The­ra­pie­un­ter­brin­gung statt Siche­rungs­ver­wah­rung

Der Anwen­dungs­be­reich des The­ra­pie­un­ter­brin­gungs­ge­set­zes ist nicht eröff­net, wenn die Ent­las­sung aus der Siche­rungs­ver­wah­rung auf­grund der ein­ge­schränk­ten Anwend­bar­keit des § 67d Abs. 3 S. 1 StGB gemäß den Urtei­len des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Mai 2011[/post] 1 erfolgt ist. Dann beruht die Ent­las­sung nicht – wie in § 1 Abs. 1 ThUG aus­drück­lich vor­aus­ge­setzt – auf einem Ver­bot rück­wir­ken­der Ver­schär­fun­gen im Recht der Siche­rungs­ver­wah­rung.

The­ra­pie­un­ter­brin­gung statt Siche­rungs­ver­wah­rung

Nach § 1 Abs. 1 ThUG kommt die Anord­nung einer Unter­brin­gung nach die­sem Gesetz nur dann in Betracht, wenn auf Grund einer rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung fest­steht, dass eine wegen einer Straf­tat der in § 66 Abs. 3 S. 1 StGB genann­ten Art ver­ur­teil­te Per­son des­halb nicht län­ger in der Siche­rungs­ver­wah­rung unter­ge­bracht wer­den kann, weil ein Ver­bot rück­wir­ken­der Ver­schär­fun­gen im Recht der Siche­rungs­ver­wah­rung zu berück­sich­ti­gen ist.

In der Geset­zes­be­grün­dung wird hier­bei aus­drück­lich auf das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 17. Dezem­ber 2009 2 Bezug genom­men. Hier­in erach­te­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te die nach­träg­li­che Ver­län­ge­rung der frü­he­ren Zehn­jah­res­höchst­frist des § 67d Abs. 3 S. 1 StGB als eine Ver­let­zung von Art. 7 Abs. 1 der EMRK, nach dem nie­mand wegen einer Hand­lung oder Unter­las­sung ver­ur­teilt wer­den darf, die zur Zeit ihrer Bege­hung nach inner­staat­li­chem oder inter­na­tio­na­lem Recht nicht straf­bar war. Nach Auf­fas­sung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te han­delt es sich bei der Siche­rungs­ver­wah­rung um eine Stra­fe in die­sem Sin­ne, so dass deren nach­träg­li­che Ver­län­ge­rung eine zusätz­li­che Stra­fe dar­stellt 2. In der Fol­ge wur­den unter Bezug­nah­me auf die­ses Urteil in einer gan­zen Rei­he ober­ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen 3 und das dar­in ange­nom­me­ne Rück­wir­kungs­ver­bot Siche­rungs­ver­wahr­te nach Errei­chen der Zehn­jah­res­gren­ze ent­las­sen.

Der Gesetz­ge­ber schuf das The­ra­pie­un­ter­brin­gungs­ge­setz genau für die­se soge­nann­ten Par­al­lel­fäl­le, in denen infol­ge des Urteils des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 17.12.2009 wei­ter­hin als gefähr­lich ein­ge­stuf­te Straf­tä­ter aus der Siche­rungs­ver­wah­rung ent­las­sen wur­den oder künf­tig noch ent­las­sen wer­den muss­ten. Er nahm auf­grund der ange­führ­ten ober­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen an, dass die durch das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te betrof­fe­nen Per­so­nen durch das aktu­el­le Recht der Siche­rungs­ver­wah­rung nicht mehr wei­ter inhaf­tiert bzw. unter­ge­bracht wer­den kön­nen, so dass er für die­sen Teil der „Alt­fäl­le“ das The­ra­pie­un­ter­ge­setz als eine eng begrenz­te Über­gangs­re­ge­lung bis zum Wirk­sam­wer­den einer ander­wei­ti­gen Neu­ord­nung erließ 4.

Im vor­lie­gen­den Fall ist der Betrof­fe­ne gera­de nicht auf­grund einer sol­chen rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung aus der Siche­rungs­ver­wah­rung ent­las­sen wor­den.

Die nach dem Erlass des The­ra­pie­un­ter­brin­gungs­ge­setz am 22.12.2010 ergan­ge­nen Urtei­le des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Mai 2011 5 und des Bun­des­ge­richts­hofs vom 23. Mai 2011 6 spra­chen sich ent­ge­gen der Erwar­tung des Gesetz­ge­bers für eine wenn auch zeit­lich begrenz­te Fort­gel­tung der aktu­el­len Rege­lun­gen über die Siche­rungs­ver­wah­rung aus. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt knüpf­te die Fort­gel­tung der hier rele­van­ten Norm des § 67d Abs. 3 S. 1 StGB aber an stren­ge Vor­aus­set­zun­gen unter Rück­griff auf die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen des The­ra­pie­un­ter­brin­gungs­ge­set­zes.

Dabei begrün­de­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die ein­ge­schränk­te Anwend­bar­keit des § 67d Abs. 3 S. 1 StGB aus­drück­lich nicht mit einem Ver­bot rück­wir­ken­der Ver­schär­fun­gen im Recht der Siche­rungs­ver­wah­rung, wie dies der Geset­zes­wort­laut in § 1 Abs. 1 ThUG vor­aus­setzt. Das Rück­wir­kungs­ver­bot gel­te nicht für die Maß­re­gel der Siche­rungs­ver­wah­rung, da sich der schul­d­un­ab­hän­gi­ge prä­ven­ti­ve Frei­heits­ent­zug der Siche­rungs­ver­wah­rung von einer „Stra­fe“ qua­li­ta­tiv unter­schei­de 7. Das Ver­trau­en auf ein Ende der Siche­rungs­ver­wah­rung nach Ablauf von zehn Jah­ren sei viel­mehr im Rah­men des Frei­heits­grund­rechts (Art. 2 Abs. 2 S. 2 GG) ver­fas­sungs­recht­lich zu berück­sich­ti­gen 8.

Auch das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he leg­te aus­drück­lich dar, die Erle­di­gung der Siche­rungs­ver­wah­rung beru­he nicht dar­auf, dass auf­grund der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 17.12.2009 ein Rück­wir­kungs­ver­bot gel­ten wür­de. Die­se Recht­spre­chung sei mit bin­den­dem Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs für rechts­feh­ler­haft erklärt wor­den, so dass ein Voll­stre­ckungs­hin­der­nis nicht vor­lie­ge 9. Es änder­te inso­weit sei­ne frü­he­re stän­di­ge Recht­spre­chung aus­drück­lich ab.

Die Erle­di­gung der – nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Mai 2011 noch wei­ter voll­streck­ba­ren, obwohl über zehn Jah­re hin­aus­ge­hen­den – Siche­rungs­ver­wah­rung wur­de viel­mehr des­halb ange­ord­net, weil die an den mate­ri­el­len Vor­ga­ben des § 1 Abs. 1 ThUG ori­en­tier­ten wei­te­ren Beweis­erhe­bun­gen weder eine rele­van­te psy­chi­sche Stö­rung des Betrof­fe­nen erga­ben, noch eine von ihm aus­ge­hen­de erhöh­te Rück­fall­ge­fahr bejaht wer­den konn­te.

Die Tat­sa­che, dass die Antrag­stel­le­rin mit die­sen rechts­kräf­ti­gen Fest­stel­lun­gen des Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he nicht über­ein­stimmt, recht­fer­tigt kein Unter­brin­gungs­ver­fah­ren gem. § 5 ThUG, da für ein sol­ches Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers nur Raum besteht, wenn die zustän­di­ge Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer auf­grund der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 17.12.2009 an einer inhalt­li­chen Über­prü­fung der Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung gehin­dert gewe­sen wäre.

Land­ge­richt Frei­burg, Beschluss vom 22. Janu­ar 2013 – 7 O 1/​12 TH

  1. BVerfG, Urtei­le vom 04.05.2011 – 2 BvR 2365/​09, 2 BvR 740/​10, 2 BvR 2333/​08, 2 BvR 571/​10 und 2 BvR 1152/​10, NJW 2011, 1931 ff.[]
  2. EGMR, Urteil vom 17.12.2009 – Nr.19359/​04[][]
  3. vgl. die Nach­wei­se in der Geset­zes­be­grün­dung, BT-Drs. 17/​3403 vom 26.10.2010, S. 14[]
  4. BT-Drs. 17/​3403, S.19[]
  5. BVerfG, Urtei­le vom 04.05.2011 – 2 BvR 2333/​08, 2 BvR 2365/​09, 2 BvR 571/​10, 2 BvR 740/​10, 2 BvR 1152/​10, NJW 2011, 1931 ff.[]
  6. BGH, Beschluss vom 23.05.2011 – 5 StR 394/​10, 440/​10 und 474/​10, BGHSt 56, 248[]
  7. BVerfG, a.a.O., Rn. 100[]
  8. BVerfG, a.a.O., Rn. 131 ff.[]
  9. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 14.12.2011 – 2 Ws 43/​11[]
  10. OLG Stutt­gart, Beschluss vom 19.08.2010 – 1 Ws 57/​10[]