Kan­ni­ba­lis­mus – und der unbe­ding­te Todes­wunsch des Opfers

Die Ent­schei­dung des Gro­ßen Bun­des­ge­richts­hofs für Straf­sa­chen 1, wonach von der Ver­hän­gung der nach § 211 Abs. 1 StGB bei einer Ver­ur­tei­lung wegen Mor­des vor­ge­schrie­be­nen lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe abge­se­hen wer­den kann, wenn deren Mil­de­rung nach § 49 Abs. 1 Nr. 1 StGB aus Grün­den des ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­ten Über­maß­ver­bots für zwin­gend gebo­ten erach­tet wird 2, betraf allein das Mord­merk­mal der Heim­tü­cke. Eine Anwen­dung der inso­fern auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze auch auf die hier erfüll­ten Mord­merk­ma­le der Befrie­di­gung des Geschlechts­trie­bes sowie der Ermög­li­chungs­ab­sicht ist von Ver­fas­sungs wegen nicht ohne Wei­te­res gebo­ten 3.

Kan­ni­ba­lis­mus – und der unbe­ding­te Todes­wunsch des Opfers

Die­se Rechts­fol­gen­lö­sung ero?ffnet nicht all­ge­mein einen Son­der­straf­rah­men für "min­der schwe­re" Fäl­le. Viel­mehr müs­sen "Ent­las­tungs­fak­to­ren, die den Cha­rak­ter außer­ge­wöhn­li­cher Umstän­de haben", vor­lie­gen, so "dass jener ‚Grenz­fall‘ 4 ein­tritt, in wel­chem die Ver­hän­gung lebens­lan­ger Frei­heits­stra­fe trotz der Schwe­re des tat­be­stands­mä­ßi­gen Unrechts wegen erheb­lich gemin­der­ter Schuld unver­hält­nis­mä­ßig wäre" 5.

Dies soll etwa bei Taten in Betracht gezo­gen wer­den kön­nen, die durch eine not­stands­na­he, aus­weg­los erschei­nen­de Situa­ti­on moti­viert, in gro­ßer Ver­zweif­lung began­gen, aus tie­fem Mit­leid oder aus "gerech­tem Zorn" auf Grund einer schwe­ren Pro­vo­ka­ti­on ver­übt wor­den sind oder in einem vom Opfer ver­ur­sach­ten und stän­dig neu ange­fach­ten, zer­mür­ben­den Kon­flikt oder in schwe­ren Krän­kun­gen des Täters durch das Opfer, die das Gemüt immer wie­der hef­tig bewe­gen, ihren Grund haben 6. Es müs­sen schuld­min­dern­de Umstän­de beson­de­rer Art vor­lie­gen, die in ihrer Gewich­tung gesetz­li­chen Mil­de­rungs­grün­den ver­gleich­bar sind und im Hin­blick auf die über­ra­gen­de Bedeu­tung des geschütz­ten Rechts­guts nicht vor­ei­lig bejaht wer­den dür­fen 7.

Ein sol­cher Aus­nah­me­fall liegt bei einer u.a. zur Selbst­be­frie­di­gung durch­ge­führ­ten Schlach­tung nicht vor. Der Täter han­del­te hier nicht aus einer außer­ge­wöhn­li­chen Not­la­ge her­aus; er befand sich auch nicht in einer den ange­führ­ten Bei­spie­len ent­spre­chen­den not­stands­na­hen Bedräng­nis. Viel­mehr töte­te er pri­mär zur Befrie­di­gung sei­nes Geschlechts­triebs und damit in beson­ders ver­werf­li­cher Wei­se. Dabei erwächst der gestei­ger­te Unwert der Tat aus dem gro­ben Miss­ver­hält­nis von Mit­tel und Zweck, indem der Täter das Leben eines ande­ren Men­schen der Befrie­di­gung eige­ner Geschlechts­lust unter­ord­net 8.

Hier­an ver­moch­te auch der Wunsch des Tat­op­fers, getö­tet zu wer­den, nichts zu ändern. Das mensch­li­che Leben steht in der Wer­te­ord­nung des Grund­ge­set­zes – ohne zuläs­si­ge Rela­ti­vie­rung – an obers­ter Stel­le der zu schüt­zen­den Rechts­gü­ter 9. Hier­durch wird auch die sich aus § 216 StGB erge­ben­de Ein­wil­li­gungs­sper­re legi­ti­miert 10. Nur unter den engen – hier ver­nein­ten 11 – Vor­aus­set­zun­gen die­ser Vor­schrift kann eine Ein­wil­li­gung bei einer vor­sätz­li­chen Tötung eines Men­schen Bedeu­tung erlan­gen und die Tat in einem mil­de­ren Licht erschei­nen las­sen. Ein Abse­hen von der Ver­hän­gung der lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe kommt mit­hin vor­lie­gend nicht in Betracht und kann auch nicht auf die kaum ver­ständ­li­che Erwä­gung gestützt wer­den, das Opfer habe getö­tet, zer­stü­ckelt und ver­speist wer­den wol­len und sei nicht ledig­lich – wie das Opfer in dem Fall, der der Ent­schei­dung aus dem Jahr 2005 zugrun­de lag 12 – mit sei­ner Tötung ein­ver­stan­den gewe­sen, um das Ziel einer Penis­am­pu­ta­ti­on zu ver­wirk­li­chen.

Ange­sichts des­sen braucht der Bun­des­ge­richts­hof nicht zu ent­schei­den, ob die tat­ge­richt­li­che Ein­schät­zung, das Opfer sei nicht infol­ge einer psy­chi­schen Erkran­kung o.ä. in sei­ner Ent­schluss­frei­heit beein­träch­tigt gewe­sen, auf einer hin­rei­chen­den Prü­fung beruht. Er kann auch offen las­sen, ob an der soge­nann­ten Rechts­fol­gen­lö­sung über­haupt fest­zu­hal­ten ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. April 2016 – – 5 StR 504/​15

  1. BGH, Beschluss vom 19.05.1981 – GSSt 1/​81, BGHSt 30, 105[]
  2. vgl. BVerfGE 45, 187[]
  3. BVerfG, NJW 2009, 1061, 1062 ff.[]
  4. BVerfGE 45, 187, 266, 267[]
  5. BGH, Beschluss vom 19.05.1981 – GSSt 1/​81, aaO, 118 f.[]
  6. BGH, Beschluss vom 19.05.1981 – GSSt 1/​81, aaO, 119[]
  7. BGH, Urtei­le vom 10.05.2005 – 1 StR 30/​05, BGHR StGB § 211 Abs. 1 Straf­mil­de­rung 7; vom 23.11.2004 – 1 StR 331/​04, NStZ 2005, 154, 155[]
  8. BGH, Urteil vom 22.04.2005 – 2 StR 310/​04, BGHSt 50, 80, 86; BVerfG, NJW 2009, 1061, 1063[]
  9. BGH, Urteil vom 07.02.2001 – 5 StR 474/​00, BGHSt 46, 279[]
  10. BGH, Urteil vom 20.05.2003 – 5 StR 66/​03, NStZ 2003, 537[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 22.04.2005 – 2 StR 310/​04, BGHSt 50, 80, 91 f.[]
  12. BGH, Urteil vom 22.04.2005 – 2 StR 310/​04, BGHSt 50, 80, 86[]