Kos­ten­tra­gung nach der Ein­stel­lung eines Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ver­fah­rens

Die von der Staats­an­walt­schaft gemäß § 105 Abs. 1, § 108a Abs. 1 OWiG in Ver­bin­dung mit § 467a Abs. 1 StPO nach Ein­stel­lung des Ver­fah­rens zu tref­fen­de Kos­ten­ent­schei­dung fällt grund­sätz­lich dahin­ge­hend aus, dass die not­wen­di­gen Aus­la­gen des Betrof­fe­nen der Staats­kas­se zur Last fal­len. Hier­von kann abge­se­hen wer­den, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des § 109a Abs. 2 OWiG vor­lie­gen [1]. Das ist der Fall, wenn der Betrof­fe­ne das Ent­ste­hen der Aus­la­gen durch die recht­zei­ti­ge Mit­tei­lung ent­las­ten­der Umstän­de hät­te ver­hin­dern kön­nen.

Kos­ten­tra­gung nach der Ein­stel­lung eines Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ver­fah­rens

§ 109a Abs. 2 StPO ist ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, weil die­se Bestim­mung die Ver­tei­di­gungs­mög­lich­kei­ten des Betrof­fe­nen nicht unzu­läs­sig ein­engt, son­dern nur das Kos­ten­ri­si­ko in einer zumut­ba­ren Wei­se ver­la­gert, um einer von der Ver­tei­di­gung ange­streb­ten kos­ten­träch­ti­gen Aus­wei­tung des Ver­fah­rens zu Las­ten der Staats­kas­se zu begeg­nen. Von Ver­fas­sungs wegen ist es nicht gebo­ten, auch sol­che Aus­la­gen des Betrof­fe­nen der Staats­kas­se auf­zu­er­le­gen, die bei sach­ge­rech­ter Ver­tei­di­gung nicht ent­stan­den wären [2].

Ent­las­ten­de Umstän­de im Sin­ne von § 109a StPO sind sol­che, die den gegen den Betrof­fe­nen erho­be­nen Vor­wurf aus­räu­men, in der Sphä­re des Betrof­fe­nen lie­gen, der Ver­fol­gungs­be­hör­de unbe­kannt geblie­ben und ihr nicht ohne wei­te­res zugäng­lich sind [3].

Die zu tref­fen­de Aus­la­gen­ent­schei­dung steht im Ermes­sen der Ver­fol­gungs­be­hör­de. Bei der Ermes­sens­aus­übung ist der Norm­zweck der Rege­lung des § 109a OWiG zu beach­ten. Sie will Miss­bräu­chen vor­beu­gen und ist des­halb nur in Fäl­len her­an­zu­zie­hen, in denen nicht recht­zei­ti­ges Vor­brin­gen als miss­bräuch­lich oder unlau­ter anzu­se­hen ist. Es kommt des­halb dar­auf an, ob sich für das Ver­hal­ten des Betrof­fe­nen ein ver­nünf­ti­ger und bil­li­gens­wer­ter Grund anfüh­ren lässt [4].

Als ein sol­cher Grund ist der Schutz eines nahen Ange­hö­ri­gen vor der Ver­fol­gung aner­kannt [5]. Kei­ne Einig­keit herrscht in der Fra­ge, ob die Unzu­mut­bar­keit von Anga­ben, die einen nahen Ange­hö­ri­gen belas­ten, ent­fällt, soweit hin­sicht­lich des Ange­hö­ri­gen Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten ist [6].

Unab­hän­gig von der Fra­ge, inwie­weit eine bestimm­te Aus­le­gung des § 109a Abs. 2 OWiG hin­sicht­lich der Zumut­bar­keit einer Belas­tung Ange­hö­ri­ger durch Ver­fas­sungs­recht vor­ge­ge­ben ist, han­del­te es sich bei der mög­li­chen Fah­rer­ei­gen­schaft der Schwes­ter jeden­falls schon des­halb offen­sicht­lich nicht um einen Umstand, des­sen Ver­schwei­gen der Beschwer­de­füh­re­rin im Rah­men der Anwen­dung des § 109a Abs. 2 StPO zur Last gelegt wer­den konn­te, weil das Unter­blei­ben ent­spre­chen­der Anga­ben der Beschwer­de­füh­re­rin für das wei­te­re Ver­fah­ren nicht wesent­lich war [7]. Dass bei­de Töch­ter des Fahr­zeug­hal­ters als ver­ant­wort­li­che Fahr­zeug­füh­re­rin­nen in Betracht kamen, war bereits dem Ver­merk des zustän­di­gen Poli­zei­be­am­ten vom 31.01.2011 zu ent­neh­men, in dem aus­drück­lich ein Abgleich der beim Mel­de­re­gis­ter vor­han­de­nen Licht­bil­der mit dem Foto der Über­wa­chungs­ka­me­ra ange­regt wur­de. Die Ver­fol­gungs­be­hör­de konn­te daher allein auf­grund der ergän­zen­den Ermitt­lun­gen des zustän­di­gen Poli­zei­be­am­ten die Erkennt­nis gewin­nen, dass mög­li­cher­wei­se die Schwes­ter der Beschwer­de­füh­re­rin die vor­ge­wor­fe­ne Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung began­gen hat­te.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 16. August 2013 – 2 BvR 864/​12

  1. zu des­sen Anwend­bar­keit: Gür­t­ler, in: Göh­ler, OWiG, 16. Aufl.2012, § 109a Rn. 18[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 27.11.1989 – 2 BvR 1333/​87; Gür­t­ler, in: Göh­ler, OWiG, 16. Aufl.2012, § 109a Rn. 8; Schmehl, in: Karls­ru­her Kom­men­tar, OWiG, 3. Aufl.2006, § 109a Rn. 9[]
  3. vgl. Gür­t­ler, in: Göh­ler, OWiG, 16. Aufl.2012, § 109a Rn. 10; Schmehl, in: Karls­ru­her Kom­men­tar, OWiG, 3. Aufl.2006, § 109a Rn. 10; AG Bad Oldes­loe, Beschluss vom 25.08.2008 – 3 OWi 193/​08; AG Besig­heim, Beschluss vom 04.12.2006 – 6 OWi 364/​06; AG Aschaf­fen­burg, zfs 2002, S. 248; AG Lever­ku­sen, zfs 1997, S. 308, 309[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 27.11.1989 – 2 BvR 1333/​87; Gür­t­ler, in: Göh­ler, OWiG, 16. Aufl.2012, § 109a Rn. 12; Schmehl, in: Karls­ru­her Kom­men­tar, OWiG, 3. Aufl.2006, § 109a Rn. 12 ff.[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 27.11.1989 – 2 BvR 1333/​87; OLG Köln, Beschluss vom 27.01.1995 – 1 Ws 2/​95, Anwalts­ge­büh­ren spe­zi­al 1995, S. 41, 42; LG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 10.05.2007 – Qs 51/​07; AG Lüding­hau­sen, Beschluss vom 10.11.2006 – 10 OWi 107/​06; AG Ober­hau­sen, Beschluss vom 31.03.2011 – 23 OWi 3/​11 (b); Gür­t­ler, in: Göh­ler, OWiG, 16. Aufl.2012, § 109a Rn. 13; Schmehl, in: Karls­ru­her Kom­men­tar, OWiG, 3. Aufl.2006, § 109a Rn. 13[]
  6. vgl. beja­hend, OLG Köln, a.a.O.; AG Ober­hau­sen, a.a.O.; a.A. LG Zwei­brü­cken, a.a.O.[]
  7. vgl. nur Gür­t­ler, in: Göh­ler, OWiG, 16. Aufl.2012, § 109a Rn. 10[]