Legal Highs

Bei den "legal Highs"-Kräu­ter­mi­schun­gen han­delt es sich nicht um Arz­nei­mit­tel im Sin­ne von Art. 1 Nr. 2 der Humanarn­ei-Richt­li­nie 2001/​83/​EG 1. Damit stell­ten die ver­kauf­ten Kräu­ter­mi­schun­gen auch kein Arz­nei­mit­tel im Sin­ne des den Arz­nei­mit­tel­be­griff der Richt­li­nie in deut­sches Recht umset­zen­den § 2 Abs. 1 AMG dar, was wie­der­um Vor­aus­set­zung einer Straf­bar­keit nach § 95 Abs. 1 Nr. 1 AMG gewe­sen wäre.

Legal Highs

Der zur Aus­le­gung des euro­päi­schen Rechts beru­fe­ne Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat mit Urteil vom 10.07.2014 2 Art. 1 Nr. 2 RL Human­arz­nei­mit­tel dahin aus­ge­legt, dass davon Stof­fe wie syn­the­ti­sche Can­na­bi­noi­de nicht erfasst wer­den, deren Wir­kun­gen sich auf eine schlich­te Beein­flus­sung der phy­sio­lo­gi­schen Funk­tio­nen beschrän­ken, ohne dass sie geeig­net wären, der mensch­li­chen Gesund­heit unmit­tel­bar oder mit­tel­bar zuträg­lich zu sein, die mit­hin nur kon­su­miert wer­den, um einen Rausch­zu­stand her­vor­zu­ru­fen, und die dabei gesund­heits­schäd­lich sind 3.

Zur Begrün­dung hat der Uni­ons­ge­richts­hof aus­ge­führt, dass die RL Human­arz­nei­mit­tel zwei ver­schie­de­ne Defi­ni­tio­nen des Begriffs "Arz­nei­mit­tel" ent­hal­te: Nach Art. 1 Nr. 2 Buchst. a RL Human­arz­nei­mit­tel sind dies alle Stof­fe oder Stoff­zu­sam­men­set­zun­gen, die als Mit­tel mit Eigen­schaf­ten zur Hei­lung oder zur Ver­hü­tung mensch­li­cher Krank­hei­ten bestimmt sind. Art. 1 Nr. 2 Buchst. b RL Human­arz­nei­mit­tel defi­niert als Arz­nei­mit­tel zudem alle Stof­fe oder Stoff­zu­sam­men­set­zun­gen, die im oder am mensch­li­chen Kör­per ver­wen­det oder einem ver­ab­reicht wer­den kön­nen, um ent­we­der die mensch­li­chen phy­sio­lo­gi­schen Funk­tio­nen durch eine phar­ma­ko­lo­gi­sche, immu­no­lo­gi­sche oder meta­bo­li­sche Wir­kung wie­der­her­zu­stel­len, zu kor­ri­gie­ren oder zu beein­flus­sen oder eine medi­zi­ni­sche Dia­gno­se zu erstel­len. Auch wenn die­se Bestim­mun­gen durch das Wort "oder" getrennt sei­en, müss­ten bei­de Vari­an­ten in Ver­bin­dung mit­ein­an­der gele­sen wer­den, was vor­aus­set­ze, dass ihre ver­schie­de­nen Kri­te­ri­en nicht so ver­stan­den wer­den könn­ten, dass sie im Gegen­satz zuein­an­der stün­den 4.

Die Vor­schrift sei mit Blick auf das Ziel der Gewäh­rung eines hohen Niveaus des Schut­zes der mensch­li­chen Gesund­heit zu lesen. Dies brin­ge kei­ne schlich­te Neu­tra­li­tät der Aus­wir­kung auf die mensch­li­che Gesund­heit zum Aus­druck, son­dern impli­zie­re eine gesund­heits­för­dern­de Wir­kung. Aus der Bezug­nah­me der Defi­ni­ti­on in Art. 1 Nr. 2 Buchst. a RL Human­arz­nei­mit­tel auf die Eigen­schaf­ten zur Hei­lung oder zur Ver­hü­tung mensch­li­cher Krank­hei­ten las­se sich ein­deu­tig das Bestehen einer posi­ti­ven Wir­kung für die mensch­li­che Gesund­heit ablei­ten. Auch die Defi­ni­ti­on in Buchst. b der Rege­lung neh­me Begrif­fe in Bezug, die eine gesund­heits­för­dern­de Wir­kung impli­zier­ten, da am Ende der Bestim­mung von einer medi­zi­ni­schen Dia­gno­se die Rede sei und die­se der recht­zei­ti­gen Behand­lung einer mög­li­cher­wei­se dia­gnos­ti­zier­ten Krank­heit die­ne. Nichts ande­res kön­ne für die Aus­drü­cke "wie­der­her­stel­len" und "kor­ri­gie­ren" gel­ten, womit die posi­ti­ve Wir­kung für die mensch­li­che Gesund­heit, auch ohne dass eine Krank­heit vor­lie­ge, her­aus­ge­stellt wer­den sol­le. Für das Ver­ständ­nis des die­sen Begrif­fen fol­gen­den Aus­drucks "beein­flus­sen" könn­ten im Hin­blick auf die Sicher­stel­lung der Kohä­renz und der Ver­hin­de­rung einer wider­sprüch­li­chen Aus­le­gung der ver­schie­de­nen Kri­te­ri­en der bei­den Defi­ni­tio­nen kei­ne ande­ren teleo­lo­gi­schen Erwä­gun­gen gel­ten. Daher erfas­se auch der Aus­druck "beein­flus­sen" nur sol­che Stof­fe, die geeig­net sei­en, dem Funk­tio­nie­ren des mensch­li­chen Orga­nis­mus und folg­lich der mensch­li­chen Gesund­heit zuträg­lich zu sein 5.

In Über­ein­stim­mung mit der Aus­le­gung des Gerichts­ho­fes der Euro­päi­schen Uni­on, an die der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren gebun­den ist 6, ist folg­lich auch § 2 Abs. 1 Nr. 2 AMG, der Art. 1 Nr. 2 Buchst. b RL Human­arz­nei­mit­tel nahe­zu wort­gleich wie­der­gibt und die Richt­li­nie so in deut­sches Recht umsetzt, dahin aus­zu­le­gen, dass von dem natio­na­len Arz­nei­mit­tel­be­griff die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen syn­the­ti­schen Can­na­bi­noi­de nicht erfasst wer­den: Denn sie sind zwar geeig­net, die phy­sio­lo­gi­schen Funk­tio­nen zu beein­flus­sen, sie sind aber dem Funk­tio­nie­ren des mensch­li­chen Orga­nis­mus und damit der Gesund­heit nicht zuträg­lich. Nach den rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts wur­den sie viel­mehr nur ihrer Rau­sch­wir­kung wegen kon­su­miert und ent­fal­te­ten ledig­lich gesund­heits­schäd­li­che Wir­kun­gen.

Die von dem Ange­klag­ten ver­kauf­ten Kräu­ter­mi­schun­gen, die die syn­the­ti­schen Can­na­bi­noi­de ent­hiel­ten, unter­fie­len damit weder dem Begriff des Funk­ti­ons­arz­nei­mit­tels (§ 2 Abs. 1 Nr. 2 AMG), noch dem des Prä­sen­ta­ti­ons­arz­nei­mit­tels (§ 2 Abs. 1 Nr. 1 AMG), weil sie nicht als Mit­tel mit Eigen­schaf­ten zur Hei­lung oder Lin­de­rung oder zur Ver­hü­tung mensch­li­cher oder tie­ri­scher Krank­hei­ten oder krank­haf­ter see­li­scher Beschwer­den bestimmt waren. Da mit­hin von dem Ange­klag­ten schon kein Arz­nei­mit­tel ver­trie­ben wur­de, kam eine Straf­bar­keit nach § 95 Abs. 1 Nr. 1 AMG nicht in Betracht. Zur Tat­zeit waren die syn­the­ti­schen Can­na­bi­noi­de noch nicht in die Anla­ge – II zum Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz auf­ge­nom­men, so dass auch eine Straf­bar­keit nach den §§ 29 ff. BtMG aus­schei­det. Da schließ­lich im vor­lie­gen­den Fall auch kei­ne Anhalts­punk­te dafür ersicht­lich sind, dass sich der Ange­klag­te durch den Ver­kauf der Kräu­ter­mi­schun­gen in sons­ti­ger Wei­se, etwa wegen Kör­per­ver­let­zungs­de­lik­ten schul­dig gemacht haben könn­te, war er inso­weit frei­zu­spre­chen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Sep­tem­ber 2014 – 3 StR 437/​12

  1. Richt­li­nie 2001/​83/​EG vom 06.11.2001 zur Schaf­fung eines Gemein­schafts­ko­de­xes für Human­arz­nei­mit­tel, ABl.EG Nr. L 311 vom 28.11.2001, S. 67 ff., in der durch die Richt­li­nie 2004/​27/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 31.03.2004 zur Ände­rung der Richt­li­nie 2001/​83/​EG, ABl. EG Nr. L 136 vom 30.04.2004, S. 34 ff. gel­ten­den Fas­sung[]
  2. EuGH, Urteil vom 10.07.2014 – C358/​13 und C181/​14, NStZ 2014, 461[]
  3. EuGH, aaO, S. 463[]
  4. EuGH, aaO, S. 462[]
  5. EuGH, aaO, S. 462 f.[]
  6. vgl. Kar­pen­stein in GHN, 50. Lfg., Art. 267 AEUV, Rn. 102 mwN[]