Kron­zeu­ge vom Hören­sa­gen

Ein Zeu­ge vom Hören­sa­gen ist zwar ein zuläs­si­ges Beweis­mit­tel, des­sen Her­an­zie­hung und Bewer­tung nach den § 244 Abs. 2, § 261 StPO zu beur­tei­len ist. Jedoch stel­len die begrenz­te Zuver­läs­sig­keit die­ses Zeug­nis­ses und die Beschrän­kung der Nach­prü­fungs­mög­lich­kei­ten beson­de­re Anfor­de­run­gen an die Wür­di­gung.

Kron­zeu­ge vom Hören­sa­gen

Dies gilt nicht nur in Fäl­len, in denen die vom Gericht unmit­tel­bar ver­nom­me­nen Zeu­gen über Anga­ben einer anony­men Gewähr­s­per­son berich­ten1.

Dies muss erst recht gel­ten, wenn ein unmit­tel­ba­rer Tat­zeu­ge mit sei­nen Anga­ben, die einen ande­ren belas­ten, zugleich Vor­tei­le im Sin­ne von § 31 Satz 1 Nr. 1 BtMG oder § 46b StGB, ein­schließ­lich der Ver­scho­nung von Unter­su­chungs­haft, erstrebt2. Dann besteht eine erhöh­te Gefahr dafür, dass die­ser Belas­tungs­zeu­ge den Ange­klag­ten ins­ge­samt zu Unrecht oder jeden­falls zu stark belas­tet haben könn­te, ohne dass dies durch ergän­zen­de Befra­gung in der Haupt­ver­hand­lung über­prüft wer­den kann.

Allein durch sorg­fäl­ti­ge Ana­ly­se des Aus­sa­ge­inhalts und Über­prü­fung der Aus­sa­ge­kon­stanz kann in einer sol­chen Kon­stel­la­ti­on eine mög­li­cher­wei­se zu Unrecht erfol­gen­de oder zu weit gehen­de Belas­tung eines ande­ren nicht aus­rei­chend aus­ge­schlos­sen wer­den. Die all­ge­mei­nen Glaub­wür­dig­keits­kri­te­ri­en erwei­sen sich in der­ar­ti­gen Fäl­len, etwa im Hin­blick auf die Mög­lich­keit des "Kron­zeu­gen", nur die Per­son eines wei­te­ren Betei­lig­ten im Rah­men der Schil­de­rung eines im Übri­gen selbst erleb­ten Gesche­hens falsch zu bezeich­nen, um dadurch sei­ne eige­ne grö­ße­re Tat­be­tei­li­gung oder die Betei­li­gung eines Drit­ten zu ver­tu­schen, als unzu­rei­chend. Der Auf­klä­rungs­ge­hil­fe kann in die­ser Situa­ti­on ein schlüs­si­ges Gesamt­bild auch dann erzeu­gen, wenn er nur einen Per­so­nen­tausch vor­nimmt3.

Besteht in der Haupt­ver­hand­lung in einer sol­chen Situa­ti­on auch kei­ne Mög­lich­keit für das Gericht und die Ver­tei­di­gung, durch Befra­gung des Tat­zeu­gen, der erheb­li­che Eigen­in­ter­es­sen ver­folgt, die Glaub­haf­tig­keit der Fremd­be­las­tung zu über­prü­fen, ist die Ver­ur­tei­lung nur gerecht­fer­tigt, wenn die belas­ten­den Anga­ben durch wei­te­re aus­sa­ge­kräf­ti­ge Indi­zi­en unter­stützt wer­den4.

Ob Zusatz­in­di­zi­en vor­lie­gen, die genü­gen­de Aus­sa­ge­kraft besit­zen, um das genann­te Beweis­de­fi­zit aus­zu­glei­chen, hat das Tat­ge­richt in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu prü­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Juni 2016 – 2 StR 539/​15

  1. dazu BVerfG, Beschluss vom 26.05.1981 – 2 BvR 215/​81, BVerfGE 57, 250, 292; BGH, Urteil vom 01.08.1962 – 3 StR 28/​62, BGHSt 17, 382, 383 f.; Urteil vom 16.04.1985 – 5 StR 718/​84, BGHSt 33, 178, 181 []
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 07.07.2004 – 5 StR 71/​04, StV 2004, 578, 579 []
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 13.09.2011 – 5 StR 308/​11 []
  4. vgl. Frahm, Die all­ge­mei­ne Kron­zeu­gen­re­ge­lung. Dog­ma­ti­sche Pro­ble­me und Rechts­pra­xis des § 46b StGB, 2014, S. 265 ff.; Wei­der in Fest­schrift für Wid­mai­er, 2008, S. 599, 602 f.; zu einer sol­chen Beweis­wür­di­gungs­lö­sung beim Zeug­nis vom Hören­sa­gen über Aus­sa­gen eines anony­men Gewährs­manns BVerfG aaO, BVerfGE 57, 250, 292; BGH aaO, BGHSt 17, 382, 386; bei Ver­let­zung des Kon­fron­ta­ti­ons­rechts BGH, Urteil vom 25.07.2000 – 1 StR 169/​00, BGHSt 46, 93, 106 []