Kei­ne Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – wegen feh­len­der Sprach­kennt­nis­se

Vor der Maß­re­gel­an­ord­nung der Unter­brin­gung des Ange­klag­ten in einer Ent­zie­hungs­an­stalt kann abge­se­hen wer­den, wenn es an einer hin­rei­chend kon­kre­ten Aus­sicht auf einen Behand­lungs­er­folg im Sin­ne von § 64 Satz 2 StGB fehlt, weil ange­sichts der nur rudi­men­tä­ren Beherr­schung der deut­schen Spra­che Selbst­re­flek­ti­on und The­ra­pie­ge­sprä­che nicht mög­lich sind.

Kei­ne Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – wegen feh­len­der Sprach­kennt­nis­se

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs besteht aller­dings Über­ein­stim­mung dahin, dass es auch nach der Umge­stal­tung von § 64 StGB zur Soll­Vor­schrift durch die Geset­zes­no­vel­le vom 16.07.2007 1 im Grund­satz dabei ver­blei­ben soll, dass die Sprachun­kun­dig­keit eines Aus­län­ders nicht ohne Wei­te­res allein ein Grund für einen Ver­zicht auf sei­ne Unter­brin­gung sein kann 2. So genügt es regel­mä­ßig für eine erfolg­ver­spre­chen­de Maß­re­gel­an­ord­nung, wenn der Betref­fen­de zumin­dest über Grund­kennt­nis­se der deut­schen Spra­che ver­fügt 3.

Hin­ge­gen muss nicht gegen jeden Sprachun­kun­di­gen eine Unter­brin­gung nach § 64 StGB ange­ord­net wer­den, ins­be­son­de­re wenn eine the­ra­peu­tisch sinn­vol­le Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ihm abseh­bar nur schwer oder gar nicht mög­lich sein wird 4. Bei weit­ge­hen­der Sprachun­kun­dig­keit wird die Annah­me feh­len­der Erfolgs­aus­sicht nahe lie­gen 5.

Im Übri­gen beab­sich­tig­te der Gesetz­ge­ber mit der Umge­stal­tung von § 64 StGB zu einer Soll­Vor­schrift auch die Scho­nung der Behand­lungs­ka­pa­zi­tä­ten, die bis dahin durch eine nicht zu ver­nach­läs­si­gen­de Anzahl von in Anbe­tracht des Hei­lungs­zwecks weni­ger geeig­ne­ten Per­so­nen blo­ckiert wur­den 6.

Des­halb soll­te nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers ein Abse­hen von der Maß­re­gel­an­ord­nung ins­be­son­de­re bei aus­rei­se­pflich­ti­gen Aus­län­dern ermög­licht wer­den, bei denen infol­ge erheb­li­cher sprach­li­cher Ver­stän­di­gungs­pro­ble­me eine erfolg­ver­spre­chen­de The­ra­pie kaum vor­stell­bar ist 7.

Der Tatrich­ter hat anhand die­ser Kri­te­ri­en die für sei­ne Ent­schei­dung maß­geb­li­chen Umstän­de im Urteil für das Revi­si­ons­ge­richt nach­prüf­bar dar­zu­le­gen 8.

Die­sen vor­ge­nann­ten Maß­stä­ben wur­de im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung gerecht:

Die Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts bie­ten aus­rei­chen­de Anhalts­punk­te für die Annah­me, die Aus­gangs­be­din­gun­gen für eine The­ra­pie des Ange­klag­ten im Maß­re­gel­voll­zug sei­en wegen der feh­len­den Kennt­nis­se der deut­schen Spra­che sehr ungüns­tig und erfor­der­ten daher einen nicht zu leis­ten­den Auf­wand.

Der Ange­klag­te ist in Litau­en auf­ge­wach­sen, hat dort mit Ehe­frau und dem gemein­sa­men klei­nen Sohn sei­nen Lebens­mit­tel­punkt, hat kei­ne Berufs­aus­bil­dung absol­viert und in sei­nem Hei­mat­land zudem bereits zwei Frei­heits­stra­fen von ins­ge­samt etwa vier Jah­ren ver­büßt. Er ist erst­mals im Februar/​März 2016 – unmit­tel­bar vor den von ihm began­ge­nen Straf­ta­ten, mit denen er sei­nen Lebens­un­ter­halt bestrei­ten woll­te, – in die Bun­des­re­pu­blik ein­ge­reist. Er ist der deut­schen Spra­che kaum mäch­tig; durch­ge­hend muss­te – selbst für ein­fa­che Fra­gen – eine Sprach­mitt­lung sowohl bei der Explo­ra­ti­on durch den Sach­ver­stän­di­gen wie auch in der Haupt­ver­hand­lung durch einen Dol­met­scher statt­fin­den.

Soweit der Gene­ral­bun­des­an­walt zu Beden­ken gibt, die Straf­kam­mer hät­te erwä­gen müs­sen, dass der Ange­klag­te zumin­dest grund­le­gen­de Kennt­nis­se der deut­schen Spra­che wäh­rend der Dau­er des Vor­weg­voll­zugs erwer­ben könn­te 9, ist nicht zu besor­gen, dass das Land­ge­richt den von ihm anzu­wen­den­den Prü­fungs­maß­stab ver­kannt hat.

Dass der Ange­klag­te der deut­schen Spra­che nicht mäch­tig ist, als litaui­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger mit stän­di­gem Wohn­sitz im Aus­land über kei­ner­lei sozia­le Bin­dun­gen in Deutsch­land ver­fügt, sich hier ledig­lich vor­über­ge­hend mit dem aus­schließ­li­chen Ziel auf­hielt, Straf­ta­ten zu bege­hen, hat das Land­ge­richt erkenn­bar im Blick gehabt. Dass der Ange­klag­te grund­le­gen­de Kennt­nis­se der deut­schen Spra­che wäh­rend der Dau­er des Vor­weg­voll­zugs erwer­ben könn­te, ist hier fern lie­gend und bedurf­te des­we­gen kei­ner aus­drück­li­chen Erör­te­rung.

Dafür spricht auch, dass der Ange­klag­te zwar in der – zum Zeit­punkt des erst­in­stanz­li­chen Urteils bereits fünf Mona­te andau­ern­den – Unter­su­chungs­haft mit einem Deutsch­kurs begon­nen hat, gleich­wohl aber nach wie vor jeg­li­che Ver­stän­di­gung – auch mit dem Sach­ver­stän­di­gen wäh­rend sei­ner Explo­ra­ti­on – nur mit Hil­fe eines Dol­met­schers mög­lich war. Hin­zu kommt, dass dem Ange­klag­ten gemäß § 53 Abs. 1, § 54 Abs. 1 Nr. 1 Auf­en­thG die Aus­wei­sung droht.

Nach alle­dem war es hier für den Bun­des­ge­richts­hof aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den, dass das Land­ge­richt hier von der Anord­nung der Unter­brin­gung abge­se­hen hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. April 2018 – 2 StR 14/​18

  1. BGBl. I 1327[]
  2. vgl. nur BGH, Beschluss vom 17.08.2011 5 StR 255/​11, StV 2012, 281, 282; BGH, Beschluss vom 12.03.2014 2 StR 436/​13, StV 2014, 545; BGH, Urteil vom 06.07.2017 4 StR 124/​17, BGHR StGB § 64 Satz 2 Erfolgs­aus­sicht 4, jeweils unter Bezug­nah­me auf den Bericht und die Beschluss­emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses, BT-Drs. 16/​5137, S. 10[]
  3. BGH, Beschluss vom 20.06.2001 3 StR 209/​01, NStZ-RR 2002, 7[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 28.10.2008 5 StR 472/​08, BGHR StGB § 64 Nicht­an­ord­nung 2; und vom 17.08.2011 5 StR 255/​11, StV 2012, 281, 282; BGH, Beschluss vom 12.03.2014 2 StR 436/​13, StV 2014, 545; BGH, Beschluss vom 29.06.2016 1 StR 254/​16, BGHR StGB § 72 Siche­rungs­zweck 9[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 22.01.2013 3 StR 513/​12, BGHR StGB § 64 Satz 2 Erfolgs­aus­sicht 1[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 18.12 2007 1 StR 411/​07, StV 2008, 138[]
  7. BT-Drs. aaO[]
  8. BGH, Beschluss vom 28.10.2008 5 StR 472/​08, BGHR StGB § 64 Nicht­an­ord­nung 2; BGH, Beschluss vom 12.03.2014 2 StR 436/​13, StV 2014, 545; BGH, Urteil vom 06.07.2017 4 StR 124/​17, BGHR StGB § 64 Satz 2 Erfolgs­aus­sicht 4[]
  9. vgl. auch BGH, Beschluss vom 12.03.2014 2 StR 436/​13, StV 2014, 545[]