Min­der schwe­rer Fall – oder: die Über­prü­fung der Straf­zu­mes­sung

Die Straf­zu­mes­sung ist grund­sätz­lich Sache des Tat­ge­richts. Es ist sei­ne Auf­ga­be, auf der Grund­la­ge des umfas­sen­den Ein­drucks, den es in der Haupt­ver­hand­lung von der Tat und der Per­sön­lich­keit des Täters gewon­nen hat, die wesent­li­chen ent­las­ten­den und belas­ten­den Umstän­de fest­zu­stel­len, sie zu bewer­ten und gegen­ein­an­der abzu­wä­gen.

Min­der schwe­rer Fall – oder: die Über­prü­fung der Straf­zu­mes­sung

Ein Ein­griff des Revi­si­ons­ge­richts in die­se Ein­zel­ak­te der Straf­zu­mes­sung ist in der Regel nur mög­lich, wenn die Zumes­sungs­er­wä­gun­gen in sich feh­ler­haft sind, wenn das Tat­ge­richt gegen recht­lich aner­kann­te Straf­zwe­cke ver­stößt oder wenn sich die ver­häng­te Stra­fe nach oben oder unten von ihrer Bestim­mung löst, gerech­ter Schuld­aus­gleich zu sein. Eine ins Ein­zel­ne gehen­de Rich­tig­keits­kon­trol­le ist aus­ge­schlos­sen 1.

Die­se Maß­stä­be gel­ten auch für die dem Tat­ge­richt oblie­gen­de Prü­fung, ob ein min­der schwe­rer Fall vor­liegt.

Hier­an gemes­sen hielt im hier ent­schie­de­nen Fall die Annah­me min­der schwe­rer Fäl­le des bewaff­ne­ten Han­del­trei­bens mit Betäu­bungs­mit­teln gemäß § 30a Abs. 3 BtMG recht­li­cher Über­prü­fung durch den Bun­des­ge­richts­hof nicht stand:

So hat sich die Straf­kam­mer bei ihrer Ent­schei­dung; vom Regel­straf­rah­men abzu­se­hen, von der Erwä­gung lei­ten las­sen, die mit­ge­führ­ten bzw. bereit gehal­te­nen Waf­fen sei­en nicht zum Ein­satz gebracht wor­den. Dabei han­delt es sich jedoch um das Norm­de­likt der Ver­wirk­li­chung des Tat­be­stan­des nach § 30a Abs. 2 Nr. 2 BtMG. Das blo­ße Feh­len eines mög­li­chen Straf­schär­fungs­grun­des in Gestalt des denk­ba­ren Waf­fen­ein­sat­zes darf dem Ange­klag­ten nicht straf­mil­dernd zugu­te gebracht und tra­gend für die Annah­me eines min­der schwe­ren Fal­les nach § 30a Abs. 3 BtMG her­an­zo­gen wer­den 2.

Dar­über hin­aus hat das Land­ge­richt bei der erfor­der­li­chen Gesamt­be­trach­tung des Tat­bil­des ein­schließ­lich aller objek­ti­ven Momen­te und der Täter­per­sön­lich­keit rechts­feh­ler­haft unbe­rück­sich­tigt gelas­sen, dass der Ange­klag­te in bei­den Fäl­len – mit den gehan­del­ten Betäu­bungs­mit­teln auf fri­scher Tat ertappt – erheb­li­chen Wider­stand geleis­tet und Poli­zei­be­am­te nicht uner­heb­lich ver­letzt hat. Zudem bestand gegen ihn ein außer Voll­zug gesetz­ter Haft­be­fehl in ande­rer Sache.

Aus­ge­hend vom Vor­lie­gen min­der schwe­rer Fäl­le gemäß § 30a Abs. 3 BtMG ist die Straf­kam­mer von einem anzu­wen­den­den Straf­rah­men von sechs Mona­ten bis zu zehn Jah­ren Frei­heits­stra­fe aus­ge­gan­gen und hat dabei die etwai­ge Sperr­wir­kung des mit­ver­wirk­lich­ten, aber ver­dräng­ten § 29a BtMG, der eine Min­dest­stra­fe von einem Jahr Frei­heits­stra­fe vor­sieht, ver­kannt. Die Straf­kam­mer hät­te prü­fen müs­sen, ob – was nach den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen eher fern­liegt – auch hin­sicht­lich des § 29a Abs. 2 BtMG ein min­der schwe­rer Fall anzu­neh­men gewe­sen wäre; nur dann wäre die Sperr­wir­kung des § 29a Abs. 1 BtMG ent­fal­len 3.

Dage­gen war es nicht rechts­feh­ler­haft, bei der Straf­rah­men­wahl zu Guns­ten des Ange­klag­ten zu berück­sich­ti­gen, dass es sich bei dem vor­rä­tig gehal­te­nen Rausch­gift um wei­che Dro­gen gehan­delt hat und die "nicht gerin­ge Men­ge" nur maß­voll um das 4, 52fache bzw. 6, 78fache über­schrit­ten wor­den ist. Jedoch kommt bei der Straf­zu­mes­sung im enge­ren Sin­ne inner­halb des gefun­de­nen Straf­rah­mens jeder Über­schrei­tung des Grenz­wer­tes – aus­ge­hend von der Unter­gren­ze des gesetz­li­chen Straf­rah­mens – grund­sätz­lich straf­schär­fen­de Bedeu­tung zu 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Novem­ber 2018 – 2 StR 335/​18

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 10.04.1987 – GSSt 1/​86, BGHSt 34, 345, 349[]
  2. BGH, Urtei­le vom 12.02.2015 – 5 StR 536/​14 3; und vom 19.01.2017 – 4 StR 334/​16, NStZ-RR 2017, 117 f.[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 14.08.2013 – 2 StR 144/​13, NStZ-RR 2014, 180[]
  4. vgl. dazu BGH, Urteil vom 15.03.2017 – 2 StR 294/​16, BGHSt 62, 90 ff.[]