Kor­re­spon­denz eines Straf­ge­fan­ge­nen mit einer Bun­des­tags­frak­ti­on

Eine par­la­men­ta­ri­sche Frak­ti­on ist kein "Organ" der Volks­ver­tre­tung. Die Kor­re­spon­denz eines Straf­ge­fan­ge­nen mit einer Frak­ti­on unter­liegt daher dem Über­wa­chungs­ver­bot des § 29 Abs. 2 StVoll­zG (in Sach­sen: § 33 Abs. 4 SächsSt­Voll­zG).

Kor­re­spon­denz eines Straf­ge­fan­ge­nen mit einer Bun­des­tags­frak­ti­on

Mit die­ser Ent­schei­dung stellt sich das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den gegen die gegen­tei­li­ge Ansicht des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg 1. Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 03.03.2004 die Ansicht ver­tre­ten, dass Schrei­ben von oder an "Orga­ne des Bun­des­ta­ges oder eines Land­ta­ges (Frak­tio­nen, Aus­schüs­se)" nicht unter § 29 Abs. 2 StVoll­zG fie­len 2. Man sehe kei­ne Ver­an­las­sung, das Kon­troll­ver­bot des § 29 Abs. 2 StVoll­zG über sei­nen Wort­laut hin­aus aus­zu­deh­nen 3. Das in Art. 17 GG geschütz­te Recht, sich mit Peti­tio­nen an die "Volks­ver­tre­tung" zu wen­den, erfor­de­re es nicht, auch den Schrift­wech­sel mit Orga­nen der Volks­ver­tre­tung von der Über­wa­chung aus­zu­neh­men 1.

Das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den teilt die­se Auf­fas­sung, jeden­falls soweit nach ihr auch Par­la­ments­frak­tio­nen nicht unter das Kon­troll­ver­bot fal­len sol­len, nicht. Schon nach sei­nem Wort­laut erfasst § 29 Abs. 2 StVoll­zG (§ 33 Abs. 4 SächsSt­Voll­zG) die Kor­re­spon­denz nicht nur mit ein­zel­nen Abge­ord­ne­ten, son­dern auch mit – neben hier nicht ein­schlä­gi­gen Behör­den – den Volks­ver­tre­tun­gen als kör­per­schaft­lich struk­tu­rier­te Ver­fas­sungs­or­ga­ne in ihrer Gesamt­heit. Daher lässt es das Ober­lan­des­ge­richt aus­drück­lich offen, inwie­weit dem Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg und der ihm fol­gen­den Kom­men­tar­li­te­ra­tur 4 in die­ser Abso­lut­heit zuge­stimmt wer­den kann, dass die Kor­re­spon­denz "mit Orga­nen" die­ser Volks­ver­tre­tun­gen vom Kon­troll­ver­bot aus­ge­nom­men sei­en. Denn soweit sie am Rechts­ver­kehr teil­neh­men, han­deln Volks­ver­tre­tun­gen grund­sätz­lich durch ihre Unter­or­ga­ne (Aus­schüs­se, Prä­si­den­ten). Die Ent­schei­dung des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg sug­ge­riert aber zudem durch ihre in Klam­mer auf­ge­führ­ten Bei­spie­le zu Unrecht, dass auch par­la­men­ta­ri­sche Frak­tio­nen "Orga­ne" in die­sem Rechts­sin­ne sei­en. Zumin­dest inso­weit ist die­se Ansicht abzu­leh­nen.

Frak­tio­nen sind viel­mehr frei­wil­li­ge Zusam­men­schlüs­se von Abge­ord­ne­ten, die (grund­sätz­lich) der glei­chen Par­tei ange­hö­ren (müs­sen) und mit dem Zusam­men­schluss den Zweck ver­fol­gen, sich gegen­sei­tig bei der Erfül­lung ihrer sich aus dem Man­dat erge­ben­den Auf­ga­ben zu unter­stüt­zen 5. Sie lei­ten, weil es sich um Zusam­men­schlüs­se von Abge­ord­ne­ten han­delt, ihre Rechts­stel­lung – wie im vor­lie­gen­den Fall im Bun­des­tag – aus Art. 38 Abs. 1 S. 2 GG ab 6. Sie sind damit ein nach § 46 Abs. 1 Abge­ord­ne­ten­ge­setz (AbgG) als rechts­fä­hi­ge Ver­ei­ni­gung aner­kann­ter Teil des (Volksvertretungs-)Organs "Bun­des­tag". Ihr Han­deln kann, im Unter­schied etwa zum Prä­si­den­ten oder den Aus­schüs­sen, im Rechts­sin­ne nicht dem Bun­des­tag zuge­rech­net wer­den 7, wes­halb sie kei­ne Orga­ne der Volks­ver­tre­tung dar­stel­len 8. Die Her­lei­tung der Rechts­stel­lung einer Frak­ti­on im Bun­des­tag aus Art. 38 Abs. 1 S. 2 GG, wonach die Abge­ord­ne­ten gewähl­te Ver­tre­ter des gan­zen Vol­kes, an Auf­trä­ge und Wei­sun­gen nicht gebun­den und nur ihrem Gewis­sen unter­wor­fen sind, gebie­tet es daher, die Kor­re­spon­denz mit die­ser nach § 46 Abs. 1 AbgG rechts­fä­hi­gen Ver­ei­ni­gung (von Man­dats­trä­gern) gleich­falls unter das Über­wa­chungs- und Kon­troll­ver­bot des § 29 Abs. 2 StVoll­zG (§ 33 Abs. 4 SächsSt­Voll­zG) fal­len zu las­sen.

Eine Ver­pflich­tung des Ober­lan­des­ge­richts Dres­den nach § 121 Abs. 2 Nr. 2 i.V.m. Abs. 1 Nr. 3 GVG zur Vor­la­ge der Sache an den Bun­des­ge­richts­hof wegen sei­ner vom Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg abwei­chen­den Rechts­mei­nung bestand in hier ent­schie­de­nen Fall gleich­wohl nicht. Die auf­ge­zeig­te Rechts­fra­ge ist für den vor­lie­gen­den Fall aus ander­wei­ti­gen tat­säch­li­chen Grün­den nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich: Der Straf­ge­fan­ge­ne hat­te zwar an eine Bun­des­tags­frak­ti­on geschrie­be­nen, das der Brief­kon­trol­le unter­wor­fe­ne Ant­wort­schrei­ben wies auf dem Brief­um­schlag aller­dings nicht die Bun­des­tags­frak­ti­on, son­dern die Par­tei­zen­tra­le als Absen­der auf.

Ober­lan­des­ge­richt Dres­den, Beschluss vom 14. März 2014 – 2 Ws 81/​14

  1. OLG Ham­burg, Beschluss vom 03.03.2004 – 3 Vollz (Ws) 9/​04[][]
  2. eben­so LG Ell­wan­gen, ZfStrVo 1979, 125 und Schwind/​Böhm, StVoll­zG, 3. Aufl.1999, Rdnr. 18 zu § 29 für Bun­des­tags­frak­tio­nen[]
  3. eben­so: OLG Nürn­berg, NStZ 1993, 455 für Schrei­ben an den Bun­des­prä­si­den­ten[]
  4. vgl. z.B. Joester/​Wegner StVoll­zG 6. Aufl., § 29 Rdnr. 14; Cal­lies­s/­Mül­ler-Dietz StVoll­zG 11. Aufl., § 29 Rdnr. 5[]
  5. vgl. Kret­sch­mar in Schmidt-Bleib­treu/Hof­man­n/Hopf­auf, Kom­men­tar zum Grund­ge­setz Art. 40 Rdnr. 53[]
  6. BVerfGE 70, 324 [362 f.]; 84, 304 [322][]
  7. BVerfG a.a.O.[]
  8. vgl. auch: Klein in Maunz/​Dürig/​Herzog/​Scholz, Grund­ge­setz­kom­men­tar Lose­blatt, Art. 38 Rdnr. 248 m.v.w.N.; der­sel­be a.a.O., Art. 40 Rdnrn. 82 ff.[]