Kin­des­miss­brauch als schwe­re Miss­hand­lung

Schmerz­haf­te ana­le Pene­tra­ti­ons­hand­lun­gen gegen­über Kin- dern kön­nen eine kör­per­lich schwe­re Miss­hand­lung (§ 176a Abs. 5, § 177 Abs. 4 Nr. 2 Buchst. a StGB) dar­stel­len.

Kin­des­miss­brauch als schwe­re Miss­hand­lung

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ver­langt das Merk­mal der schwe­ren kör­per­li­chen Miss­hand­lung einer­seits nicht den Ein­tritt der in § 226 Abs. 1 StGB (schwe­re Kör­per­ver­let­zung) bezeich­ne­ten gra­vie­ren­den Fol­gen; ande­rer­seits genügt eine "nicht nur uner­heb­li­che Beein­träch­ti­gung" der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit nicht 1. Erfor­der­lich, aber auch aus­rei­chend ist es, dass die kör­per­li­che Inte­gri­tät des Opfers in einer Wei­se ver­letzt wird, die mit erheb­li­chen Schmer­zen ver­bun­den ist 2. Dabei scha­det es nicht, wenn die Miss­hand­lung nicht gera­de als Nöti­gungs­mit­tel ein­ge­setzt wird, son­dern im Zuge der sexu­el­len Hand­lun­gen erfolgt 3.

Dar­an gemes­sen ist in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das Merk­mal gege­ben. Der Ange­klag­te erzwang an der zur Tat­zeit allen­falls zwölf­jäh­ri­gen Neben­klä­ge­rin den (erst­ma­li­gen) Anal­ver­kehr bis zum Samen­er­guss. Hier­durch füg­te er ihr der­art gra­vie­ren­de Schmer­zen zu, dass er sich ver­an­lasst sah, ihre lau­ten Schreie ("… dass sie vor Schmer­zen gebrüllt habe") zu ersti­cken, indem er ihren Kopf in ein Kis­sen drück­te. Den Aus­füh­run­gen der Jugend­kam­mer ist zu ent­neh­men, dass sich die Miss­hand­lung über gerau­me Zeit erstreck­te.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­kennt nicht, dass nament­lich ana­le Pene­tra­tio­nen bei Kin­dern auf die­ser Basis nicht sel­ten den Qua­li­fi­ka­ti­ons­tat­be­stand des § 176a Abs. 5 StGB (§ 177 Abs. 4 Nr. 2 Buchst. a StGB) erfül­len wer­den. Er sieht jedoch kei­nen Grund, sol­che schwer­wie­gen­den Taten nicht der ver­schärf­ten Straf­dro­hung zu unter­wer­fen. Dem lässt sich nicht über­zeu­gend ent­ge­gen­hal­ten, dass mit dem Ein­drin­gen in den Kör­per von Kin­dern typi­scher­wei­se Schmer­zen ver­bun­den sein wer­den, der Gesetz­ge­ber für der­ar­ti­ge Taten in § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB (§ 177 Abs. 2 Satz 1, 2 Nr. 1 StGB) aber einen güns­ti­ge­ren Straf­rah­men vor­ge­se­hen hat 4. Denn es exis­tie­ren – wie auch die Tat­se­rie des Ange­klag­ten erweist – Vor­gän­ge des Ein­drin­gens, die nicht schmerz­haft sind oder inso­weit jeden­falls nicht den erfor­der­li­chen Erheb­lich­keits­grad errei­chen. Es kann also nicht die Rede davon sein, dass die Ver­ur­sa­chung beträcht­li­cher Schmer­zen regel­mä­ßi­ge und damit vom Tat­be­stand des § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB (§ 177 Abs. 2 Satz 1, 2 Nr. 1 StGB) abschlie­ßend umfass­te Begleit­erschei­nung der dar­in bezeich­ne­ten Tat­hand­lun­gen ist. Dass eine Pri­vi­le­gie­rung schon für sich genom­men äußerst schmerz­haf­ter Sexu­al­hand­lun­gen gegen­über sons­ti­gen kör­per­li­chen Miss­hand­lun­gen wie etwa hef­ti­gen und mit Schmer­zen ver­bun­de­nen Schlä­gen 5 vom Gesetz­ge­ber inten­diert gewe­sen sein könn­te, liegt nicht nahe 6.

Genau­so wenig lässt sich aus dem in der Vor­schrift wei­ter auf­ge­führ­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­merk­mal der Ver­ur­sa­chung einer Todes­ge­fahr ein plau­si­bler Grund für eine Aus­gren­zung von (höchst schmerz­haf­ten) "Pene­tra­ti­ons­hand­lun­gen" gewin­nen 7. Denn es han­delt sich um qua­li­ta­tiv unter­schied­li­che Merk­ma­le mit diver­gie­ren­der Schutz­rich­tung.

Aller­dings bedarf es für die Annah­me einer schwe­ren kör­per­li­chen Miss­hand­lung hin­rei­chen­der Fest­stel­lun­gen zu Aus­maß und Dau­er der Schmer­zen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Dezem­ber 2014 – 5 StR 422/​14

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 14.12 1993 – 4 StR 717/​93, bei Mie­bach NStZ 1994, 223[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 27.05.1998 – 5 StR 216/​98, NStZ 1998, 461; BGH, Urtei­le vom 13.09.2000 – 3 StR 347/​00, BGHR StGB § 177 Abs. 4 Miss­hand­lung 1; vom 13.02.2007 – 1 StR 574/​06; vom 15.09.2010 – 2 StR 395/​10, NStZ-RR 2011, 337, 338; vgl. zu § 176a Abs. 3 Nr. 2 StGB aF BGH, Urteil vom 11.08.1993 – 3 StR 325/​93[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 12.12 2000 – 4 StR 464/​00, BGHSt 46, 225, 229[]
  4. vgl. dazu SK-Wol­ters, StGB, § 177 Rn. 33; LK-Hörn­le, StGB, 12. Aufl., § 176a Rn. 84; Kud­lich, JR 2001, 378, 380[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 27.05.1998 – 5 StR 216/​98, aaO[]
  6. vgl. auch BGH, Beschluss vom 12.12 2000 – 4 StR 464/​00, aaO[]
  7. so wohl Münch­Komm-BGB/­Ren­zi­kow­ski, 2. Aufl., § 176a Rn. 34[]