Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren – und der Anspruch auf effek­ti­ve Strafverfolgung

Ein Anspruch auf effek­ti­ve Straf­ver­fol­gung besteht – neben Kon­stel­la­tio­nen, in denen Amts­de­lik­te oder Straf­ta­ten gegen Opfer in einem „beson­de­ren Gewalt­ver­hält­nis“ zum Staat im Raum ste­hen, für die ihm eine spe­zi­fi­sche Für­sor­ge- und Obhuts­pflicht obliegt – vor allem dort, wo der Ein­zel­ne nicht in der Lage ist, erheb­li­che Straf­ta­ten gegen sei­ne höchst­per­sön­li­chen Rechts­gü­ter Leben, kör­per­li­che Unver­sehrt­heit, sexu­el­le Selbst­be­stim­mung und Frei­heit der Per­son abzu­weh­ren, und ein Ver­zicht auf die effek­ti­ve Ver­fol­gung sol­cher Taten zu einer Erschüt­te­rung des Ver­trau­ens in das Gewalt­mo­no­pol des Staa­tes und einem all­ge­mei­nen Kli­ma der Rechts­un­si­cher­heit und Gewalt füh­ren kann.

Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren – und der Anspruch auf effek­ti­ve Strafverfolgung

In sol­chen Fäl­len kann, gestützt auf Art. 2 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG, ein Tätig­wer­den des Staa­tes und sei­ner Orga­ne auch mit den Mit­teln des Straf­rechts ver­langt wer­den1.

Dies bedeu­tet indes nicht, dass der in Rede ste­hen­den Ver­pflich­tung stets nur durch Erhe­bung einer Ankla­ge genügt wer­den kann. Viel­fach wird es aus­rei­chend sein, wenn die Staats­an­walt­schaft und – nach ihrer Wei­sung – die Poli­zei die ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel per­so­nel­ler und säch­li­cher Art sowie ihre Befug­nis­se nach Maß­ga­be eines ange­mes­se­nen Res­sour­cen­ein­sat­zes auch tat­säch­lich nut­zen, um den Sach­ver­halt auf­zu­klä­ren und Beweis­mit­tel zu sichern.

Die Erfül­lung der Ver­pflich­tung zur effek­ti­ven Straf­ver­fol­gung setzt eine detail­lier­te und voll­stän­di­ge Doku­men­ta­ti­on des Ermitt­lungs­ver­laufs eben­so vor­aus wie eine nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung der Ein­stel­lungs­ent­schei­dun­gen. Sie unter­liegt der gericht­li­chen Kon­trol­le (§§ 172?ff. StPO)2.

Das Ober­lan­des­ge­richt ist in die­sem Kon­text ver­pflich­tet, die Erfül­lung des Anspruchs auf effek­ti­ve Straf­ver­fol­gung sowie die detail­lier­te und voll­stän­di­ge Doku­men­ta­ti­on des Ermitt­lungs­ver­laufs und die Begrün­dung der Ein­stel­lungs­ent­schei­dun­gen zu kon­trol­lie­ren3.

Nach die­sen Maß­stä­ben steht der Beschwer­de­füh­re­rin im hier ent­schie­de­nen Fall zwar ein Anspruch auf effek­ti­ve Straf­ver­fol­gung aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 und Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG zu. Gegen­stand des Ermitt­lungs­ver­fah­rens war der Ver­dacht des sexu­el­len Miss­brauchs wider­stands­un­fä­hi­ger Per­so­nen nach § 179 StGB a.F. und damit einer erheb­li­chen Straf­tat gegen die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung. Auch kann ein Ver­zicht auf die effek­ti­ve Ver­fol­gung einer sol­chen Tat im Hin­blick auf den hohen Stel­len­wert des höchst­per­sön­li­chen Rechts­guts der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung zu einer Erschüt­te­rung des Ver­trau­ens in das Gewalt­mo­no­pol des Staa­tes und zu einem all­ge­mei­nen Kli­ma der Rechts­un­si­cher­heit und Gewalt füh­ren. Die Beschwer­de­füh­re­rin macht jedoch gar nicht gel­tend, dass die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen dem Anspruch auf effek­ti­ve Straf­ver­fol­gung nicht gerecht wer­den. Ins­be­son­de­re rügt sie inso­weit nicht, dass es der Durch­füh­rung wei­te­rer Ermitt­lun­gen bedurft hät­te. Das ist auch nicht ersicht­lich. Soweit sie auf den nicht erfolg­ten Ortungs­ver­such des von ihr ver­miss­ten Han­dys Bezug nimmt, erfolgt dies aus­schließ­lich unter dem Gesichts­punkt eines gel­tend gemach­ten Will­kür­ver­sto­ßes des Oberlandesgerichts.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Novem­ber 2020 – 2 BvR 1510/​20

  1. vgl. BVerfGE 39, 1 <36 ff.> 49, 89 <141 f.> 53, 30 <57 f.> 77, 170 <214> 88, 203 <251> 90, 145 <195> 92, 26 <46> 97, 169 <176 f.> 109, 190 <236> BVerfG, Beschluss vom 23.01.2020 – 2 BvR 859/​17, Rn. 22[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.06.2014 – 2 BvR 2699/​10, Rn. 14; Beschlüs­se vom 06.10.2014 – 2 BvR 1568/​12, Rn. 15, sowie vom 19.05.2015 – 2 BvR 987/​11, Rn. 24 m.w.N.[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.06.2014 – 2 BvR 2699/​10, Rn. 15; Beschluss vom 06.10.2014 – 2 BvR 1568/​12, Rn.20; Beschluss vom 23.03.2015 – 2 BvR 1304/​12, Rn. 23; Beschluss vom 15.01.2020 – 2 BvR 1763/​16, Rn. 42[]

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