Kin­der­por­no­gra­phie – und die sexu­ell auf­rei­zen­de Wiedergabe

Eine sexu­ell auf­rei­zen­de Wie­der­ga­be der unbe­klei­de­ten Geni­ta­li­en oder des unbe­klei­de­ten Gesä­ßes eines Kin­des gemäß § 184b Abs. 1 Nr. 1 Buchst. c StGB liegt vor, wenn die genann­ten Kör­per­tei­le aus Sicht eines durch­schnitt­li­chen Betrach­ters in sexu­ell moti­vier­ter Wei­se im Blick­feld ste­hen. Hier­für sind die aus der Schrift (§ 11 Abs. 3 StGB) zu ent­neh­men­den Umstän­de her­an­zu­zie­hen; auf die dar­aus nicht ersicht­li­chen Beweg­grün­de der die Wie­der­ga­be erstel­len­den oder damit umge­hen­den Per­son kommt es nicht an.

Kin­der­por­no­gra­phie – und die sexu­ell auf­rei­zen­de Wiedergabe

Eine sexu­ell auf­rei­zen­de Wie­der­ga­be ist eine sol­che, die eine sexu­ell kon­no­tier­te Fokus­sie­rung auf die näher bezeich­ne­ten unbe­klei­de­ten Kör­per­re­gio­nen eines Kin­des ent­hält [1]. Der Begriff des Auf­rei­zens fin­det sich bereits im Rah­men­be­schluss 2004/​68/​JI des Rates vom 22.12.2003 zur Bekämp­fung der sexu­el­len Aus­beu­tung von Kin­dern und der Kin­der­por­no­gra­fie [2] und geht nach der all­ge­mei­nen Wort­be­deu­tung in sexua­li­sier­ter Wei­se über eine neu­tra­le Abbil­dung hin­aus („lasci­vious“ nach der eng­lisch­spra­chi­gen, „lasci­ve“ nach der fran­zö­sisch­spra­chi­gen Fas­sung des Rah­men­be­schlus­ses 2004/​68/​JI). Davon abzu­gren­zen sind Wie­der­ga­ben mit ande­rer Inten­ti­on, bei­spiels­wei­se als unver­fäng­li­ches Urlaubs­fo­to oder zu medi­zi­ni­schen, wis­sen­schaft­li­chen oder künst­le­ri­schen Zwe­cken [3].

Für die Beur­tei­lung sind allein die sich aus der Schrift erge­ben­den Umstän­de heranzuziehen.

Der Wort­laut des durch das Neun­und­vier­zigs­te Gesetz zur Ände­rung des Straf­ge­setz­bu­ches – Umset­zung euro­päi­scher Vor­ga­ben zum Sexu­al­straf­recht vom 21.01.2015 [4] ein­ge­füg­ten § 184b Abs. 1 Nr. 1 Buchst. c StGB stellt auf die „sexu­ell auf­rei­zen­de Wie­der­ga­be“ ab. Damit ist Bezugs­ob­jekt des sexu­el­len Auf­rei­zens die Wie­der­ga­be, nicht davon los­ge­lös­te Umstän­de. In die­sem Sin­ne nimmt § 184b Abs. 1 Nr. 1 StGB all­ge­mein – „vor die Klam­mer“ gezo­gen – den Gegen­stand der Schrift in den Blick [5].

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Sys­te­ma­ti­sche Erwä­gun­gen spre­chen eben­falls dafür, ledig­lich die (Gesamt-)Darstellung als sol­che und sich dar­aus erge­ben­de Gesichts­punk­te her­an­zu­zie­hen, nicht aber dar­über hin­aus­ge­hen­de Zwe­cke des Erstel­lers oder Ver­wen­ders [6]. Ansons­ten wäre eine kon­sis­ten­te Bewer­tung, ob eine bestimm­te Schrift kin­der­por­no­gra­phisch ist oder nicht, nicht mög­lich. Wären etwa die Zwe­cke zu berück­sich­ti­gen, die eine Per­son kon­kret beim Umgang mit der Schrift ver­folgt, könn­te dies eine unter­schied­li­che Ein­ord­nung der­sel­ben Schrift – beim gleich­zei­ti­gen Umgang meh­re­rer sogar zum sel­ben Zeit­punkt zur Fol­ge haben. Eine der­ar­ti­ge unein­heit­li­che, situa­ti­ons­be­dingt-sub­jek­ti­ve Aus­le­gung des objek­ti­ven Tat­be­stands­merk­mals der kin­der­por­no­gra­phi­schen Schrift ist im Gesetz nicht ange­legt [7].

In ähn­li­cher Wei­se hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass für den Begriff des „Unzüch­ti­gen“ gemäß § 184 StGB aF Zweck und Art der Ver­wen­dung von Bedeu­tung sein kön­nen, hier­für indes die Umstän­de, aus denen sich die objek­ti­ve, auf das Geschlecht­li­che gerich­te­te Zweck­be­stim­mung ergibt, mit dem Gegen­stand, um des­sen Kenn­zeich­nung es sich han­delt, unmit­tel­bar ver­knüpft sein müs­sen [8].

Der Geset­zes­zweck und die Geset­zes­ge­ne­se erfor­dern eben­falls kei­ne ande­re Handhabung.

Mit der Schaf­fung des § 184b Abs. 1 Nr. 1 Buchst. c StGB ziel­te der Gesetz­ge­ber auf eine voll­stän­di­ge Umset­zung der Richt­li­nie 2011/​93/​EU in Anleh­nung an den dor­ti­gen Art. 2 Buchst. c Dop­pel­buchst. ii [9] und an Art.20 Abs. 2 des Über­ein­kom­mens des Euro­pa­rats vom 25.10.2007 zum Schutz von Kin­dern vor sexu­el­ler Aus­beu­tung und sexu­el­lem Miss­brauch [10]. Aus den genann­ten Rege­lun­gen ergibt sich zwar ein Bezug zur Zweck­set­zung, nicht aber dazu, dass dafür auch die jewei­li­ge Ver­wen­dung ent­schei­dend ist. Viel­mehr las­sen sich die gewähl­ten For­mu­lie­run­gen („jede Abbil­dung der Geschlechts­tei­le eines Kin­des zu vor­wie­gend sexu­el­len Zwe­cken“, „jeg­li­che Dar­stel­lung der Geschlechts­or­ga­ne eines Kin­des für pri­mär sexu­el­le Zwe­cke“) damit in Ein­klang brin­gen, dass für die Ermitt­lung des Zwecks die Abbil­dung bzw. Dar­stel­lung aus­schlag­ge­bend ist [11].

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In der Geset­zes­be­grün­dung wird als Maß­stab für die Beur­tei­lung, ob die Wie­der­ga­be sexu­ell auf­rei­zen­der Art ist, die Beur­tei­lung eines durch­schnitt­li­chen Betrach­ters ange­se­hen [12]. Dies deu­tet dar­auf hin, dass eine abs­trakt-objek­ti­ve Bewer­tung der Dar­stel­lung vor­zu­neh­men ist und es nicht auf die davon unab­hän­gi­ge Moti­va­ti­on des ein­zel­nen Nut­zers ankommt. Von Bedeu­tung kön­nen inso­fern etwa Bild­kom­po­si­ti­on, Kame­ra­per­spek­ti­ve, der gewähl­te Aus­schnitt oder die Hal­tung des Kin­des sein [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. Sep­tem­ber 2020 – 3 StR 275/​20

  1. vgl. den letzt­lich nicht wei­ter­ver­folg­ten, aber weit­ge­hend wort­glei­chen Geset­zes­an­trag des Frei­staa­tes Bay­ern, BR-Drs. 127/​14, 12[]
  2. ABl. EU 2004 Nr. L 13/​44, 45[]
  3. vgl. Euro­pa­rat, Explana­to­ry Report to the Coun­cil of Euro­pe Con­ven­ti­on on the Pro­tec­tion of Child­ren against Sexu­al Explo­ita­ti­on and Sexu­al Abu­se, Nr. 142; BR-Drs. 127/​14, 7; s. auch § 201a Abs. 4 StGB[]
  4. BGBl. I S. 10, 12[]
  5. vgl. zur Bedeu­tung des Gesamt­in­halts der Schrift als Kor­rek­tiv BT-Drs. 18/​3202 [neu] S. 27; BT-Rechts­aus­schuss, Pro­to­koll 18/​28 S. 21, 77, 85[]
  6. vgl. auch Hilgendorf/​Kudlich/​Valerius/​Greco, Hand­buch des Straf­rechts, § 10 Rn. 88, 95; SK-StGB/G­re­co, 9. Aufl., § 184b Rn. 15; Matt/​Renzikowski/​Eschelbach, StGB, 2. Aufl., § 184b Rn. 23; anders dage­gen Eisele/​Franosch, ZIS 2016, 519, 523; Schönke/​Schröder/​Eisele, StGB, 30. Aufl., § 184b Rn. 17; Fischer, StGB, 67. Aufl., § 184b Rn. 9b; Münch­Komm-StGB/­Hörn­le, 3. Aufl., § 184b Rn.20[]
  7. vgl. kri­tisch zu sub­jek­ti­ven Kri­te­ri­en bei der Ein­gren­zung des objek­ti­ven Tat­be­stan­des auch BGH, Beschluss vom 03.06.2008 – 3 StR 246/​07, BGHSt 52, 257 Rn. 26 ff.[]
  8. s. BGH, Urtei­le vom 16.02.1954 – 5 StR 475/​53, BGHSt 5, 346, 348 f.; vom 11.10.1960 – 5 StR 296/​60 6; RG, Urteil vom 06.11.1893 – Rep. 2597/​93, RGSt 24, 365, 367[]
  9. ABl. EU 2011 Nr. L 335/​1, 7[]
  10. BGBl.2015 – II S. 27, 37[]
  11. vgl. auch Euro­pa­rat, Explana­to­ry Report to the Coun­cil of Euro­pe Con­ven­ti­on on the Pro­tec­tion of Child­ren against Sexu­al Explo­ita­ti­on and Sexu­al Abu­se, wo unter Nr. 142 auf den Zweck der Ver­kör­pe­rung abge­stellt wird[]
  12. BT-Drs. 18/​3202 [neu] S. 27; vgl. auch BR-Drs. 127/​14, 12[]
  13. s. BR-Drs. 127/​14, 12[]

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