Min­der schwe­rer Fall – und die Prü­fungs­rei­hen­fol­ge

Es ver­fehlt die Prü­fungs­rei­hen­fol­ge, wenn die Straf­kam­mer zunächst die Annah­me eines min­der schwe­ren Fal­les allein auf­grund der all­ge­mei­nen Straf­mil­de­rungs­grün­de ver­neint, anschlie­ßend zugleich die gesetz­lich ver­typ­ten Straf­mil­de­rungs­grün­de des Ver­suchs und der erheb­lich ver­min­der­ten Steue­rungs­fä­hig­keit ein­stellt, sodann unter Annah­me bei­der Straf­mil­de­rungs­grün­de einen min­der schwe­ren Fall bejaht und im Anschluss dar­an für jeden Straf­mil­de­rungs­grund (ent­ge­gen § 50 StGB) geson­dert prüft, ob die­se über­haupt die fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­ver­schie­bung eröff­nen, und dies sodann im Rah­men ihrer Ermes­sens­aus­übung jeweils ver­neint.

Min­der schwe­rer Fall – und die Prü­fungs­rei­hen­fol­ge

Das Land­ge­richt hat­te dies hier vor­ge­nom­men: für § 21 StGB im Hin­blick auf das Wis­sen des nur aus Luxus und Lan­ge­wei­le Alko­hol kon­su­mie­ren­den Ange­klag­ten um sei­ne Nei­gung, in alko­ho­li­sier­tem Zustand erheb­li­che Gewalt­ta­ten zu bege­hen; für § 23 StGB im Hin­blick auf die Nähe zur Tat­voll­endung, weil es dem Opfer nur auf­grund sei­ner außer­ge­wöhn­li­chen Reak­ti­ons­fä­hig­keit gelun­gen war, den auf den Bauch geführ­ten Mes­ser­stich des her­an­stür­men­den Ange­klag­ten abzu­weh­ren.

Sieht das Gesetz einen beson­de­ren Straf­rah­men für min­der schwe­re Fäl­le vor und ist auch ein gesetz­lich ver­typ­ter Mil­de­rungs­grund gege­ben, muss bei der Straf­rah­men­wahl im Rah­men einer Gesamt­wür­di­gung zunächst geprüft wer­den, ob die all­ge­mei­nen Mil­de­rungs­grün­de die Annah­me eines min­der schwe­ren Falls tra­gen. Ist nach einer Abwä­gung aller all­ge­mei­nen Straf­zu­mes­sungs­um­stän­de das Vor­lie­gen eines min­der schwe­ren Falls abzu­leh­nen, so sind zusätz­lich die den gesetz­lich ver­typ­ten Straf­mil­de­rungs­grund ver­wirk­li­chen­den Umstän­de in die gebo­te­ne Gesamt­ab­wä­gung ein­zu­be­zie­hen. Erst wenn der Tatrich­ter die Anwen­dung des mil­de­ren Straf­rah­mens danach wei­ter­hin nicht für gerecht­fer­tigt hält, darf er sei­ner kon­kre­ten Straf­zu­mes­sung den (allein) wegen des gege­be­nen gesetz­lich ver­typ­ten Mil­de­rungs­grun­des gemil­der­ten Regel­straf­rah­men zugrun­de legen 1. Bei Vor­lie­gen eines zwei­ten gesetz­lich ver­typ­ten Mil­de­rungs­grun­des ist ent­spre­chend zu ver­fah­ren und, soweit das Vor­lie­gen eines min­der schwe­ren Fal­les bei Annah­me nur eines gesetz­lich ver­typ­ten Mil­de­rungs­grun­des abzu­leh­nen ist, der zwei­te ver­typ­te Straf­mil­de­rungs­grund in die Gesamt­wür­di­gung ein­zu­stel­len 2. Begrün­det erst das Hin­zu­neh­men eines oder eines wei­te­ren ver­typ­ten Straf­mil­de­rungs­grun­des den min­der schwe­ren Fall, sind die ver­typ­ten Mil­de­rungs­grün­de für eine wei­te­re Straf­rah­men­ver­schie­bung ver­braucht (§ 50 StGB; vgl. z.B. BGH, Beschluss vom 27.07.1987 – 3 StR 308/​87, NStZ 1987, 504).

Ver­sagt der Tatrich­ter dage­gen dem Ange­klag­ten eine Straf­rah­men­ver­schie­bung auf­grund sei­nes Ermes­sens gemäß § 21 StGB, obwohl eine erheb­li­che Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit vor­liegt, ist aller­dings die Ver­min­de­rung der Schuld infol­ge der ver­rin­ger­ten Steue­rungs­fä­hig­keit nur bei der Straf­zu­mes­sung im enge­ren Sinn zu berück­sich­ti­gen 3. Ent­spre­chen­des gilt für § 23 StGB. Spie­gel­bild­lich ist die ver­min­der­te Schuld im Rah­men der Prü­fung des min­der schwe­ren Fal­les nur noch als all­ge­mei­ner Straf­mil­de­rungs­ge­sichts­punkt und nicht mehr mit dem ent­spre­chen­den Gewicht als ver­typ­ter Straf­mil­de­rungs­grund ein­zu­stel­len.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Febru­ar 2019 – 1 StR 14/​19

  1. st. Rspr.; vgl. z.B. BGH, Beschlüs­se vom 04.04.2017 – 3 StR 516/​16, NStZ 2017, 524; vom 07.03.2017 – 2 StR 567/​16, Rn. 6; und vom 13.10.2016 – 3 StR 248/​16, Rn. 5, jeweils mwN[]
  2. vgl. z.B. BGH, Beschlüs­se vom 21.11.2007 – 2 StR 449/​07, NStZ-RR 2008, 105; und vom 16.11.2017 – 2 StR 404/​17, Rn. 2[]
  3. Eschel­bach in Beck­OK StGB, 41. Ed., § 21 Rn. 35[]