Markt­ma­ni­pu­la­ti­on – und das Erlangte

Mit der Bestim­mung des „erlang­ten Etwas“ im Sin­ne von § 73 Abs. 1 StGB in Fäl­len der Markt­ma­ni­pu­la­ti­on (hier: nach § 38 Abs. 2 Nr. 1, § 39 Abs. 1 Nr. 1 und 2, Abs. 2 Nr. 11, § 20a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 bis 3 WpHG aF) hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befassen:

Markt­ma­ni­pu­la­ti­on – und das Erlangte

Ver­mö­gens­vor­tei­le sind im Sin­ne von § 73 Abs. 1 StGB und § 73b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB „durch“ die rechts­wid­ri­ge Tat erlangt, wenn sie dem Tat­be­tei­lig­ten (§ 73 Abs. 1 StGB) oder Dritt­be­güns­tig­ten (§ 73b Abs. 1 StGB) auf­grund der Ver­wirk­li­chung des Tat­be­stan­des in irgend­ei­ner Pha­se des Tat­ab­laufs zuflie­ßen1. Zwi­schen der Tat und dem Erlan­gen des ein­zu­zie­hen­den Etwas muss mit­hin ein Kau­sal­zu­sam­men­hang bestehen2. Not­wen­dig, aber auch aus­rei­chend ist, dass die rechts­wid­ri­ge Tat im mate­ri­el­len Sinn (§ 11 Abs. 1 Nr. 5 StGB) nicht hin­weg­ge­dacht wer­den kann, ohne dass die straf­rechts­wid­ri­ge Berei­che­rung in Form eines mess­ba­ren Ver­mö­gens­vor­teils ent­fie­le3. Am erfor­der­li­chen Kau­sal­zu­sam­men­hang mit der rechts­wid­ri­gen Tat fehlt es daher für sol­che Ver­mö­gens­wer­te, die dem Täter erst durch wei­te­re, nicht tat­be­stands­mä­ßi­ge Hand­lun­gen oder Rechts­ge­schäf­te zuflie­ßen4 oder als Ersatz­ge­gen­stän­de im Sin­ne von § 73 Abs. 3 StGB5.

Für Fäl­le straf­ba­rer Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen ist zur Bestim­mung des erlang­ten Etwas im Sin­ne des § 73 Abs. 1 StGB des­halb – aus­ge­hend von der jeweils ver­wirk­lich­ten Tat­be­stands­va­ri­an­te – zu prü­fen, ob die Tat ursäch­lich für einen mess­ba­ren Ver­mö­gens­zu­fluss bei einem Tat­be­tei­lig­ten oder Drit­ten gewe­sen ist. Danach ist wie folgt zu differenzieren:

  • In Fäl­len infor­ma­ti­ons- und hand­lungs­ge­stütz­ter Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen (§ 38 Abs. 2 Nr. 1, § 39 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2 Nr. 11, § 20a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und 3 WpHG aF) ist für die Ein­zie­hung nach §§ 73 ff. StGB die infol­ge der straf­ba­ren Ein­wir­kung auf den Akti­en­preis ein­ge­tre­te­ne Wert­stei­ge­rung der gehal­te­nen Akti­en maß­ge­bend. Denn die betref­fen­de Tat­hand­lung ist ursäch­lich für einen mess­ba­ren Ver­mö­gens­zu­fluss in Form des infol­ge der Mani­pu­la­ti­on höhe­ren Wer­tes der Akti­en bei dem Täter. Hin­sicht­lich des Erlö­ses aus dem nach­fol­gen­den Ver­kauf der Akti­en fehlt es hin­ge­gen an dem erfor­der­li­chen Kau­sal­zu­sam­men­hang mit der rechts­wid­ri­gen Tat. Denn der Ver­mö­gens­zu­fluss wird hier erst durch den inso­fern nicht tat­be­stand­li­chen Akti­en­ver­kauf ver­mit­telt6. Die Höhe der Wert­stei­ge­rung und damit des Ein­zie­hungs­um­fangs kann regel­mä­ßig nach dem Ver­äu­ße­rungs­ge­winn bestimmt werden.
  • In Fäl­len han­dels­ge­stütz­ter Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen (§ 38 Abs. 2 Nr. 1, § 39 Abs. 1 Nr. 1, § 20a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 WpHG aF) unter­liegt der gesam­te Erlös aus den Akti­en­ver­käu­fen durch den Täter der Ein­zie­hung nach §§ 73 ff. StGB. Denn der Zufluss des Ver­kaufs­er­lö­ses im Ver­mö­gen des Tat­be­tei­lig­ten oder Dritt­be­güns­tig­ten beruht hier ursäch­lich auf der straf­be­wehr­ten Mani­pu­la­ti­ons­hand­lung in Form eines abge­spro­che­nen Eigen­ver­kaufs, ohne dass es einer wei­te­ren – nicht tat­be­stand­li­chen – ver­mit­teln­den Hand­lung bedarf. Die rechts­wid­ri­ge Tat kann in die­sen Fäl­len mit­hin nicht hin­weg­ge­dacht wer­den, ohne dass die straf­rechts­wid­ri­ge Berei­che­rung ent­fie­le. Die Erwerbs­kos­ten für die – wie hier plan­ge­mäß – spä­ter ver­kauf­ten Akti­en blei­ben außer Betracht, weil sie für Vor­be­rei­tung der han­dels­ge­stütz­ten Markt­ma­ni­pu­la­ti­on auf­ge­wen­det wer­den und des­halb dem Abzugs­ver­bot des § 73d Abs. 1 Satz 2 StGB unter­fal­len7.
Weiterlesen:
Grenzüberschreitende Vollstreckung von Geldbußen

Einer dif­fe­ren­zie­ren­den recht­li­chen Bewer­tung im beschrie­be­nen Sin­ne steht auch der Wil­le des Gesetz­ge­bers nicht ent­ge­gen. Zwar weist das Land­ge­richt zutref­fend dar­auf hin, dass die Erwerbs­kos­ten für Akti­en, die Gegen­stand einer vor­sätz­li­chen Markt­ma­ni­pu­la­ti­on sind, dann dem Abzugs­ver­bot des § 73d Abs. 1 Satz 1 StGB unter­fal­len, wenn es sich hier­bei um bewuss­te Inves­ti­tio­nen in Ver­bo­te­nes han­delt. Dies gilt indes nur bei han­dels­ge­stütz­ten Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen. Um eine sol­che han­delt es sich bei der in den Geset­zes­ma­te­ria­li­en zitier­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs8.

Gemes­sen an die­sen Maß­stä­ben hat­ten im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren die getrof­fe­nen Ein­zie­hungs­an­ord­nun­gen nur teil­wei­se Bestand. Denn das Land­ge­richt Ham­burg9 ist in der Vor­in­stanz davon aus­ge­gan­gen, dass bei Straf­ta­ten der Markt­ma­ni­pu­la­ti­on in allen Vari­an­ten der gesam­te Erlös aus den Akti­en­ver­käu­fen als Tat­er­trag im Sin­ne des § 73 Abs. 1 StGB anzu­se­hen ist. Han­dels­ge­stütz­te Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen in Form von abge­spro­che­nen Eigen­ge­schäf­ten (§ 20a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 WpHG) hat es indes nur in einem Tat­kom­plex fest­ge­stellt. Im Übri­gen hat es die Hand­lun­gen der Ange­klag­ten recht­lich zutref­fend als infor­ma­ti­ons- und hand­lungs­ge­stütz­te Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen (§ 20a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und 3 WpHG) gewer­tet. Inso­weit wäre aber die infol­ge der straf­ba­ren Ein­wir­kung auf den Akti­en­preis ein­ge­tre­te­ne Wert­stei­ge­rung der Akti­en maß­ge­bend gewesen.

Die für die Ver­wirk­li­chung des Betrug­s­tat­be­stan­des als Kata­log­tat nach § 100a Abs. 2 Nr. 1 lit. n StPO erfor­der­li­che Stoff­gleich­heit im börs­li­chen Akti­en­han­del kann gege­ben sein, wenn – wie hier – der Täter kurz vor der Mani­pu­la­ti­on eine limi­tier­te Order in den Markt legt10. Ein­ge­denk des nur ein­ge­schränk­ten Über­prü­fungs­maß­sta­bes11 ist es daher recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass das Land­ge­richt die Erkennt­nis­se aus der betref­fen­den Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung auch im Rah­men sei­ner Ein­zie­hungs­ent­schei­dung wegen Markt­ma­ni­pu­la­ti­on ver­wer­tet hat.

Weiterlesen:
Gefährliche Körperverletzung - mit einem Auto als Werkzeug

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Okto­ber 2020 – 5 StR 229/​19

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 07.03.2019 – 5 StR 569/​18, NStZ 2019, 272[]
  2. BT-Drs. 18/​11640, S. 78[]
  3. vgl. Bittmann/​Köhler/​Seeger/​Tschakert, Hand­buch der Ver­mö­gens­ab­schöp­fung, Rn. 80[]
  4. vgl. SSW-StGB/Hei­ne, 4. Aufl., § 73 Rn. 45; Rüben­stahl in: Leipold/​Tsambikakis/​Zöller, Anwalt­kom­men­tar, StGB, 3. Aufl., § 73 Rn. 23 ff.[]
  5. vgl. BT-Drs., aaO[]
  6. i. E. eben­so Trüg in: Achenbach/​Ransiek/​Rönnau, Hand­buch des Wirt­schafts­straf­rechts, 5. Aufl., S. 1454 f.; Rönnau/​Wegner in Meyer/​Veil/​Rönnau, HdB Markt­miss­brauchs­recht, § 28 Rn. 160, 162 [anders bei einem tat­ein­heit­li­chen Zusam­men­tref­fen mit einem Insi­der­de­likt]; vgl. zum frü­he­ren Recht BGH, Beschluss vom 25.02.2016 – 3 StR 142/​15 Rn. 33, BGHR StGB § 73 Erlang­tes 20 [Dritt­ge­schäf­te][]
  7. so i. E. schon zum frü­he­ren Recht BGH, Urteil vom 27.11.2013 – 3 StR 5/​13, BGHSt 59, 80, 92 [Rn. 28 ff.], i. E. eben­so Trüg, aaO, S. 1454; Rönnau/​Wegner, aaO, 161; wei­ter­ge­hend mög­li­cher­wei­se SSW-StGB/Hei­ne, aaO; Loh­se in Leip­zi­ger Kom­men­tar, 13. Aufl., StGB, § 73 Rn. 39[]
  8. BGH, aaO; vgl. BT-Drs. 18/​9525, S. 68[]
  9. LG Ham­burg, Urteil vom 14.11.2018 – 5400 Js 54/​15 608 KLs 3/​17 2 Ss 38/​19[]
  10. vgl. Schröder/​Poller in: Schrö­der, HdB Kapi­tal­markt­straf­recht, Kap. 3 Rn. 633[]
  11. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 16.02.1995 – 4 StR 729/​94, BGHSt 41, 30, 34[]

Bild­nach­weis:

Weiterlesen:
Strafrechtliche Vermögensabschöpfung - bei bereits verjährten Alttaten