Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren – Form­erfor­der­nis­se und der Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch

Art.19 Abs. 4 GG ver­bie­tet, ein von der jewei­li­gen Rechts­ord­nung eröff­ne­tes Rechts­mit­tel durch eine über­stren­ge Hand­ha­bung ver­fah­rens­recht­li­cher Vor­schrif­ten inef­fek­tiv zu machen und für den Rechts­mit­tel­füh­rer "leer lau­fen" zu las­sen 1.

Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren – Form­erfor­der­nis­se und der Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch

Form­erfor­der­nis­se dür­fen nicht wei­ter gehen, als es durch ihren Zweck gebo­ten ist, da von ihnen die Gewäh­rung des Rechts­schut­zes abhängt. Dies gilt auch für die Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen nach § 172 Abs. 3 Satz 1 StPO 2.

§ 172 Abs. 3 Satz 1 StPO spricht von der Anga­be der Tat­sa­chen, wel­che die Erhe­bung der öffent­li­chen Kla­ge begrün­den sol­len, und der die­se bele­gen­den Beweis­mit­tel. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist es ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, wenn die­se Norm dahin­ge­hend aus­ge­legt wird, dass der Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung eine aus sich selbst her­aus ver­ständ­li­che Schil­de­rung des Sach­ver­halts ent­hal­ten muss, der bei Unter­stel­lung des hin­rei­chen­den Tat­ver­dachts die Erhe­bung der öffent­li­chen Kla­ge in mate­ri­el­ler und for­mel­ler Hin­sicht recht­fer­tigt, und dass die Sach­dar­stel­lung in gro­ben Zügen den Gang des Ermitt­lungs­ver­fah­rens, den Inhalt der ange­grif­fe­nen Beschei­de und die Grün­de für ihre Unrich­tig­keit wie­der­zu­ge­ben hat, wodurch das Ober­lan­des­ge­richt in die Lage ver­setzt wer­den soll, ohne Rück­griff auf die Ermitt­lungs­ak­ten eine Schlüs­sig­keits­prü­fung vor­zu­neh­men 3.

Es ver­stößt inso­fern nicht gegen Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG, wenn von einem Antrag­stel­ler im Rah­men des § 172 Abs. 3 Satz 1 StPO ver­langt wird, dass er den für straf­bar erach­te­ten Sach­ver­halt in sich geschlos­sen so dar­stellt, dass die­ser – als wahr unter­stellt – die Erhe­bung der öffent­li­chen Kla­ge gegen den Beschul­dig­ten recht­fer­ti­gen wür­de 4.

Im Lich­te die­ser Maß­stä­be war es hier für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass das Ober­lan­des­ge­richt die Zusam­men­füh­rung von eige­nen Aus­füh­run­gen des Beschwer­de­füh­rers mit zahl­rei­chen ein­ge­scann­ten Doku­men­ten zu einem äußer­lich ein­heit­li­chen Antrag nicht als den Form­erfor­der­nis­sen des § 172 Abs. 3 Satz 1 StPO ent­spre­chend akzep­tiert hat. Der 129 Sei­ten umfas­sen­de Kla­ge­er­zwin­gungs­an­trag besteht zu unge­fähr 90 % aus ein­ge­scann­ten Doku­men­ten. Die übri­gen Tei­le des Antrags ent­hal­ten kei­ne sub­stan­ti­el­len Aus­füh­run­gen, die die Prü­fung des Vor­lie­gens einer Straf­bar­keit erlau­ben wür­den. Die Bewer­tung des Ober­lan­des­ge­richts, dass es dem Kla­ge­er­zwin­gungs­an­trag damit an der Anga­be der Tat­sa­chen, wel­che die Erhe­bung der öffent­li­chen Kla­ge begrün­den sol­len, und der die­se bele­gen­den Beweis­mit­tel man­gelt, stellt kei­ne Ver­let­zung der Rechts­weg­ga­ran­tie des Art.19 Abs. 4 GG dar.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 30. Janu­ar 2017 – 2 BvR 225/​16

  1. vgl. BVerfGE 96, 27, 39[]
  2. vgl. BVerfGK 14, 211, 214; BVerfG, Beschluss vom 27.07.2016 – 2 BvR 2040/​15 13[]
  3. vgl. BVerfGK 2, 45, 50; 5, 45, 48; 14, 211, 214 f.; BVerfG, Beschluss vom 13.04.2016 – 2 BvR 1155/​15 4; stRspr[]
  4. BVerfG, ebd.[]