Kom­pen­sa­ti­on bei Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung im Aus­land

Hat die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren über­nom­men, bei dem es in dem abge­ben­den Ver­trags­staat der MRK bereits eine ein­ge­tre­te­ne rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung gege­ben hat, wird die­se nicht kom­pen­siert.

Kom­pen­sa­ti­on bei Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung im Aus­land

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in dem hier ent­schie­de­nen Urteil eine Kom­pen­sa­ti­on rechts­staats­wid­ri­ger Ver­fah­rens­dau­er ver­neint. Vom Land­ge­richt Ravens­burg wur­de die Ver­fah­rens­dau­er nicht nur als bedeut­sa­men Straf­mil­de­rungs­grund ange­se­hen, son­dern inso­weit auch eine rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung fest­ge­stellt, weil

  • - bis zur Abga­be des zunächst in Öster­reich anhän­gi­gen Ermitt­lungs­ver­fah­rens an die Staats­an­walt­schaft Ravens­burg „in ers­ter Linie durch die zöger­li­che Behand­lung bzw. Nicht­be­hand­lung der Ermitt­lun­gen sei­tens der öster­rei­chi­schen Ermitt­lungs­be­hör­den schon neun Mona­te ins Land gegan­gen“ sind; und
  • - wegen vie­ler vor­ran­gi­ger Haft­sa­chen zwi­schen Ein­gang der Ankla­ge und Urteil zwölf Mona­te gele­gen haben.

Die Dau­er eines Straf­ver­fah­rens kann nach der Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs unab­hän­gig von ihren Grün­den für die Straf­zu­mes­sung bedeut­sam sein [1]. Er ist jedoch nicht der Auf­fas­sung, dass eine mit Art. 6 Abs. 1 Satz 1 MRK unver­ein­ba­re Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung durch öster­rei­chi­sche Behör­den hier dar­über hin­aus auch als kon­ven­ti­ons­wid­rig zu kom­pen­sie­ren ist.

Eine sol­che Kom­pen­sa­ti­on ist Wie­der­gut­ma­chung. Sie soll die „Opfer­stel­lung“ eines Betrof­fe­nen (Art. 34 MRK) been­den und so den jewei­li­gen Ver­trags­staat (hier die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land) vor einer mög­li­chen Ver­ur­tei­lung durch den EGMR auf Grund einer Indi­vi­du­al­be­schwer­de wegen Ver­let­zung der MRK bewah­ren [2]. Letzt­lich wird durch eine sol­che Kom­pen­sa­ti­on eine „im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Staa­tes“ [3] ent­stan­de­ne „Art Staats­haf­tungs­an­spruch“ erfüllt [4]. Dem ent­spricht, dass Indi­vi­du­al­be­schwer­den gemäß Art. 35 Abs. 3 MRK zurück­ge­wie­sen wer­den, wenn die gerüg­ten Hand­lun­gen oder Unter­las­sun­gen dem beklag­ten Staat nicht zuzu­rech­nen wären [5]. Dies spricht dage­gen, dass ein (etwa) kon­ven­ti­ons­wid­ri­ger Ver­fah­rens­gang in einem Mit­glieds­staat der MRK einem ande­ren Mit­glieds­staat, der hier­auf kei­nen Ein­fluss neh­men konn­te, gleich­wohl zuzu­rech­nen und von ihm zu kom­pen­sie­ren ist, wenn sei­ne Ermitt­lungs­be­hör­den das Ermitt­lungs­ver­fah­ren erst nach Ein­tritt der Ver­zö­ge­rung über­nom­men haben [6].

Der Bun­des­ge­richts­hof kann auf der Grund­la­ge der hier­zu knap­pen Fest­stel­lun­gen nicht beur­tei­len, ob und gege­be­nen­falls wie lan­ge das Ver­fah­ren ver­zö­gert wur­de [7]. Jeden­falls han­delt es sich hier um eine „Jugend­schwur­ge­richts­sa­che“ (§ 41 Abs. 1 Nr. 1 JGG) gegen (ursprüng­lich) fünf nicht inhaf­tier­te Ange­klag­te. Die­sen lagen, hin­sicht­lich der ein­zel­nen Ange­klag­ten dif­fe­ren­ziert, unter­schied­li­che Delik­te teil­wei­se sehr erheb­li­chen Gewichts (gefähr­li­che Kör­per­ver­let­zung, schwe­re Kör­per­ver­let­zung, ver­such­ter Tot­schlag) zum Nach­teil des am Ver­fah­ren als Neben­klä­ger betei­lig­ten Geschä­dig­ten zur Last. Sämt­li­che Taten soll­ten die nicht gestän­di­gen Ange­klag­ten im Rah­men eines tumult­ar­ti­gen und daher schwer klär­ba­ren Gesche­hens began­gen haben, wobei eini­ge Zeu­gen der im Aus­land began­ge­nen Tat(en) im Aus­land wohn­ten. Der Bun­des­ge­richts­hof hält es danach jeden­falls nicht für men­schen­rechts­wid­rig, dass hier nicht schon etwa drei Mona­te nach Ein­gang der Ankla­ge ein Urteil erging.

Außer­dem ist bei der Prü­fung einer etwai­gen kon­ven­ti­ons­wid­ri­gen Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung stets die Dau­er des gesam­ten Ver­fah­rens in den Blick zu neh­men [8]. Es ist daher kein zutref­fen­der Ansatz, nach jeweils nur iso­lier­ter Bewer­tung für meh­re­re Ver­fah­rens­ab­schnit­te jeweils geson­der­te Kom­pen­sa­tio­nen zu bestim­men und die­se dann zu addie­ren.

Eine kon­ven­ti­ons­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung kann gege­be­nen­falls schon durch ihre Fest­stel­lung genü­gend kom­pen­siert sein [9]. Jeden­falls hät­te das Gericht bei der Bemes­sung der Kom­pen­sa­ti­on aber erkenn­bar zu erwä­gen gehabt, dass es, wie dar­ge­legt, schon bei der Straf­zu­mes­sung die Ver­fah­rens­dau­er straf­mil­dernd bewer­tet hat, sodass dar­über hin­aus nur noch deren kon­ven­ti­ons­wid­ri­ge Ver­ur­sa­chung aus­zu­glei­chen ist. Dies wird, von hier nicht erkenn­ba­ren beson­de­ren Fall­ge­stal­tun­gen abge­se­hen, viel­fach dazu füh­ren, dass sich eine Kom­pen­sa­ti­on nur noch auf einen eher gerin­gen Bruch­teil der Stra­fe zu beschrän­ken hat [10]. Das Land­ge­richt Ravens­burg, hat dem­ge­gen­über zwi­schen einem Drit­tel und der Hälf­te der von ihr für ange­mes­sen gehal­te­nen Stra­fen für voll­streckt erklärt bzw. nicht aus­ge­spro­chen. Bei der Bemes­sung der Höhe einer Kom­pen­sa­ti­on ist jedoch auch in den Blick zu neh­men, dass eine über­zo­ge­ne Berück­sich­ti­gung des Zeit­fak­tors als Aus­gleich für Jus­tiz und Ermitt­lungs­be­hör­den anzu­las­ten­den Män­geln den Zie­len effek­ti­ver Ver­tei­di­gung der Rechts­ord­nung zuwi­der läuft [11].

Einer abschlie­ßen­den Ent­schei­dung der auf­ge­zeig­ten Gesichts­punk­te hin­sicht­lich der Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung bedarf es hier aber nicht, da sie sich ersicht­lich nur zu Guns­ten der Ange­klag­ten aus­ge­wirkt haben.

Im Übri­gen ist die Umset­zung der vom Land­ge­richt Ravens­burg für erfor­der­lich gehal­te­nen Kom­pen­sa­ti­on nur hin­sicht­lich des Ange­klag­ten C. („Voll­stre­ckungs­mo­dell“) rechts­feh­ler­frei. Die Annah­me, bei Ver­hän­gung von Jugend­stra­fe sei dem­ge­gen­über nicht das Voll­stre­ckungs­mo­dell anzu­wen­den, son­dern ein Straf­ab­schlag vor­zu­neh­men, ent­spricht nicht der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, jeden­falls, wenn die Jugend­stra­fe, wie jeweils hier, allein auf eine Schwe­re der Schuld (§ 17 Abs. 2 JGG) gestützt ist [12].

Die Ange­klag­ten sind dadurch jedoch nicht beschwert. Ein Ange­klag­ter kann schon gene­rell ohne­hin allen­falls unter sehr unge­wöhn­li­chen Umstän­den beschwert sein, wenn eine nied­ri­ge­re statt einer höhe­ren – sei es auch teil­wei­se als voll­streckt gel­ten­den – Stra­fe aus­ge­spro­chen wird [13]. Hier kommt hin­zu, dass der Straf­ab­schlag dazu führ­te, dass die Jugend­stra­fen schon nach Maß­ga­be von § 21 Abs. 1 JGG zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wer­den konn­ten und nicht wie die vom Land­ge­richt an sich für ange­mes­sen gehal­te­nen Stra­fen nur unter den dem­ge­gen­über (schon aus­weis­lich des Geset­zes­wort­lauts) enge­ren Vor­aus­set­zun­gen des § 21 Abs. 2 JGG [14].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. August 2011 – 1 StR 153/​11

  1. BGH, Urteil vom 21.02.2002 – 1 StR 538/​01, StV 2002, 598 mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 17.01.2008 – GSSt 1/​07, BGHSt 52, 124, 137[]
  3. BGH aaO 129; vgl. hier­zu auch BGH, Beschluss vom 04.08.2009 – 5 StR 253/​09, NStZ 2010, 230 mwN[]
  4. BGH, Beschluss vom 17.01.2008 – GSSt 1/​07, BGHSt 52, 124, 138[]
  5. vgl. EGMR, Ent­schei­dung vom 15.06.1999, Nr. 18360/​91; EKMR, Ent­schei­dung vom 14.04.1998, Nr. 20652/​92[]
  6. so in ver­gleich­ba­rem Sin­ne, wenn auch ande­ren pro­zes­sua­len Zusam­men­hän­gen, BGH, Beschluss vom 17.03.2010 – 2 StR 397/​09, BGHSt 55, 70, 77 f., mög­li­che Ver­let­zung des Kon­fron­ta­ti­ons­rechts durch einen ande­ren Staat im Rah­men von Rechts­hil­fe; und OLG Ros­tock, NStZ-RR 2010, 340, mög­li­che kon­ven­ti­ons­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung durch einen ande­ren Staat bei einer hier zur Voll­stre­ckung über­nom­me­nen Ver­ur­tei­lung; jew. mwN[]
  7. vgl. zu hier­für wesent­li­chen Punk­ten BGH, Beschluss vom 20.03.2008 – 1 StR 488/​07, NJW 2008, 2451, 2453 f.[]
  8. BGH, Urteil vom 09.10.2008 – 1 StR 238/​08, wis­tra 2009, 147, 148 mwN[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 28.09.2010 – 5 StR 330/​10, Stra­Fo 2011, 56, 57 mwN[]
  10. BGH, Beschluss vom 17.01.2008 – GSSt 1/​07, BGHSt 52, 124, 146, 147; BGH, Urteil vom 09.10.2008 – 1 StR 238/​08, wis­tra aaO mwN[]
  11. BGH, Beschluss vom 17.11.2010 – 1 StR 145/​10, wis­tra 2011, 115, 116 mwN[]
  12. BGH, Beschluss vom 28.09.2010 – 5 StR 330/​10, Stra­Fo 2011, 56, 57; Urteil vom 09.05.2010 – 2 StR 278/​09 jew. mwN[]
  13. BGH, Beschluss vom 20.03.2008 – 1 StR 488/​07, NJW 2008, 2451, 2454; vgl. auch Pohlit in FS Ris­sing-van Saan, 453, 457[]
  14. vgl. hier­zu Brunner/​Dölling JGG 11. Aufl., § 21 Rn. 11, 11a; vgl. auch BGH, Beschluss vom 05.03.2008 – 2 StR 54/​08, StV 2008, 400 zum struk­tu­rell iden­ti­schen Fall, dass der Straf­ab­schlag § 56 Abs. 1 StGB anwend­bar macht, wäh­rend bei dem Voll­stre­ckungs­mo­dell nur § 56 Abs. 2 StGB anwend­bar wäre[]