Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren – und die Nicht­be­rück­sich­ti­gung frist­ge­recht ein­ge­gan­ge­ner Stel­lung­nah­men

Die Nicht­be­rück­sich­ti­gung frist­ge­recht ein­ge­gan­ge­ner Stel­lung­nah­men im Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren ver­letzt den Anspruch auf recht­li­ches Gehör gemäß Art. 103 Abs. 1 GG.

Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren – und die Nicht­be­rück­sich­ti­gung frist­ge­recht ein­ge­gan­ge­ner Stel­lung­nah­men

Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör gewähr­leis­tet nicht nur die Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me, son­dern auch die ange­mes­se­ne Berück­sich­ti­gung des Vor­ge­brach­ten. Die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten sind vom Gericht zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 1. Wenn das Gericht eine Stel­lung­nah­me­frist gesetzt hat, sind daher alle frist­ge­recht ein­ge­reich­ten Schrift­sät­ze bei der Ent­schei­dungs­fin­dung zu berück­sich­ti­gen 2.

Im hier ent­schie­de­nen Fall hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock die Aus­füh­run­gen des Antrag­stel­lers bei der Abfas­sung des Beschlus­ses dage­gen nicht berück­sich­tigt, obwohl es ihm eine Frist zur Stel­lung­nah­me ein­ge­räumt hat­te, die bei Abfas­sung sei­nes Beschlus­ses noch nicht abge­lau­fen war. Die Frist zur Stel­lung­nah­me hat­te es ein­ge­räumt, um dem Beschwer­de­füh­rer Gele­gen­heit zu geben, zu den im Schrei­ben des Gene­ral­staats­an­walts for­mu­lier­ten Beden­ken gegen die Zuläs­sig­keit des Antrags Stel­lung zu neh­men. Die­se hat das Ober­lan­des­ge­richt in sei­nem Beschluss weit­ge­hend über­nom­men, ein­schließ­lich der zitier­ten Fund­stel­len. Das Ober­lan­des­ge­richt hät­te bei sei­ner Ent­schei­dungs­fin­dung die Aus­füh­run­gen des Beschwer­de­füh­rers berück­sich­ti­gen müs­sen, sodass die Ver­wer­fung des Antrags jeden­falls nicht mit der im Beschluss ent­hal­te­nen Begrün­dung erfol­gen konn­te.

Im vor­lie­gen­den Fall genüg­te die Ver­fas­sungs­be­schwer­de aller­dings nicht dem Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät (§ 90 Abs. 2 BVerfGG), weil der Beschwer­de­füh­rer es unter­las­sen hat, die Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör gemäß Art. 103 Abs. 1 GG mit einer Anhö­rungs­rü­ge nach § 33a StPO zur fach­ge­richt­li­chen Über­prü­fung zu stel­len. Die­se wäre nicht offen­sicht­lich aus­sichts­los gewe­sen. Der Beschwer­de­füh­rer kann daher auch die Ver­let­zung ande­rer ver­fas­sungs­mä­ßig geschütz­ter Rech­te nicht mehr gel­tend machen 3.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 29. Mai 2019 – 2 BvR 217/​19

  1. vgl. BVerfGE 11, 218, 220; 69, 145, 148; 70, 288, 293; 105, 279, 311; BVerfG, Beschluss vom 20.12 2018 – 1 BvR 1155/​18, Rn. 11[]
  2. vgl. BVerfGE 12, 110, 113; 42, 243, 247; 49, 212, 215; 64, 224, 227; BVerfG, Beschluss vom 19.12 2013 – 1 BvR 859/​13, Rn. 11; Beschluss vom 22.12 2014 – 1 BvR 2195/​14, Rn. 7; Beschluss vom 13.08.2018 – 2 BvR 745/​14, Rn. 22; stRspr[]
  3. vgl. BVerfGK 5, 337, 339; BVerfG, Beschluss vom 07.10.2016 – 2 BvR 1313/​16, Rn. 13[]