Mehr­ak­ti­ges Tat­ge­sche­hen

Bei einem mehr­ak­ti­gen Tat­ge­sche­hen liegt eine Tat im Rechts­sin­ne vor, wenn zwi­schen gleich­ge­la­ger­ten, straf­recht­lich erheb­li­chen Betä­ti­gun­gen ein der­art unmit­tel­ba­rer Zusam­men­hang besteht, dass sich das gesam­te Han­deln des Täters objek­tiv auch für einen Drit­ten als ein ein­heit­lich zusam­men­ge­hö­ri­ges Tun dar­stellt, und die ein­zel­nen Hand­lun­gen durch ein sub­jek­ti­ves Ele­ment mit­ein­an­der ver­bun­den sind 1.

Mehr­ak­ti­ges Tat­ge­sche­hen

Ein zeit­li­cher Abstand zwi­schen den Ein­zel­ak­ten steht der Annah­me einer Tat im Rechts­sinn dann ent­ge­gen, wenn die­ser erheb­lich ist und einen augen­fäl­li­gen Ein­schnitt bewirkt 2.

Eine Hand­lungs­ein­heit endet spä­tes­tens mit dem Fehl­schlag eines Ver­suchs, von dem der Täter nicht mehr straf­be­frei­end zurück­tre­ten kann 3.

Danach waren in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Angrif­fe des Ange­klag­ten auf das Leben des Geschä­dig­ten als eine Tat im Rechts­sinn (§ 52 StGB) zu wer­ten. Zwi­schen den von einem ein­heit­li­chen Tötungs­vor­satz getra­ge­nen Hand­lun­gen lag ledig­lich eine Zeit­span­ne von eini­gen Minu­ten, wäh­rend der sich der Ange­klag­te in der einen Stock über dem Tat­ort gele­ge­nen Woh­nung des Zeu­gen Pi. auf­hielt.

Der unmit­tel­ba­re Zusam­men­hang zwi­schen den Mes­ser­an­grif­fen wur­de auch nicht durch die Ent­de­ckung der Tat durch die Zeu­gin Pie. und deren Ver­such unter­bro­chen, Hil­fe zu holen. Denn die Äuße­rung des Ange­klag­ten nach dem ers­ten Hand­lungs­ab­schnitt ("Ich habe ihn auf­ge­schlitzt") belegt augen­fäl­lig, dass die Tatent­de­ckung für ihn ohne jeden Belang war und des­halb objek­tiv betrach­tet kei­nen erheb­li­chen Ein­schnitt in dem Gesche­hen bil­de­te. Eine Zäsur nach dem ers­ten Hand­lungs­ab­schnitt ist auch nicht unter dem Gesichts­punkt eines fehl­ge­schla­ge­nen Ver­suchs gege­ben, da der Ange­klag­te die Tat mit einem ihm als Tat­mit­tel zur Hand lie­gen­den Küchen­mes­ser ohne erheb­li­che zeit­li­che Zäsur voll­enden konn­te 4. Der Mes­ser­stich in das Herz des Opfers stellt damit – auch aus der Sicht eines Drit­ten – kei­nen neu­en selb­stän­di­gen Angriff auf des­sen Leben dar, son­dern den abschlie­ßen­den Akt eines ein­heit­li­chen Gesche­hens, mit dem der Ange­klag­te den Geschä­dig­ten "end­gül­tig" töten woll­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Janu­ar 2019 – 5 StR 480/​18

  1. st. Rspr., vgl. etwa BGH, Urteil vom 16.05.1990 – 2 StR 143/​90, NStZ 1990, 490, 491[]
  2. vgl. BGH, aaO, sowie Urteil vom 28.08.1984 – 1 StR 427/​84, StV 1986, 293[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 08.10.2008 – 4 StR 233/​08, NStZ 2009, 628; Münch­Komm-StG­B/­von Heint­schel­Hein­egg, 3. Aufl., § 52 Rn. 34[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 25.11.2004 – 4 StR 326/​04, NStZ 2005, 263, 264[]