Kla­ge­er­zwin­gungs­an­trag /​Ermitt­lungs­er­zwin­gungs­an­trag – und sei­ne Begründung

Ein Kla­ge­er­zwin­gungs­an­trag ist grund­sätz­lich unzu­läs­sig, wenn in Bezug genom­me­ne Bestand­tei­le in die Antrags­schrift hin­ein­ko­piert wer­den1.

Kla­ge­er­zwin­gungs­an­trag /​Ermitt­lungs­er­zwin­gungs­an­trag – und sei­ne Begründung

Es ist nicht Auf­ga­be des Gerichts, sich den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt selbst aus Anla­gen zusam­men­zu­stel­len2, ins­be­son­de­re, wenn durch das Ein­ko­pie­ren von Straf­an­zei­gen oder Beschwer­de­schrif­ten die Sach­dar­stel­lung ver­un­klart wird.

Aus­nah­men hier­von wer­den nur für zuläs­sig erach­tet, wenn es auf den Wort­laut der ein­ge­füg­ten Unter­la­gen ankommt und das Hin­ein­ko­pie­ren ledig­lich das – ande­ren­falls not­wen­di­ge – voll­stän­di­ge Abschrei­ben die­ser Unter­la­gen ersetzt. Ent­schei­dend ist, dass das Gericht nicht gezwun­gen wird, sich den rele­van­ten Ver­fah­rens­stoff aus einer Viel­zahl (mög­li­cher­wei­se unsys­te­ma­ti­sier­ter) Kopien selbst zusam­men­zu­stel­len3.

Ein Ermitt­lungs­er­zwin­gungs­an­trag unter­liegt als Son­der­form des Kla­ge­er­zwin­gungs­an­tra­ges4 jeden­falls inso­weit grund­sätz­lich dem­sel­ben Maßstab.

Dar­über hin­aus kommt statt der Kla­ge­er­zwin­gung eine blo­ße Ermitt­lungs­er­zwin­gung nur in engen Aus­nah­me­fäl­len in Betracht5.

Ein Aus­nah­me­fall liegt vor, wenn die Staats­an­walt­schaft den Anfangs­ver­dacht aus recht­li­chen Grün­den ver­neint und des­halb den Sach­ver­halt in tat­säch­li­cher Hin­sicht nicht auf­ge­klärt hat. In sol­chen Fäl­len kann das Ober­lan­des­ge­richt ein auf Kla­ge­er­zwin­gung gerich­te­tes Ver­fah­ren mit der Anord­nung abschlie­ßen, dass die Staats­an­walt­schaft die Ermitt­lun­gen auf­zu­neh­men habe6.

Ein sol­cher Aus­nah­me­fall liegt jedoch nicht vor, wenn die Staats­an­walt­schaft letzt­lich nicht aus Rechts­grün­den von der Ein­lei­tung eines Ermitt­lungs­ver­fah­rens abge­se­hen hat.

Grund­la­ge des Anspruchs auf effek­ti­ve Straf­ver­fol­gung ist vor allem die staat­li­che Schutz­pflicht für höchst­per­sön­li­che Rechts­gü­ter. Art. 2 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG ver­pflich­ten den Staat, sich dort schüt­zend und för­dernd vor das Leben, die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit, die Frei­heit und die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung des Ein­zel­nen zu stel­len und sie vor rechts­wid­ri­gen Ein­grif­fen von Sei­ten Drit­ter zu bewah­ren, wo die­ser nicht selbst für ihre Inte­gri­tät sor­gen kann7. Ein Anspruch auf bestimm­te ein­klag­ba­re Maß­nah­men ergibt sich aus die­sem aber grund­sätz­lich nicht, weil die Rechts­ord­nung in der Regel kei­nen grund­recht­lich radi­zier­ten Anspruch auf eine Straf­ver­fol­gung Drit­ter kennt8.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Febru­ar 2021 – 2 BvR 1304/​17

  1. vgl. BVerfG, Beschluss vom 30.01.2017 – 2 BvR 225/​16, Rn. 7; VerfGH Ber­lin, Beschluss vom 30.04.2004 – VerfGH 128/​03, Rn.20 f.; OLG Düs­sel­dorf, StV 1983, S. 498; OLG Cel­le, NStZ 1997, S. 406; vgl. auch OLG Hamm, Beschluss vom 16.12.2014 – 1 Ws 521/​14, Rn. 15[]
  2. vgl. OLG Stutt­gart, Beschluss vom 08.09.2003 – 1 Ws 242/​03, Rn. 8[]
  3. vgl. OLG Hamm, a.a.O., Leit­satz und Rn. 15[]
  4. vgl. Graal­mann-Schee­rer, in: Löwe-Rosen­berg, StPO, 27. Aufl.2018, § 172 Rn.19[]
  5. vgl. Graal­mann-Schee­rer, in: Löwe-Rosen­berg, StPO, 27. Aufl.2018, § 175 Rn. 16 ff. m.w.N.[]
  6. vgl. OLG Koblenz, NStZ 1995, S. 50 <51> Beschluss vom 04.11.2016 – 2 Ws 396/​16, Rn. 6 m.w.N.; OLG Zwei­brü­cken, GA 1981, S. 94 <95> KG, NStZ 1990, S. 355; Graal­mann-Schee­rer, a.a.O., Rn. 16 m.w.N.[]
  7. vgl. BVerfGE 39, 1 <42> 46, 160 <164> 121, 317 <356> BVerfGK 17, 1 <5> BVerfG, Beschluss vom 02.07.2018 – 2 BvR 1550/​17, Rn. 38[]
  8. vgl. BVerfGE 51, 176 <187> 88, 203 <262 f.> BVerfGK 17, 1 <5> BVerfG, Beschluss vom 09.04.2002 – 2 BvR 710/​01, Rn. 5; Beschluss vom 23.01.2020 – 2 BvR 859/​17, Rn.20; stRspr[]
  9. BGBl.1969 II, S. 1585 ff.[]

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