Kom­man­dit­be­tei­li­gun­gen – und die Täu­schung durch Unter­las­sen des Ver­mitt­lers

Eine Täu­schung durch Unter­las­sen setzt vor­aus, dass den Täter aus einem kon­kre­ten Rechts­ver­hält­nis die Pflicht trifft, fal­schen oder feh­len­den Vor­stel­lun­gen des Opfers über ent­schei­dungs­re­le­van­te Tat­sa­chen durch akti­ve Auf­klä­rung ent­ge­gen­zu­wir­ken [1]. In Betracht kom­men inso­weit ins­be­son­de­re Auf­klä­rungs­pflich­ten aus Gesetz, aus Ver­trag und aus Inge­renz [2].

Kom­man­dit­be­tei­li­gun­gen – und die Täu­schung durch Unter­las­sen des Ver­mitt­lers

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts Würz­burg [3] ergibt sich eine sol­che Auf­klä­rungs­pflicht vor­lie­gend nicht ohne Wei­te­res aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, wonach ein Anla­ge­ver­mitt­ler dem Inter­es­sen­ten eine rich­ti­ge und voll­stän­di­ge Infor­ma­ti­on über die tat­säch­li­chen Umstän­de schul­det, die für des­sen Anla­ge­ent­schluss von beson­de­rer Bedeu­tung sind [4].

Das im hier ent­schie­de­nen Fall erst­in­stanz­lich täti­ge Land­ge­richt Würz­burg hat das Zustan­de­kom­men eines Anla­ge­ver­mitt­lungs­ver­trags mit hier­aus resul­tie­ren­den Auf­klä­rungs­pflich­ten über die wert­bil­den­den Fak­to­ren der Anla­ge – ins­be­son­de­re den Stand des Ver­rech­nungs­kon­tos – nicht rechts­feh­ler­frei bejaht. Soweit es die im Rund­schrei­ben aus­ge­spro­che­nen „Emp­feh­lun­gen“ und die For­mu­lie­rung, der jeweils ange­schrie­be­ne Kom­man­di­tist kön­ne sich bei bestehen­dem Ver­kaufs­in­ter­es­se zur Abstim­mung an den mit der Koor­di­nie­rung der „Ange­le­gen­heit in unse­rem Haus“ betrau­ten Ange­klag­ten wen­den, als Ange­bot auf Abschluss eines Anla­ge­ver­mitt­lungs­ver­trags mit hier­aus resul­tie­ren­den Auf­klä­rungs­pflich­ten – ins­be­son­de­re über den Kon­to­stand des Ver­rech­nungs­kon­tos des gege­be­nen­falls zu ver­äu­ßern­den Anteils – deu­tet, legt es ein inhalt­lich unzu­tref­fen­des Ver­ständ­nis des Anschrei­bens zugrun­de. Dem Anschrei­ben ist ledig­lich zu ent­neh­men, dass das Bank­haus und dort der Ange­klag­te von der Erwerbs­in­ter­es­sen­tin all­ge­mein mit der Koor­di­nie­rung der Anteils­ver­käu­fe betraut wor­den sei­en. Auch nimmt das Land­ge­richt nicht in den Blick, dass die Rol­le des Bank­hau­ses und des Ange­klag­ten nach den For­mu­lie­run­gen in dem Schrei­ben in der Unter­stüt­zung bei der Umset­zung der Ver­kaufs­ent­schei­dung liegt und nicht etwa bei der Ent­schei­dungs­fin­dung selbst. Kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür, dass das Bank­haus über die bereits in dem Schrei­ben mit­ge­teil­ten Erwä­gun­gen („unge­frag­te Emp­feh­lun­gen“) hin­aus – für den Adres­sa­ten erkenn­bar – Bera­tungs­leis­tun­gen erbrin­gen und zur Ent­schei­dungs­fin­dung bei­tra­gen woll­te, zeigt das Land­ge­richt nicht auf.

In der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on war der Tatrich­ter gehal­ten, anhand der beson­de­ren Umstän­de des kon­kre­ten Ein­zel­falls sorg­fäl­tig zu prü­fen, ob zwi­schen einer an dem Erwerb oder der Ver­äu­ße­rung einer Anla­ge inter­es­sier­ten Per­son und einem in den Ver­trieb oder Erwerb ein­ge­schal­te­ten Mit­tels­mann ein Ver­mitt­lungs­ver­trag oder sogar ein Anla­ge­be­ra­tungs­ver­trag zustan­de gekom­men ist. Glei­ches gilt für die Fra­ge, ob sich aus einem etwa geschlos­se­nen Ver­mitt­lungs- oder Bera­tungs­ver­trag kon­kre­te Auf­klä­rungs­pflich­ten hin­sicht­lich der wert­bil­den­den Fak­to­ren der Anla­ge oder sogar deren Wert erge­ben.

Bringt ein am Erwerb oder der Ver­äu­ße­rung einer Ver­mö­gens­an­la­ge Inter­es­sier­ter aus­drück­lich oder auch kon­klu­dent gegen­über einem Drit­ten zum Aus­druck, dass er des­sen Ver­mitt­lungs­leis­tun­gen in Anspruch neh­men will oder eine Bera­tung über den Anla­ge­ge­gen­stand, die wirt­schaft­li­che Zweck­mä­ßig­keit des ins Auge gefass­ten Geschäfts oder damit ver­bun­de­ne Risi­ken wünscht, kann durch die Ent­ge­gen­nah­me von Ver­mitt­lungs­leis­tun­gen ein Ver­mitt­lungs­ver­trag bezie­hungs­wei­se durch Auf­nah­me eines Bera­tungs­ge­sprächs ein Bera­tungs­ver­trag zustan­de kom­men; dabei besteht im Grund­satz kein Unter­schied, ob es um den Erwerb oder die Ver­äu­ße­rung einer Anla­ge geht [5]. Maß­geb­lich ist aller­dings stets, ob für den Drit­ten erkenn­bar wird, dass der Inter­es­sent mit Ver­mitt­lungs- oder Bera­tungs­be­darf an ihn her­an­tritt und er auf die­ser Grund­la­ge Ver­mitt­lungs- oder Bera­tungs­leis­tun­gen erbringt.

Sofern die an dem Anla­ge­ge­schäft inter­es­sier­te Per­son zu erken­nen gibt, dass sie selbst kei­ne aus­rei­chen­den wirt­schaft­li­chen Kennt­nis­se und kei­nen genau­en Über­blick über die wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hän­ge hat, erwar­tet sie – für den ange­spro­che­nen Drit­ten erkenn­bar – regel­mä­ßig nicht nur die Mit­tei­lung von Tat­sa­chen, son­dern auch deren neu­tra­le, fach­kun­di­ge und umfas­sen­de Bewer­tung und Beur­tei­lung [6]. In der­ar­ti­gen Fäl­len liegt das Zustan­de­kom­men eines Anla­ge­be­ra­tungs­ver­trags nahe.

In Fäl­len, in denen sich eine Per­son an einen in den Ver­trieb oder Ankauf von Ver­mö­gens­an­la­gen ein­ge­schal­te­ten Anla­ge­ver­mitt­ler wen­det, geschieht dies dem­ge­gen­über regel­mä­ßig in dem Bewusst­sein, dass der wer­ben­de und anprei­sen­de Cha­rak­ter der Aus­sa­gen des Ver­mitt­lers im Vor­der­grund steht [7]. Der Ver­mitt­ler ist zwar auch in einem sol­chen Fall zu rich­ti­ger und voll­stän­di­ger Infor­ma­ti­on über die­je­ni­gen tat­säch­li­chen Umstän­de, die für den Anla­ge­ent­schluss des Inter­es­sen­ten von beson­de­rer Bedeu­tung sind, ver­pflich­tet, nicht aber zu einer umfas­sen­den Bewer­tung und Beur­tei­lung der jewei­li­gen Anla­ge.

Jeden­falls geht die Ver­pflich­tung zur Auf­klä­rung des Inter­es­sen­ten aber ohne­hin nur so weit, wie für den Ver­mitt­ler oder Anla­ge­be­ra­ter erkenn­bar Bera­tungs- oder Auf­klä­rungs­be­darf besteht; Inhalt und Umfang der Auf­klä­rungs- oder Bera­tungs­pflich­ten hän­gen von den Umstän­den des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re dem Wis­sens­stand, der Risi­ko­be­reit­schaft und dem jewei­li­gen Anla­ge­ziel des Kun­den ab [8].

Dar­an gemes­sen hält die Annah­me des Land­ge­richts, zwi­schen den geschä­dig­ten Kom­man­di­tis­ten und dem Bank­haus sei es zu einem Ver­mitt­lungs­ver­trag mit dar­aus resul­tie­ren­den Auf­klä­rungs­pflich­ten hin­sicht­lich der wert­bil­den­den Fak­to­ren – ins­be­son­de­re des Stan­des des Gesell­schaf­ter-Ver­rech­nungs­kon­tos und hier­aus resul­tie­ren­der Aus­zah­lungs­an­sprü­che – gekom­men, die der Ange­klag­te ver­letzt habe, revi­si­ons­recht­li­cher Prü­fung nicht stand.

Das Land­ge­richt hat letzt­lich allein aus dem Umstand, dass sich eine Bank per Rund­schrei­ben mit wer­ben­den Aus­sa­gen an poten­ti­el­le Anteils­ver­käu­fer gewandt hat­te, auf das Zustan­de­kom­men eines Ver­mitt­lungs­ver­tra­ges mit ent­spre­chen­den Auf­klä­rungs­pflich­ten geschlos­sen. Es hat dabei weder erör­tert, was Gegen­stand der Gesprä­che mit den ein­zel­nen Kom­man­di­tis­ten war, noch bedacht, ob der jewei­li­ge Kom­man­di­tist – für den Ange­klag­ten erkenn­bar – bereits ander­wei­tig bera­ten wur­de. Zudem hat es eben­so wenig weder in den Blick genom­men, ob es für den ein­zel­nen Kom­man­di­tis­ten über­haupt einer Auf­klä­rung über den Stand der Gesell­schaf­ter­kon­ten bedurf­te oder ob er eine Bera­tung wünsch­te, noch, ob der Ange­klag­te eine ent­spre­chen­de Auf­klä­rung oder gar Bera­tung für erfor­der­lich hielt. Ins­be­son­de­re hat das Land­ge­richt nicht in sei­ne Erwä­gun­gen ein­be­zo­gen, dass die Kom­man­di­tis­ten in den vor­an­ge­gan­ge­nen Jah­ren jeweils Anla­gen zum Jah­res­ab­schluss der Kom­man­dit­ge­sell­schaft und ins­be­son­de­re einen Kon­to­aus­zug erhal­ten hat­ten, aus dem sich der Stand des jewei­li­gen Ver­rech­nungs­kon­tos ergab. Dies unter­schei­det die vor­lie­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on maß­geb­lich von den Fäl­len eines kon­klu­dent abge­schlos­se­nen Ver­mitt­lungs- oder Anla­ge­be­ra­tungs­ver­trags mit ent­spre­chen­den Auf­klä­rungs- oder Bera­tungs­pflich­ten, in denen der Anla­ge­in­ter­es­sent kei­ne ver­läss­li­chen Infor­ma­tio­nen über den Anla­ge­ge­gen­stand hat. Da die Kom­man­di­tis­ten aus den ver­gan­ge­nen Jah­ren Unter­la­gen über den Kon­to­stand ihres Ver­rech­nungs­kon­tos besa­ßen, hät­te des­we­gen die Annah­me einer dies­be­züg­li­chen Auf­klä­rungs­pflicht durch das Bank­haus nähe­rer Erör­te­rung bedurft.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Dezem­ber 2019 – 1 StR 171/​19

  1. vgl. Fischer, StGB, 67. Aufl., § 263 Rn. 39 mwN[]
  2. Fischer, aaO, Rn. 40 ff. mwN[]
  3. LG Würz­burg, Urteil vom 21.12.2018 – 731 Js 24339/​18 5 KLs[]
  4. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 01.12.2011 – III ZR 56/​11 Rn. 9 mwN[]
  5. vgl. dazu BGH, Urtei­le vom 06.07.1993 – XI ZR 12/​93 Rn. 11 f., BGHZ 123, 126, 128; vom 21.03.2006 – XI ZR 63/​05 Rn. 10; und vom 19.03.2013 – XI ZR 431/​11, BGHZ 196, 370 Rn. 17[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 13.05.1993 – III ZR 25/​92 Rn. 13, BGHR BGB § 676 Anla­ge­ver­mitt­ler[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 13.05.1993 – III ZR 25/​92 Rn. 14, aaO[]
  8. BGH, Urteil vom 22.03.2011 – XI ZR 33/​10, BGHZ 189, 13 Rn.20[]