Land­tags­ab­ge­ord­ne­te im Straf­recht – Indem­ni­tät im StGB und den Lan­des­ver­fas­sun­gen

Die Nor­men des Lan­des­ver­fas­sungs­rechts ver­mö­gen die Rege­lung des § 36 StGB weder ein­zu­en­gen noch aus­zu­deh­nen, soweit es um die straf­recht­li­chen Fol­gen der Indem­ni­tät geht. Der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat von sei­ner Kom­pe­tenz aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG mit dem Erlass von § 36 StGB abschlie­ßend Gebrauch gemacht, sodass nach Art. 31 GGBun­des­recht bricht Lan­des­recht§ 36 StGB die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Indem­ni­täts­nor­men dero­gie­ren wür­de.

Land­tags­ab­ge­ord­ne­te im Straf­recht – Indem­ni­tät im StGB und den Lan­des­ver­fas­sun­gen

Der Schutz­be­reich der Norm des Art. 55 Abs. 1 Thü­rin­ger Ver­fas­sung ist trotz der wei­ten For­mu­lie­rung vor dem Hin­ter­grund von Art. 31 und Art.20 GG bun­des­rechts­kon­form dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass eine Beschrän­kung der lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Indem­ni­tät auf das Abstim­mungs­ver­hal­ten und Äuße­run­gen im Land­tag und sei­nen Gre­mi­en erfol­gen muss.

Die ver­fas­sungs­recht­lich in Art. 46 Abs. 1 GG gere­gel­te Indem­ni­tät betrifft die Fra­ge der mate­ri­ell-recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit der Abge­ord­ne­ten. Sei­ne ein­fach­ge­setz­li­che Aus­prä­gung fin­det die Indem­ni­tät in § 36 StGB. Die Vor­schrif­ten des Lan­des­ver­fas­sungs­rechts über die Indem­ni­tät der Abge­ord­ne­ten der Lan­des­par­la­men­te sind in vie­ler­lei Hin­sicht nicht deckungs­gleich mit der Rege­lung des § 36 StGB 1, wobei das Lan­des­ver­fas­sungs­recht teil­wei­se einen wei­te­ren Anwen­dungs­be­reich der Indem­ni­tät vor­sieht als er in § 36 StGB gere­gelt ist. In eini­gen Lan­des­ver­fas­sun­gen wird die Indem­ni­tät auf Äuße­run­gen erstreckt, die der Abge­ord­ne­te "in Aus­übung sei­nes Man­dats" abge­ge­ben hat, so auch die vom Amts­ge­richt her­an­ge­zo­ge­ne Indem­ni­täts­vor­schrift aus Art. 55 Abs. 1 Thü­rin­ger Ver­fas­sung.

Wel­che Kon­se­quen­zen aus die­sen Abwei­chun­gen zu zie­hen sind, ist umstrit­ten, nament­lich ob § 36 StGB als abschlie­ßen­de Rege­lung der straf­recht­li­chen Kom­po­nen­te der Indem­ni­tät so zu ver­ste­hen ist, dass sei­ne Rege­lung den Indem­ni­täts­vor­schrif­ten der Lan­des­ver­fas­sun­gen vor­geht.

Nach einer in der Lite­ra­tur ver­tre­te­nen Auf­fas­sung soll dem Bun­des­ge­setz­ge­ber zur Rege­lung der Indem­ni­tät der Abge­ord­ne­ten der Lan­des­par­la­men­te bereits die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz feh­len, weil es sich bei der Rege­lung der Indem­ni­tät um Ver­fas­sungs­or­ga­ni­sa­ti­ons­recht han­de­le, für das allein die Län­der die Rege­lungs­kom­pe­tenz besä­ßen 2. Hier­nach wür­de § 36 StGB nicht für die Abge­ord­ne­ten der Lan­des­par­la­men­te gel­ten. Eine dif­fe­ren­zie­ren­de Auf­fas­sung meint, es müs­se den Län­dern mög­lich sein, Rege­lun­gen zu tref­fen, die von § 36 StGB abwei­chen. § 36 StGB sei allen­falls in der Lage, Min­dest­stan­dards der Indem­ni­tät zu defi­nie­ren, die ledig­lich dann zur Anwen­dung kämen, wenn die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Rege­lung enger sei, ansons­ten kom­me die groß­zü­gi­ge­re lan­des­recht­li­che Vor­schrift zur Anwen­dung 3.

Nach wei­te­ren Auf­fas­sun­gen soll bei der Fra­ge, ob § 36 StGB oder eine lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Indem­ni­täts­vor­schrift zur Anwen­dung kommt, dar­auf abzu­stel­len sein, ob der Abge­ord­ne­te die Tat inner­halb sei­nes Lan­des bege­he oder außer­halb des­sel­ben, wonach im ers­ten Fall die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Indem­ni­täts­norm zur Anwen­dung kom­men soll, im letz­te­ren Fall hin­ge­gen § 36 StGB 4.

Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le neigt indes mit der wohl über­wie­gen­den Mei­nung dazu, dass die Nor­men des Lan­des­ver­fas­sungs­rechts die Rege­lung des § 36 StGB weder ein­zu­en­gen noch aus­zu­deh­nen ver­mö­gen, soweit es um die straf­recht­li­chen Fol­gen der Indem­ni­tät geht 5. Der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat von sei­ner Kom­pe­tenz aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG mit dem Erlass von § 36 StGB abschlie­ßend Gebrauch gemacht, sodass nach Art. 31 GG – Bun­des­recht bricht Lan­des­recht – § 36 StGB die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Indem­ni­täts­nor­men dero­gie­ren wür­de. Dass der Bun­des­ge­setz­ge­ber mit § 36 StGB eine abschlie­ßen­de, auch für die Mit­glie­der der Lan­des­par­la­men­te gel­ten­de, nicht durch Lan­des­recht ergänz­ba­re Rege­lung für das Gebiet des Straf­rech­tes tref­fen woll­te, ergibt sich zwei­fels­frei aus den Gesetz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en. Nach dem zwei­ten Bericht des Son­der­aus­schus­ses des Deut­schen Bun­des­ta­ges für die Straf­rechts­re­form 6 soll­te das Aus­maß der Indem­ni­tät durch Bun­des­recht ein­heit­lich geregt wer­den. Der vom Bun­des­rat gewünsch­te Vor­be­halt zuguns­ten wei­ter­ge­hen­der lan­des­recht­li­cher Rege­lun­gen wur­de vom Son­der­aus­schuss aus­drück­lich abge­lehnt. Nach dem Wil­len des dama­li­gen Gesetz­ge­bers soll­te die Indem­ni­täts­re­ge­lung des § 36 StGB damit abschlie­ßend sein. Für eine lan­des­recht­li­che Erwei­te­rung über den in § 36 StGB des 2. StrRG gezo­ge­nen Rah­men hin­aus bestehe kein ver­fas­sungs­po­li­ti­sches Bedürf­nis 7. Folgt man die­ser Auf­fas­sung, so wür­de sich die Fra­ge der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit des Ange­klag­ten allein nach § 36 StGB rich­ten, allen­falls könn­te Art. 55 Thü­rin­ger Ver­fas­sung in den Gren­zen von § 36 StGB aus­ge­legt wer­den.

Das OLG Cel­le braucht die­se Fra­ge jedoch nicht zu ent­schei­den, denn weder bei Anwen­dung des § 36 StGB noch bei Anwen­dung der lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Indem­ni­täts­vor­schrift des Art. 55 Abs. 1 Thü­rin­gi­sche Ver­fas­sung greift ein per­sön­li­cher Straf­aus­schlie­ßungs­grund für den Ange­klag­ten ein.

Nach § 36 StGB dür­fen Mit­glie­der des Gesetz­ge­bungs­or­ga­nes eines Lan­des zu kei­ner Zeit wegen ihrer Abstim­mung oder wegen einer Äuße­rung, die sie in der Kör­per­schaft oder in einem ihrer Aus­schüs­se getan haben, außer­halb der Kör­per­schaft zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den. Nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen hat der Ange­klag­te die frag­li­chen Äuße­run­gen nicht in der Kör­per­schaft – also dem Land­tag – oder einem sei­ner Aus­schüs­se getä­tigt, sodass bereits der funk­tio­na­le Schutz­be­reich des § 36 StGB nicht eröff­net ist.

Nach Art. 55 Abs. 1 Thü­rin­ger Ver­fas­sung dür­fen Abge­ord­ne­te zu kei­ner Zeit wegen ihrer Abstim­mung oder wegen einer Äuße­rung, die sie im Land­tag, in einem sei­ner Aus­schüs­se oder sonst in Aus­übung ihres Man­dats getan haben, gericht­lich oder dienst­lich ver­folgt oder sonst außer­halb des Land­tags zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den. Auch die­se Vor­aus­set­zun­gen sind nicht erfüllt.

Zwar ist der Ange­klag­te als Mit­glied des T. Land­ta­ges vom per­so­na­len Schutz­be­reich der Norm erfasst. Die Hand­lung des Ange­klag­ten wird auch vom sach­li­chen Schutz­be­reich des § 55 Abs. 1 Thü­rin­ger Ver­fas­sung erfasst, denn der Begriff der Äuße­rung umfasst grund­sätz­lich Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, Bewer­tun­gen, Wil­lens­be­kun­dun­gen und Auf­for­de­run­gen und schließt münd­li­che und schrift­li­che Äuße­run­gen ein 8.

Jedoch ist auch hier der funk­tio­na­le Schutz­be­reich der Norm nicht eröff­net, denn der Ange­klag­te hat sei­ne Äuße­rung weder im Lan­des­par­la­ment oder einem sei­ner Aus­schüs­se getan, noch hat er die­se im Rah­men der Aus­übung sei­nes Man­da­tes getä­tigt.

Abs. 1 Thü­rin­ger Ver­fas­sung stellt die Mit­glie­der des Par­la­ments von der recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit für ihr Abstim­mungs­ver­hal­ten und für alle Äuße­run­gen in Aus­übung des Man­da­tes frei 9. Die Rede­frei­heit eines Abge­ord­ne­ten wird als not­wen­di­ge Bedin­gung par­la­men­ta­ri­scher Reprä­sen­ta­ti­on ange­se­hen, die die Frei­heit des Man­dats sichern und davor schüt­zen soll, dass Abge­ord­ne­te durch Ein­grif­fe der ande­ren Gewalt in ihrer par­la­men­ta­ri­schen Arbeit behin­dert wer­den. Die Abge­ord­ne­ten sol­len sich zur Vor­be­rei­tung der von ihnen zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen in frei­er, der Kon­trol­le jeder außer­par­la­men­ta­ri­schen Stel­le ent­zo­ge­nen Dis­kus­si­on ihre Mei­nung bil­den kön­nen 10.

Soweit sich der Schutz der Abge­ord­ne­ten auch auf sol­che Äuße­run­gen erstreckt, die "sonst in Aus­übung des Man­da­tes" getä­tigt wer­den, geht die­se For­mu­lie­rung zwar über die­je­ni­ge in § 36 StGB hin­aus. Jedoch dient auch Art. 55 Abs. 1 Thü­rin­ger Ver­fas­sung – eben­so wie § 36 StGB – allein dem öffent­li­chen Inter­es­se und dem Schutz der par­la­men­ta­ri­schen Ver­hand­lung und Wil­lens­bil­dung. Der Schutz­be­reich der Norm ist des­halb trotz der wei­ten For­mu­lie­rung des Art. 55 Abs. 1 Thü­rin­ger Ver­fas­sung vor dem Hin­ter­grund von Art. 31 und Art.20 GG bun­des­rechts­kon­form dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass eine Beschrän­kung der lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Indem­ni­tät auf das Abstim­mungs­ver­hal­ten und Äuße­run­gen im Land­tag und sei­nen Gre­mi­en erfol­gen muss. Der Schutz­be­reich von Art. 55 Thü­rin­gi­sche Ver­fas­sung ist damit auf die öffent­li­che Debat­te im Ple­num, in den Aus­schüs­sen und in den ande­ren Vor­be­rei­tungs­gre­mi­en beschränkt und erfasst nicht auch Äuße­run­gen außer­halb des Land­ta­ges, etwa in Wahl­ver­samm­lun­gen und ande­ren poli­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen in der Öffent­lich­keit oder in der Par­tei oder ande­ren nicht­par­la­men­ta­ri­schen Gre­mi­en 11. Das Wesen der Indem­ni­tät kann nur Äuße­run­gen im eigent­li­chen Par­la­ments­be­trieb betref­fen, nicht aber Äuße­run­gen im all­ge­mein­po­li­ti­schen Bereich, für die sich ein Abge­ord­ne­ter wie jeder ande­re Bür­ger auch ver­ant­wor­ten muss.

Hier­aus folgt, dass Äuße­run­gen eines Abge­ord­ne­tes außer­halb des Land­ta­ges und sei­ner Aus­schüs­se im öffent­li­chen Raum – zu dem auch das Inter­net zählt, nicht dem funk­tio­na­len Schutz­be­reich des Art. 55 Abs. 1 Thü­rin­ger Ver­fas­sung unter­fal­len.

Selbst wenn aber der Begriff der Aus­übung des Man­dats auch Äuße­run­gen erfas­sen wür­de, die sich in den durch das demo­kra­ti­sche Reprä­sen­ta­ti­ons­prin­zip gebo­te­nen wech­sel­sei­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess zwi­schen den Bür­gern und ihren par­la­men­ta­ri­schen Reprä­sen­tan­ten ein­ord­nen las­sen 12, wür­de dies nichts ändern. Die Unter­zeich­nung einer Unter­stüt­zer­lis­te für den Auf­ruf zur Teil­nah­me an der Cas­tor-Schot­tern-Kam­pa­gne ist ersicht­lich nicht Teil der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Bür­gern und ihren par­la­men­ta­ri­schen Reprä­sen­tan­ten, son­dern eine – min­des­tens – bun­des­weit an eine an eine unbe­stimm­te Viel­zahl von Adres­sa­ten gerich­te­te ein­sei­ti­ge Erklä­rung. Dass der Ange­klag­te sich dabei auf sei­ne Abge­ord­ne­ten­ei­gen­schaft bezo­gen hat ändert dar­an eben­falls nichts, denn die­ser Zusatz weist allein auf die Eigen­schaft des Ange­klag­ten als Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter hin, kann aber als ein­sei­ti­ge Erklä­rung nicht den Schutz­be­reich der Indem­ni­tät eröff­nen.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Urteil vom 15. Novem­ber 2013 – 32 Ss 135/​13

  1. vgl. hier­zu Häger in LK-StGB 12. Aufl., § 36 Rdnr. 13[]
  2. vgl. Schrö­der, Der Staat 1982, 25, 42 ff.; Zeit­schrift für Par­la­ments­fra­gen 1981, 442 f.; im Ergeb­nis auch Wol­frum DÖV 1982, 674 ff.[]
  3. vgl. Joecks in Münch­Komm-StGB, 2. Aufl., § 36 Rdnr. 32[]
  4. vgl. Trönd­le in LK-StGB, 10. Aufl. Rdnr. 3 vor § 36 StGB[]
  5. vgl. hier­zu Häger in LK-StGB, 12. Aufl., § 36 Rdnr.19 m. w. N.[]
  6. BT-Drs. V/​4095, S. 17[]
  7. BT-Drs., a.a.O.[]
  8. vgl. hier­zu Häger-LK-StGB a. a. O. Rdnr. 41; VG Wei­mar, Urteil vom 10.03.2010 – 3 K 1334/​09 = ThürVBl.2010, 263 ff.[]
  9. vgl. hier­zu und zum Fol­gen­den VG Wei­mar a. a. O.[]
  10. vgl. LG Ham­burg AfP 2007, 384 f.[]
  11. vgl. OLG Stutt­gart NJW-RR 2004, 619 ff.; StGH Bre­men, MDR 1968, 24 f.[]
  12. so Linck in Linck/​Jutzi/​Hopfe, Die Ver­fas­sung des Frei­staa­tes Thü­rin­gen, 2. Aufl., § 55 Rdnr. 13[]