Kei­ne Zustel­lung per Emp­fangs­be­kennt­nis an einen Asses­sor

Ein Emp­fangs­be­kennt­nis muss die per­sön­li­che Ent­ge­gen­nah­me durch einen Adres­sa­ten, der durch sei­ne beruf­li­che Stel­lung im Sin­ne von § 174 Abs. 1 ZPO qua­li­fi­ziert ist, erken­nen las­sen. Der Adres­sat einer Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis kann nach einer Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart einen "Asses­sor" nicht mit sei­ner Ver­tre­tung ermäch­tig­ten, da "Asses­sor" kei­ne beruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on im Sin­ne von § 174 Abs. 1 ZPO ist.

Kei­ne Zustel­lung per Emp­fangs­be­kennt­nis an einen Asses­sor

Das von dem Asses­sor unter­zeich­ne­te Emp­fangs­be­kennt­nis genügt nicht den Anfor­de­run­gen (an den Nach­weis) einer wirk­sa­men Zustel­lung an den Adres­sa­ten nach §§ 37 Abs. 1 StPO in Ver­bin­dung mit 174 Abs. 1 ZPO. Für eine wirk­sa­me Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis ist ent­schei­dend, dass (neben der Über­mitt­lung des Schrift­stücks in Zustel­lungs­ab­sicht) eine Emp­fangs­be­reit­schaft des Emp­fän­gers vor­liegt. Anders als die Zustel­lung durch einen Gerichts­wacht­meis­ter oder durch die Post setzt eine Zustel­lung nach die­ser Vor­schrift die per­sön­li­che Betei­li­gung des Rechts­an­walts vor­aus. Das bedeu­tet, dass das gemäß §§ 37 Abs. 1 StPO in Ver­bin­dung mit 174 Abs. 1 ZPO zuzu­stel­len­de Schrift­stück grund­sätz­lich von dem als Zustel­lungs­adres­sat bezeich­ne­ten Rechts­an­walt per­sön­lich als zuge­stellt ent­ge­gen genom­men wer­den muss. § 174 Abs. 4 S. 1 ZPO ver­langt infol­ge­des­sen für den Nach­weis der Zustel­lung auch eine Unter­schrift " des Adres­sa­ten " 1.

Der Ver­tei­di­ger konn­te den Asses­sor weder ganz noch teil­wei­se zur Ver­tre­tung bei der Zustel­lung des Urteils gegen Emp­fangs­be­kennt­nis ermäch­ti­gen. Es kann dabei dahin­ge­stellt blei­ben, ob und ins­be­son­de­re durch wen in wel­chem Umfang eine Ver­tre­tung bei der Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis nach § 174 Abs. 1 ZPO und/​oder bei der Unter­schrifts­leis­tung nach § 174 Abs. 4 S. 1 ZPO über­haupt zuläs­sig ist. Ein Rechts­an­walt als Adres­sat einer Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis kann jeden­falls einen Asses­sor weder für den Ein­zel­fall noch all­ge­mein hier­zu ermäch­tig­ten. Die Befug­nis, eine Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis zu beur­kun­den, steht gemäß § 174 Abs. 1 ZPO nur einem beson­ders pri­vi­le­gier­ten Per­so­nen­kreis zu, zu denen auf­grund aus­drück­li­cher Auf­zäh­lung neben dem Anwalt auch der Notar, der Gerichts­voll­zie­her, der Steu­er­be­ra­ter oder eine sons­ti­ge Per­son zählt, "bei der auf Grund ihres Beru­fes von einer erhöh­ten Zuver­läs­sig­keit aus­ge­gan­gen wer­den kann". Die Befug­nis beim Anwalt ist Bestand­teil der pri­vi­le­gier­ten Stel­lung, die er als Organ der Rechts­pfle­ge inne hat. Einem Rechts­an­walt ste­hen kraft Geset­zes nur der Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­te im Sin­ne des § 30 BRAO, der all­ge­mein bestell­te Ver­tre­ter im Sin­ne des § 53 BRAO oder der Abwick­ler im Sin­ne des § 55 BRAO gleich. Der Anwalt ist, wie auch die ande­ren aus­drück­lich genann­ten pri­vi­le­gier­ten Per­so­nen und Berufs­grup­pen, in beson­de­rem Maße stan­des­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen unter­wor­fen, die das ihm von Geset­zes wegen zuge­spro­che­ne Maß an Zuver­läs­sig­keit recht­fer­ti­gen (spe­zi­ell für Zustel­lun­gen vgl. § 14 BORA). An ande­re Per­so­nen kann ein Schrift­stück nicht gegen Emp­fangs­be­kennt­nis wirk­sam zuge­stellt wer­den. Hier­zu heißt es in der Geset­zes­be­grün­dung: "An alle Per­so­nen die Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis zuzu­las­sen, ist … nicht mög­lich, da eine Mit­wir­kung bei der Zustel­lung nicht gene­rell von allen erwar­tet wer­den kann. Damit bestün­de die Gefahr, dass der Zustel­lungs­emp­fän­ger aus Nach­läs­sig­keit oder bös­wil­lig das Emp­fangs­be­kennt­nis nicht zurück­sen­det. …. Dies bedeu­te­te Ver­zö­ge­run­gen und erheb­li­chen Mehr­auf­wand bei der Zustel­lung" 2. Sowe­nig an eine nicht zum pri­vi­le­gier­ten Per­so­nen­kreis gehö­ren­de Per­son ein Schrift­stück gegen Emp­fangs­be­kennt­nis wirk­sam zuge­stellt wer­den kann, so wenig kann ein Anwalt nach Sinn und Zweck der Vor­schrift ande­re als die genann­ten Per­so­nen ganz oder teil­wei­se mit sei­ner Ver­tre­tung ermäch­tig­ten. Jeden­falls bei einem Asses­sor kann nicht gene­rell auf Grund sei­nes Beru­fes von einer erhöh­ten Zuver­läs­sig­keit aus­ge­gan­gen wer­den, der Asses­sor unter­liegt kei­nen ver­gleich­ba­ren stan­des­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen 3.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 17. Mai 2010 – 2 Ws 48/​10

  1. zur per­sön­li­chen Betei­li­gung des Zustel­lungs­adres­sa­ten: BSG, Beschluss vom 23.04.2009 – B 9 VG 22/​08 B; Stein/​Jonas, ZPO, 22. Auf­la­ge 2004, § 174, Rz 12; Zöl­ler, ZPO, 28. Auf­la­ge 2010, § 174, Rz 6; Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Auf­la­ge 2006, § 174, Rz 17, 21[]
  2. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung – Ent­wurf eines Geset­zes zur Reform des Ver­fah­rens bei Zustel­lun­gen im gericht­li­chen Ver­fah­ren (Zustel­lungs­re­form­ge­setz – ZustRG), BT-Drs. 14/​4554, S. 18[]
  3. zur Unzu­läs­sig­keit der Ver­tre­tung eines Anwalts durch Büro­an­ge­stell­te: BSG, Beschluss vom 23.04.2009 – B 9 VG 22/​08 B; zur (Un-)Zuläs­sig­keit der Ver­tre­tung all­ge­mein: Stein/​Jonas, ZPO, 22. Auf­la­ge 2004, § 174, Rz 10, 12, 19; Mün­che­ner Kom­men­tar zur ZPO, 3. Auf­la­ge 2008, § 174 Rz 4, 11; Zöl­ler, ZPO, 28. Auf­la­ge 2010, § 174, Rz 2, 3, 15; Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Auf­la­ge 2006, § 174, Rz 5, 9, 10, 51[]