Kin­des­miss­brauch – und die sexu­el­le Hand­lung von eini­ger Erheb­lich­keit

Als erheb­lich im Sin­ne des § 184h Nr. 1 StGB sind sol­che sexu­al­be­zo­ge­nen Hand­lun­gen zu wer­ten, die nach Art, Inten­si­tät und Dau­er eine sozi­al nicht mehr hin­nehm­ba­re Beein­träch­ti­gung des im jewei­li­gen Tat­be­stand geschütz­ten Rechts­guts besor­gen las­sen 1.

Kin­des­miss­brauch – und die sexu­el­le Hand­lung von eini­ger Erheb­lich­keit

Dazu bedarf es einer Gesamt­be­trach­tung aller Umstän­de im Hin­blick auf die Gefähr­lich­keit der Hand­lung für das jeweils betrof­fe­ne Rechts­gut; unter die­sem Gesichts­punkt belang­lo­se Hand­lun­gen schei­den aus.

Bei Tat­be­stän­den, die Kin­der und Jugend­li­che schüt­zen, kön­nen weni­ger stren­ge Maß­stä­be anzu­le­gen sein 2.

Letzt­lich sind aber auch beim Schutz der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung von Kin­dern (§ 176 StGB) nicht sämt­li­che sexu­al­be­zo­ge­nen Hand­lun­gen, die sexu­ell moti­viert sind, tat­be­stands­mä­ßig. Aus­zu­schei­den sind viel­mehr kur­ze oder aus ande­ren Grün­den unbe­deu­ten­de Berüh­run­gen 3.

Die Ein­füh­rung eines Auf­fang­tat­be­stands für beläs­ti­gend wir­ken­de kör­per­li­che Berüh­run­gen in sexu­ell bestimm­ter Wei­se in § 184i StGB durch das 50. Gesetz zur Ände­rung des Straf­ge­setz­bu­ches – Ver­bes­se­rung des Schut­zes der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung – vom 04.11.2016 4 wirkt sich nicht auf die Aus­le­gung des Begriffs der Erheb­lich­keit in § 184h Nr. 1 StGB aus 5. Der Gesetz­ge­ber bezweck­te mit der Ein­füh­rung des § 184i StGB nicht, bis­her von § 184h Nr. 1 StGB erfass­te Ver­hal­tens­wei­sen aus dem Schutz­be­reich her­aus­zu­lö­sen und die­se nun­mehr nur noch unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen in § 184i StGB unter Stra­fe zu stel­len. Ziel der Neu­re­ge­lung war es viel­mehr, bis­her straf­recht­lich nicht erfass­tes Ver­hal­ten auch unter­halb der Schwel­le des § 184h Nr. 1 StGB zu poena­li­sie­ren 6.

Ein Ein­fluss auf die Aus­le­gung des § 184h Nr. 1 StGB ergibt sich auch nicht dadurch, dass die Recht­spre­chung bei der Prü­fung der Erheb­lich­keit der sexu­el­len Hand­lung auf eine nach Art, Inten­si­tät und Dau­er sozi­al nicht mehr hin­nehm­ba­re Beein­träch­ti­gung des im jewei­li­gen Tat­be­stand geschütz­ten Rechts­guts abstellt, womit bis­her eine Abgren­zung zwi­schen straf­ba­ren und straf­lo­sem Ver­hal­ten ver­bun­den war, nun­mehr aber nur noch eine sol­che zwi­schen Tat­be­stän­den gemäß §§ 174, 176, 177 StGB einer­seits und dem­je­ni­gen des § 184i StGB ande­rer­seits vor­zu­neh­men ist. Denn die­ser Begriff der "sozi­al nicht mehr hin­nehm­ba­ren Beein­träch­ti­gung" bezieht sich auf ande­re, wei­ter­rei­chen­de Rechts­gü­ter als das­je­ni­ge, das von § 184i StGB geschützt ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. April 2017 – 2 StR 574/​16

  1. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 24.09.1980 – 3 StR 255/​80, BGHSt 29, 336, 338; vom 24.09.1991 – 5 StR 364/​91, NJW 1992, 324; vom 01.12 2011 – 5 StR 417/​11, NStZ 2012, 269, 270; vom 21.09.2016 – 2 StR 558/​15, NStZ-RR 2017, 43, 44[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 21.09.2016 – 2 StR 558/​15, NStZ-RR 2017, 43, 44; Heger in Lackner/​Kühl, StGB, 28. Aufl., § 184g Rn. 6; Lau­ben­thal in Fest­schrift für Streng, 2017, S. 87, 95[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 21.09.2016 – 2 StR 558/​15, NStZ-RR 2017, 43, 44[]
  4. BGBl. I S. 2460[]
  5. anders aber El Gha­zi, ZIS 2017, 157, 160 f.; Lede­rer, AnwBl.2017, 514, 517 f.[]
  6. BT-Drs. 18/​9097 S. 29[]