KO-Trop­fen – und die vor­sätz­li­che Kör­per­ver­let­zung durch Unter­las­sen

Vor­sätz­li­che Kör­per­ver­let­zung gemäß § 223 Abs. 1 StGB kann durch einen Garan­ten ver­wirk­licht wer­den, wenn er den Ein­tritt des tat­be­stand­li­chen Erfol­ges trotz vor­han­de­ner Mög­lich­keit dazu pflicht­wid­rig nicht abwen­det.

KO-Trop­fen – und die vor­sätz­li­che Kör­per­ver­let­zung durch Unter­las­sen

Ein von § 223 Abs. 1 StGB erfass­ter Erfolg in Gestalt der Gesund­heits­schä­di­gung kann auch dar­in lie­gen, dass bei einem behand­lungs­be­dürf­ti­gen Zustand einer Per­son die gebo­te­ne ärzt­li­che Ver­sor­gung nicht bewirkt wird 1.

)) Eine sol­che Situa­ti­on war in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall gege­ben, nach­dem die Geschä­dig­ten unver­dünn­tes GBL in nicht genau bekann­ter Men­ge direkt aus der Fla­sche des Ange­klag­ten getrun­ken hat­ten. Das GBL bewirkt im Ver­lau­fe der Zeit eine Atem­de­pres­si­on und im Wei­te­ren eine Unter­ver­sor­gung des Gehirns mit Sauer­stoff, wenn nicht recht­zei­tig eine künst­li­che Beatmung erfolgt. Unter­bleibt die gebo­te­ne ärzt­li­che Behand­lung, erweist sich die Ver­schlech­te­rung des durch die Wir­kung des GBL ohne­hin her­vor­ge­ru­fe­nen patho­lo­gi­schen Zustands als Gesund­heits­schä­di­gung i.S.v. § 223 Abs. 1 StGB. Die­se hät­te durch das Her­bei­ru­fen ärzt­li­cher Hil­fe abge­wen­det wer­den kön­nen.

Für die Abwen­dung die­ses Erfol­ges der Kör­per­ver­let­zung hat­te der Ange­klag­te gemäß § 13 Abs. 1 StGB auch recht­lich ein­zu­ste­hen. Dies resul­tiert aus sei­ner tat­säch­li­chen Herr­schaft über die von ihm in die Woh­nung mit­ge­brach­te und dort für ande­re zugäng­li­che Fla­sche mit dem hoch­gra­dig gesund­heits- und lebens­ge­fähr­li­chen GBL 2.

Dabei war sei­ne aus der Herr­schaft über die Gefah­ren­quel­le resul­tie­ren­de Pflicht zur Abwen­dung der vor­ste­hend dar­ge­stell­ten Gesund­heits­schä­di­gung auch nicht durch eine eigen­ver­ant­wort­li­che Selbst­ge­fähr­dung der Geschä­dig­ten aus­ge­schlos­sen. Denn es man­gelt bereits an der Eigen­ver­ant­wort­lich­keit der Selbst­ge­fähr­dung bei­der. Die­se setzt vor­aus, dass der sich selbst Gefähr­den­de (oder Ver­let­zen­de) das ein­ge­gan­ge­ne Risi­ko für das betrof­fe­ne eige­ne Rechts­gut jeden­falls in sei­nem wesent­li­chen Grad zutref­fend erkannt hat 3, wenn ihm auch nicht sämt­li­che rechts­gut­be­zo­ge­nen Risi­ken im Ein­zel­nen bekannt zu sein brau­chen 4. Nach den tat­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen haben bei­de Geschä­dig­te das Aus­maß des mit dem Trin­ken des GBL aus der Fla­sche ver­bun­de­nen Risi­kos grund­le­gend ver­kannt. Sie gin­gen näm­lich bei­de von einer Kon­zen­tra­ti­on des Wirk­stoffs in einer kon­sum­fä­hi­gen Dosis, 7)), d.h. in einer ver­dünn­ten Form aus. Ange­sichts des tat­säch­lich unver­dünn­ten und hoch­kon­zen­trier­ten GBL war ihnen damit der wesent­li­che Grad des mit dem Kon­sum für ihre jewei­li­ge Gesund­heit ver­bun­de­nen Risi­kos nicht bewusst. Bereits dies schließt die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit aus. Zudem stan­den bei­de Geschä­dig­te im Zeit­punkt der Ein­nah­me unter nicht uner­heb­li­chem Ein­fluss von Alko­hol sowie THC, Amphet­amin und Metham­phet­amin. Das ist regel­mä­ßig für die Fähig­keit zur Risi­ko­ein­schät­zung von nicht uner­heb­li­cher Bedeu­tung.

Dräng­te sich daher das Vor­lie­gen des äuße­ren Tat­be­stan­des von Kör­per­ver­let­zun­gen durch Unter­las­sen zum Nach­teil bei­der Geschä­dig­ter auf, hät­te der jeweils dar­auf bezo­ge­ne, wenigs­tens beding­te Vor­satz des Ange­klag­ten beweis­wür­di­gend näher erör­tern wer­den müs­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Novem­ber 2016 – – 1 StR 354/​16

  1. vgl. BGH, Urteil vom 20.07.1995 – 4 StR 129/​95, NStZ 1995, 589 mwN; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 10.01.1989 – 2 Ss 302/​88, NStZ 1989, 269 f.; Beck­OK-StG­B/E­schel­bach, 32. Edi­ti­on, § 223 Rn. 30 mwN; sie­he auch BGH, Urteil vom 23.10.2007 – 1 StR 238/​07 [inso­weit in NStZ 2008, 150 f. nicht abge­druckt][]
  2. BGH, Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15, BGHSt 61, 21 Rn. 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15, BGHSt 61, 21 Rn. 17; in der Sache eben­so bereits BGH, Urteil vom 28.01.2014 – 1 StR 494/​13, BGHSt 59, 150, 169 f. Rn. 80[]
  4. so BGH, Beschluss vom 11.01.2011 – 5 StR 491/​10, NStZ 2011, 341, 342; sie­he zudem BGH, Urteil vom 28.01.2014 – 1 StR 494/​13, BGHSt 59, 150, 169 f. Rn. 80 f.; BGH, Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15, BGHSt 61, 21 Rn. 17[]