Lebens­läng­lich – und die an sich gesamt­stra­fen­fä­hi­ge Stra­fe aus einem ande­ren EU-Staat

Mit der Berück­sich­ti­gung von an sich gesamt­stra­fen­fä­hi­gen EU-aus­län­di­schen Stra­fen hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof in einem Fall zu befas­sen, in dem es um die Ver­hän­gung einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe mit Fest­stel­lung der beson­de­ren Schwe­re der Schuld ging.

Lebens­läng­lich – und die an sich gesamt­stra­fen­fä­hi­ge Stra­fe aus einem ande­ren EU-Staat

Bei der Straf­zu­mes­sung sind etwai­ge Här­ten in den Blick zu neh­men, die durch die zusätz­li­che Voll­stre­ckung von Stra­fen dro­hen, die von Gerich­ten ande­rer Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on ver­hängt wur­den, wenn dies­be­züg­lich in zeit­li­cher Hin­sicht die Vor­aus­set­zun­gen für eine Gesamt­stra­fen­bil­dung nach § 55 StGB erfüllt wären [1]. Der­ar­ti­ge Här­ten wer­den in ver­gleich­ba­ren Fäl­len vor­aus­ge­gan­ge­ner Ver­ur­tei­lun­gen durch deut­sche Gerich­te nach § 55 StGB durch eine nach­träg­lich zu bil­den­de Gesamt­stra­fe ver­mie­den, wäh­rend aus­län­di­sche Stra­fen wegen des mit einer Gesamt­stra­fen­bil­dung ver­bun­de­nen Ein­griffs in deren Voll­streck­bar­keit nicht gesamt­stra­fen­fä­hig sind [2].

Ist – bezo­gen auf meh­re­re durch inlän­di­sche Gerich­te ver­häng­te Stra­fen – nach § 55 StGB eine nach­träg­li­che Gesamt­stra­fen­bil­dung an sich mög­lich, schei­tert sie aber an zufäl­li­gen, nicht vom Täter beein­fluss­ba­ren Umstän­den, ist die dar­in lie­gen­de Här­te nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bei der Bemes­sung der zuletzt zu ver­hän­gen­den Stra­fe aus­zu­glei­chen [3]. Dem liegt der Gedan­ke zugrun­de, dass der Täter durch den Zufall gemein­sa­mer oder getrenn­ter Abur­tei­lung weder bes­ser noch schlech­ter gestellt wer­den soll [4].

Grund­sätz­lich erscheint es gebo­ten, die­sem Rechts­ge­dan­ken auch dann Rech­nung zu tra­gen, wenn eine im Aus­land und eine im Inland began­ge­ne Straf­tat jeden­falls vom zeit­li­chen Ablauf her gleich­zei­tig hät­ten abge­ur­teilt wer­den kön­nen; denn auch inso­weit hängt die getrenn­te oder gemein­sa­me Abur­tei­lung von Umstän­den ab, auf die der Ange­klag­te kei­nen Ein­fluss hat, wie ins­be­son­de­re von natio­na­len Rege­lun­gen über den Gel­tungs­be­reich des jewei­li­gen Straf­rechts; eine Schlech­ter­stel­lung des Ange­klag­ten ist daher nicht gerecht­fer­tigt [5]. Geht es um frü­he­re Ver­ur­tei­lun­gen in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on, ergibt sich dies auch aus der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs [6]. Denn hier­nach haben die Mit­glied­staa­ten sicher­zu­stel­len, dass frü­he­re in einem ande­ren Mit­glied­staat ergan­ge­ne Ver­ur­tei­lun­gen in glei­chem Maße bei der Straf­zu­mes­sung berück­sich­tigt wer­den wie nach inner­staat­li­chem Recht im Inland aus­ge­spro­che­ne frü­he­re Ver­ur­tei­lun­gen [7]. Die­ser Grund­satz soll stets und ohne wei­te­re Bedin­gun­gen gel­ten. Daher kann es für die Fra­ge der Berück­sich­ti­gung EU-aus­län­di­scher Ver­ur­tei­lun­gen nicht – wie vor dem genann­ten Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ver­tre­ten [8] – dar­auf ankom­men, ob für die im Aus­land began­ge­nen und abge­ur­teil­ten Taten auch ein Gerichts­stand in Deutsch­land eröff­net gewe­sen wäre [9].

Im Hin­blick auf die Art und Wei­se des zu gewäh­ren­den Nach­teils­aus­gleichs gilt im Fal­le der Ver­hän­gung lebens­lan­ger Frei­heits­stra­fen, dass die sich aus der feh­len­den Mög­lich­keit einer Gesamt­stra­fen­bil­dung erge­ben­de Här­te jeden­falls auf der Straf­voll­stre­ckungs­ebe­ne zu berück­sich­ti­gen ist. Wenn – wie vor­lie­gend – eine beson­de­re Schuld­schwe­re fest­ge­stellt wur­de, ist dabei je nach Voll­stre­ckungs­rei­hen­fol­ge wie folgt zu unter­schei­den:

  • Soweit zunächst die aus­län­di­sche und im Anschluss dar­an die deut­sche Stra­fe – in Deutsch­land – voll­streckt wer­den, ist der Nach­teil bei der Ent­schei­dung des Voll­stre­ckungs­ge­richts über die Ver­län­ge­rung der Min­dest­ver­bü­ßungs­dau­er nach § 57a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 StGB aus­zu­glei­chen. Der­ge­stalt ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auch dem Nach­teil Rech­nung zu tra­gen, der ent­steht, wenn die Stra­fe aus einer an sich gesamt­stra­fen­fä­hi­gen Vor­ver­ur­tei­lung vor Ver­hän­gung einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe bereits voll­stän­dig voll­streckt wur­de und die­se daher nicht mehr ein­be­zie­hungs­fä­hig ist [10]. Da ein ver­gleich­ba­rer Nach­teil ent­steht, wenn eine im Aus­land und eine im Inland began­ge­ne Straf­tat jeden­falls vom zeit­li­chen Ablauf her mit­ein­an­der hät­ten abge­ur­teilt wer­den kön­nen, ist die­ser auch ent­spre­chend aus­zu­glei­chen.
  • Wird dage­gen zuerst die deut­sche Stra­fe – in Deutsch­land – voll­streckt und soll sodann die aus­län­di­sche Stra­fe im Wege der Voll­stre­ckungs­hil­fe voll­streckt wer­den, bie­tet sich eine Berück­sich­ti­gung im Rah­men der Ent­schei­dung gemäß § 57a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 StGB nur an, wenn in die­sem Zeit­punkt die ein­tre­ten­de Här­te bereits kon­kret und sicher abseh­bar ist. Andern­falls kommt jedoch eine Anpas­sung der aus­län­di­schen Stra­fe im Rah­men des Exe­qua­tur­ver­fah­rens eben­falls nicht in Betracht [11]. Dem Nach­teil kann daher nur im Voll­stre­ckungs­hil­fe­ver­fah­ren dadurch begeg­net wer­den, dass eine Voll­stre­ckungs­über­nah­me der aus­län­di­schen Stra­fe gege­be­nen­falls wegen Unver­hält­nis­mä­ßig­keit oder Wider­spruchs zum Ord­re­pu­blic abge­lehnt wird (§ 73 IRG) [12].

Soll die aus­län­di­sche Stra­fe dage­gen – wie vor­lie­gend allein mög­lich (vgl. § 84a IRG) – nach Aus­lie­fe­rung im EU-Aus­land voll­streckt wer­den, bedarf es einer Berück­sich­ti­gung im Rah­men der Ent­schei­dung über die Bewil­li­gung der Aus­lie­fe­rung nicht, da sämt­li­che EU-Mit­glied­staa­ten an die ein­gangs genann­te Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs [13] gebun­den sind und daher ihrer­seits einen ent­spre­chen­den Nach­teils­aus­gleich sicher­zu­stel­len haben [14]. Hier­auf kann grund­sätz­lich – abge­se­hen von außer­ge­wöhn­li­chen Umstän­den – ver­traut wer­den [15], soweit dem euro­päi­schen Grund­kon­sens über eine rechts­staat­li­che Ver­fah­rens­ge­stal­tung Rech­nung getra­gen ist [16].

Glei­ches gilt schließ­lich, sofern die deut­sche Stra­fe im Wege der Voll­stre­ckungs­hil­fe im Aus­land – vor­lie­gend in Rumä­ni­en – voll­streckt wird (§§ 71, 85 ff. IRG); die sich aus der feh­len­den Mög­lich­keit einer Ein­be­zie­hung der öster­rei­chi­schen Stra­fen nach § 55 StGB erge­ben­de Här­te ist dann durch den voll­stre­cken­den Staat zu berück­sich­ti­gen. Zudem kön­nen die ent­spre­chen­den Über­le­gun­gen bei der Fra­ge, ob die­ser Voll­stre­ckungs­weg über­haupt zu wäh­len ist, in den Blick genom­men wer­den.

Dem­ge­mäß ist es im Ergeb­nis nicht zu bean­stan­den, dass das Land­ge­richt Mün­chen – II [17] im vor­lie­gen­den Fall – wenn auch mit unzu­tref­fen­der Begrün­dung – die öster­rei­chi­schen Stra­fen jeweils nicht zu Guns­ten der Ange­klag­ten berück­sich­tigt hat; den durch die zusätz­li­che Voll­stre­ckung die­ser Stra­fen dro­hen­den Här­ten ist im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren Rech­nung zu tra­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. April 2020 – 1 StR 406/​19

  1. vgl. zuletzt BGH, Beschluss vom 18.12.2018 – 1 StR 508/​18 Rn. 6 mwN und im Anschluss dar­an BGH, Beschlüs­se vom 28.01.2020 – 4 StR 599/​19; und vom 03.07.2019 – 4 StR 256/​19[]
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 04.07.2018 – 1 StR 599/​17, BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Här­teaus­gleich 23 Rn. 5; Urteil vom 30.04.1997 – 1 StR 105/​97, BGHSt 43, 79[]
  3. vgl. im Ein­zel­nen BGH, Urteil vom 30.04.1997 – 1 StR 105/​97, BGHSt 43, 79, 80 mwN; vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 25.01.2008 – 2 BvR 1532/​07 Rn. 5[]
  4. BGH aaO[]
  5. vgl. BGH aaO[]
  6. EuGH, Urteil vom 21.09.2017 – – C‑171/​16 Rn. 26[]
  7. vgl. EuGH aaO[]
  8. vgl. ins­be­son­de­re BGH, Urteil vom 10.06.2009 – 2 StR 386/​08, BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Här­teaus­gleich 16[]
  9. so bereits BGH, Beschluss vom 18.12.2018 – 1 StR 508/​18 Rn. 6; eben­so nun­mehr BGH, Beschlüs­se vom 28.01.2020 – 4 StR 599/​19; und vom 03.07.2019 – 4 StR 256/​19[]
  10. BGH, Urteil vom 04.07.2018 – 5 StR 46/​18 Rn. 26; Beschluss vom 09.12.2008 – 4 StR 358/​08; vgl. zudem BGH, Beschlüs­se vom 08.12.2009 – 5 StR 433/​09, BGHSt 54, 259 Rn. 6; und vom 23.07.2008 – 5 StR 293/​08, BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Här­teaus­gleich 15; für die Anwen­dung der Voll­stre­ckungs­lö­sung in die­ser Kon­stel­la­ti­on jedoch BGH, Beschluss vom 20.01.2010 – 2 StR 403/​09, BGHSt 55, 1 Rn. 7; vgl. zudem BVerfG, Beschluss vom 29.01.2007 – 2 BvR 2025/​06 Rn. 3 ff.[]
  11. vgl. Hack­ner in Schomburg/​Lagodny, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 6. Aufl., § 54 Rn. 28[]
  12. so LG Ham­burg, Beschluss vom 09.03.2011 – 605 StVK 640/​05, Beck­RS 2011, 5360; Hack­ner in Schomburg/​Lagodny, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 6. Aufl., § 54 Rn. 30 unter Ver­weis auf OLG Ham­burg, Beschluss vom 16.06.2011 – 1 Ws 45/​11[]
  13. EuGH, Urteil vom 21.09.2017 – C‑171/​16 Rn. 26[]
  14. anders noch vor dem genann­ten Urteil des EuGH OLG Hamm, Beschluss vom 16.08.2016 – 2 Ausl 145/​13 Rn. 21, 26; KG Ber­lin, Beschluss vom 22.12.2009 – [4] Aus­lA 334/​06 [196/​09] Rn. 15 ff.[]
  15. vgl. EuGH, Urteil vom 25.07.2018 -C‑216/​18 Rn. 35 ff., 73 ff.[]
  16. vgl. hier­zu EuGH, Urteil vom 24.06.2019 – C‑619/​18 Rn. 42 ff.[]
  17. LG Mün­chen II, Urteil vom 17.12.2018 – 31 Js 3101/​15 1 Ks[]