. Alten­hain, NStZ 2011, 272[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 24.05.2018 – 5 StR 623/​17 und 624/​17; vom 21.11.2018 – 2 StR 262/​18, NStZ 2019, 221, 222 mit abl. Anm. Eisen­berg; Beschluss vom 24.01.2019 – 5 StR 475/​18; OLG Frank­furt, Beschluss vom 21.03.2019 – 2 Ss 379/​18; Münch­Komm-StG­B/Laue, 3. Aufl., § 6 JGG Rn. 8[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 06.02.2018 – 5 StR 600/​17, NStZ 2018, 366, 367 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 15.05.2018 – 1 StR 651/​17, NStZ-RR 2018, 241, 242 f.; Beschluss vom 22.03.2018 – 3 StR 577/​17, wis­tra 2018, 427 f.; Köh­ler, NStZ 2018, 731, 732[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 27.09.2018 – 4 StR 78/​18, NStZ-RR 2019, 22, 23; Beschluss vom 22.03.2018 – 3 StR 577/​17 aaO[]
  6. vgl. Kor­te, NZWiSt 2018, 231, 232 f.[]
  7. vgl. BT-Drs. 18/​9525 S. 104[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 17.06.2010 – 4 StR 126/​10, aaO, S. 179 Rn. 13; Kor­te, aaO, S. 233[]