Min­dest­ver­fah­rens­rech­te im Straf­ver­fah­ren

Mit der Richt­li­nie 2010/​64/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 20. Okto­ber 2010 über das Recht auf Dol­met­sch­leis­tun­gen und Über­set­zun­gen in Straf­ver­fah­ren und der Richt­li­nie 2012/​13/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22. Mai 2012 über das Recht auf Beleh­rung und Unter­rich­tung in Straf­ver­fah­ren lie­gen nun­mehr die ers­ten bei­den Rechts­ak­te auf dem Weg zu ein­heit­li­chen EU-wei­ten Min­dest­ver­fah­rens­rech­ten vor, wie sie der Rat der Euro­päi­schen Uni­on in sei­ner Ent­schlie­ßung vom 30. Novem­ber 2009 über einen Fahr­plan zur Stär­kung der Ver­fah­rens­rech­te von Ver­däch­ti­gen oder Beschul­dig­ten im Straf­ver­fah­ren [1] als Maß­nah­men vor­ge­se­hen hat. Nun­mehr hat die Bun­des­re­gie­rung einen Gesetz­ent­wurf zur Umset­zung die­ser bei­den Richt­li­ni­en in deut­sches Recht in den Bun­des­tag ein­ge­bracht.

Min­dest­ver­fah­rens­rech­te im Straf­ver­fah­ren

Das deut­sche Recht gewährt einer beschul­dig­ten Per­son in den von den bei­den Richt­li­ni­en betrof­fe­nen Berei­chen, näm­lich dem Recht auf Dol­met­sch­leis­tun­gen und Über­set­zun­gen einer­seits und dem Recht auf Beleh­rung und Unter­rich­tung in Straf­ver­fah­ren ande­rer­seits, schon jetzt gewis­se Infor­ma­ti­ons- und Teil­ha­be­rech­ten. Hand­lungs­be­darf bei der Umset­zung der Richt­li­nie besteht aber gleich­wohl in eini­gen Teil­be­rei­chen, in denen durch die euro­päi­schen Vor­ga­ben ein­zel­ne, dem gel­ten­den Straf­ver­fah­rens- und Gerichts­ver­fas­sungs­recht bereits bekann­te Gewähr­leis­tun­gen noch wei­ter aus­ge­baut wer­den:

Die zur Umset­zung der Richt­li­nie 2010/​64/​EU not­wen­di­gen Anpas­sun­gen hin­sicht­lich Über­set­zungs- und Dol­met­sch­leis­tun­gen wäh­rend des Straf­ver­fah­rens kon­zen­triert der Gesetz­ent­wurf in einer Neu­fas­sung des § 187 des Gerichts­ver­fas­sungs­ge­set­zes, der für die Fäl­le nicht­rich­ter­li­cher Ver­neh­mung durch ent­spre­chen­de Ver­wei­se in der Straf­pro­zess­ord­nung in Bezug genom­men wer­den soll. Soweit die Richt­li­nie 2010/​64/​EU eine Ver­pflich­tung zur voll­stän­di­gen Über­set­zung der schrift­li­chen Urteils­grün­de vor­sieht, soll von die­ser Ver­pflich­tung in Über­ein­stim­mung mit den Bestim­mun­gen der Richt­li­nie im Ein­zel­fall ins­be­son­de­re dann abge­wi­chen wer­den kön­nen, wenn die Ent­schei­dung rechts­kräf­tig ist oder die beschul­dig­te Per­son einen Ver­tei­di­ger
hat.

Zur Umset­zung der durch die Richt­li­nie 2012/​13/​EU vor­ge­ge­be­nen Beleh­rungs­pflich­ten sowie der Pflicht, Beleh­run­gen akten­kun­dig zu machen, sieht der Gesetz­ent­wurf vor, die in die­sem Bereich bereits gel­ten­den Vor­schrif­ten der Straf­pro­zess­ord­nung und des Gerichts­ver­fas­sungs­ge­set­zes punk­tu­ell zu erwei­tern.

Umset­zung der Richt­li­nie 2010/​64/​EU über das Recht auf Dol­met­sch­leis­tun­gen und Über­set­zun­gen in Straf­ver­fah­ren

Die Richt­li­nie 2010/​64/​EU dient der Schaf­fung von Min­dest­stan­dards im Bereich der Dol­met­schung und Über­set­zung in Straf­ver­fah­ren, wobei ihr Anwen­dungs­be­reich aus­weis­lich des Arti­kels 1 Absatz 2 bereits mit der förm­li­chen Inkennt­nis­set­zung der beschul­dig­ten Per­son von dem Tat­ver­dacht beginnt und bis zum Abschluss eines etwai­gen Rechts­mit­tel­ver­fah­rens reicht. Wäh­rend Arti­kel 2 der Richt­li­nie 2010/​64/​EU das Recht auf Dol­met­sch­leis­tun­gen regelt, stellt Arti­kel 3 kon­kre­te Ver­pflich­tun­gen hin­sicht­lich der Über­set­zung wesent­li­cher Unter­la­gen auf. Arti­kel 5 der Richt­li­nie 2010/​64/​EU dient der Siche­rung der Qua­li­tät der Dol­met­sch­leis­tun­gen und Über­set­zun­gen. In ihrem Arti­kel 7 wer­den Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten fest­ge­legt.

Das gel­ten­de Recht gewährt beschul­dig­ten oder ver­ur­teil­ten Per­so­nen in § 187 Absatz 1 GVG bereits einen umfas­sen­den Anspruch auf unent­gelt­li­che Über­set­zungs- und Dol­met­sch­leis­tun­gen in dem von der Richt­li­nie 2010/​64/​EU in Bezug genom­me­nen Bereich des Straf­ver­fah­rens. Die vor­ge­schla­ge­ne Neu­fas­sung des § 187 Absatz 1 Satz 1 GVG‑E beschränkt sich daher in die­sem Punkt auf eine sprach­li­che Anpas­sung.

Soweit die Richt­li­nie 2010/​64/​EU in Arti­kel 3 den Anspruch auf die Über­set­zung inhalt­lich näher kon­kre­ti­siert und ins­be­son­de­re die Über­set­zung von Urtei­len vor­sieht, fehlt bis auf eine Teil­re­ge­lung im Fall der Fest­nah­me (§ 114a StPO) eine aus­drück­li­che Nor­mie­rung im gel­ten­den Recht. Eine gene­rel­le Ver­pflich­tung zur voll­stän­di­gen Über­set­zung des Urteils ist der deut­schen Gerichts­pra­xis fremd, gleich­wohl schließt die ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung unter Ver­weis auf die Gewähr­leis­tung eines fai­ren Ver­fah­rens nicht aus, dass ein der deut­schen Spra­che nicht aus­rei­chend mäch­ti­ger Ange­klag­ter, der nicht ver­tei­digt ist und ein Rechts­mit­tel ein­le­gen möch­te, einen Anspruch auf Über­set­zung in die­sem Umfang haben kann. Die vor­ge­schla­ge­ne Neu­re­ge­lung in § 187 Absatz 2 GVG‑E greift die­se Rechts­ge­dan­ken auf und stellt – in Ein­klang mit den Aus­nah­me­tat­be­stän­den des Arti­kels 3 Absatz 7 der Richt­li­nie 2010/​64/​EU – eine Ein­schrän­kung der gene­rel­len Über­set­zungs­pflicht vor allem in Fäl­len des ver­tei­dig­ten Ange­klag­ten in das pflicht­ge­mä­ße Ermes­sen des Gerichts.

Nicht gere­gelt sind nach der­zei­ti­ger Rechts­la­ge die Vor­aus­set­zun­gen, unter denen die berech­tig­te Per­son auf ent­spre­chen­de Über­set­zungs­leis­tun­gen ver­zich­ten kann, wie sie Arti­kel 3 Absatz 8 der Richt­li­nie 2010/​64/​EU im Blick hat. Die zur Umset­zung vor­ge­schla­ge­ne Neu­fas­sung des § 187 Absatz 3 GVG‑E stützt sich auf den Wort­laut der Richt­li­nie und setzt für einen wirk­sa­men Ver­zicht vor­aus, dass die beschul­dig­te Per­son in Kennt­nis ihrer Rech­te und der Fol­gen ihrer Erklä­rung frei­wil­lig und unmiss­ver­ständ­lich han­delt.

Zur Siche­rung der inhalt­li­chen Qua­li­tät der Dol­metsch- und Über­set­zungs­leis­tun­gen hält die Richt­li­nie 2010/​64/​EU in Arti­kel 5 Absatz 2 die Mit­glied­staa­ten dazu an, Regis­ter mit unab­hän­gi­gen und ange­mes­sen qua­li­fi­zier­ten Über­set­zern und Dol­met­schern ein­zu­rich­ten. Dem haben in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die Län­der durch die Ein­rich­tung ent­spre­chen­der Dol­met­scher- und Über­set­zer­da­ten­ban­ken bereits in vol­lem Umfang Rech­nung getra­gen. Gering­fü­gi­ger gesetz­ge­be­ri­scher Hand­lungs­be­darf besteht jedoch hin­sicht­lich der Ver­pflich­tung aller von Poli­zei, Staats­an­walt­schaf­ten und Gerich­ten her­an­ge­zo­ge­ner Dol­met­scher und Über­set­zer zur Ver­schwie­gen­heit. Zur Umset­zung von Arti­kel 5 Absatz 3 der Richt­li­nie 2010/​64/​EU soll daher eine ent­spre­chen­de Ord­nungs­vor­schrift in § 189 Absatz 4 GVG‑E geschaf­fen wer­den, wonach alle als Dol­met­scher und Über­set­zer hin­zu­ge­zo­ge­nen Per­so­nen, die nicht bereits – etwa auf­grund der lan­des­ge­setz­li­chen Bestim­mun­gen und des geleis­te­ten Eides – zur Ver­schwie­gen­heit ver­pflich­tet sind, Ver­schwie­gen­heit bewah­ren sol­len und hier­auf auch vom Gericht hin­ge­wie­sen wer­den.

Soweit die Richt­li­nie 2010/​64/​EU in Arti­kel 7 die Doku­men­ta­ti­on einer vor­ge­nom­me­nen Dol­met­schung oder Über­set­zung vor­se­hen, ent­spricht dies im Bereich rich­ter­li­cher Ver­neh­mun­gen bereits gel­ten­dem Recht. Denn die Pro­to­kol­lie­rungs­pflich­ten nach den §§ 168, 168a StPO betref­fen die Her­an­zie­hung eines Dol­met­schers zu einer Ver­hand­lung in Anwe­sen­heit einer beschul­dig­ten Per­son oder zu ihrer sons­ti­gen rich­ter­li­chen Ver­neh­mung.

Auch eine nach der vor­ge­schla­ge­nen Neu­re­ge­lung in § 187 Absatz 2 GVG‑E vor­ge­nom­me­ne münd­li­che Über­set­zung oder Zusam­men­fas­sung von Unter­la­gen im Sin­ne des § 187 Absatz 2 GVG‑E im Rah­men einer sol­chen Ver­neh­mung wür­de auf­grund der bestehen­den Geset­zes­la­ge im Pro­to­koll ver­merkt. Eine im Rah­men des Gesprächs des Ver­tei­di­gers mit dem Beschul­dig­ten erfol­gen­de münd­li­che Über­set­zung durch einen Dol­met­scher ist von der Pflicht, Dol­met­sch­leis­tun­gen akten­kun­dig zu machen, nach der Richt­li­nie nicht erfasst.

Mit Blick auf die ein­zel­nen Gewähr­leis­tun­gen der Richt­li­nie 2010/​64/​EU sieht der Gesetz­ent­wurf auch punk­tu­el­le Ände­run­gen der Straf­pro­zess­ord­nung vor, die sich aber unter Berück­sich­ti­gung des gel­ten­den Rechts auf weni­ge Tat­be­stän­de beschrän­ken kön­nen. Zur Klar­stel­lung des grund­le­gen­den Anspruchs auf Dol­metsch- und Über­set­zungs­leis­tun­gen auch bei staats­an­walt­schaft­li­chen und poli­zei­li­chen Ver­neh­mun­gen, wie er bereits de lege lata aus Arti­kel 6 Absatz 3 Buch­sta­be e EMRK folgt, sol­len die für das gericht­li­che Han­deln maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten des § 187 Absatz 1 bis 3 GVG‑E in die Ver­wei­sungs­norm des § 163a StPOE auf­ge­nom­men wer­den. Die in § 189 Absatz 4 GVG‑E vor­ge­schla­ge­ne Rege­lung zur Ver­schwie­gen­heit des Dol­met­schers oder Über­set­zers gilt – soweit nicht auf­grund ande­rer bereits gel­ten­der Rechts­vor­schrif­ten schon eine Ver­schwie­gen­heits­pflicht besteht – durch eine Bezug­nah­me in § 163a Absatz 5 StPO‑E auch bei Ver­neh­mun­gen durch Staats­an­walt­schaft und Poli­zei. Die von der Richt­li­nie 2010/​64/​EU gefor­der­ten Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten wer­den in der staats­an­walt­schaft­li­chen und poli­zei­li­chen Pra­xis bereits befolgt, aus­drück­li­che Rege­lun­gen dazu fin­den sich jedoch ledig­lich für die Staat­an­walt­schaft in § 168b Absatz 1 und 2 StPO sowie im Bereich der Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen in Num­mer 181 Absatz 2 der Richt­li­ni­en für das Straf­ver­fah­ren und das Buß­geld­ver­fah­ren (RiStBV). Durch die Auf­nah­me der Unter­su­chungs­hand­lun­gen sämt­li­cher Ermitt­lungs­be­hör­den in den Kreis doku­men­ta­ti­ons­pflich­ti­ger Vor­gän­ge nach § 168b StPO‑E soll die­se ohne­hin in der Pra­xis übli­che Vor­ge­hens­wei­se für Staats­an­walt­schaft, Poli­zei und sons­ti­ge Ermitt­lungs­be­hör­den ein­heit­lich gere­gelt wer­den.

Schließ­lich soll in dem neu ange­füg­ten § 37 Absatz 3 StPO‑E die in § 187 Absatz 1 und 2 GVG‑E ent­wor­fe­ne Neu­re­ge­lung zur Urteils­über­set­zung in die bestehen­de Sys­te­ma­tik von Urteils­zu­stel­lung und Rechts­mit­tel­lauf ein­ge­passt wer­den. Nach gel­ten­dem Recht hängt der Beginn der Frist zur Begrün­dung des Rechts­mit­tels von der Zustel­lung des Urteils ab. Dar­an anknüp­fend und zur Sicher­stel­lung eines zeit­glei­chen Beginns der Begrün­dungs­frist für alle Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten sol­len nach der vor­ge­schla­ge­nen Neu­re­ge­lung die Urteils­aus­fer­ti­gun­gen allen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten gleich­zei­tig mit der schrift­li­chen Über­set­zung zuge­stellt wer­den.

Umset­zung der Richt­li­nie 2012/​13/​EU über das Recht auf Beleh­rung und Unter­rich­tung in Straf­ver­fah­ren

Die Richt­li­nie 2012/​13/​EU legt, eben­falls für den Zeit­raum ab förm­li­cher Mit­tei­lung der Beschul­di­gung bis zum Abschluss des Rechts­mit­tel­ver­fah­rens (Arti­kel 2), umfang­rei­che Beleh­rungs­pflich­ten im Umgang mit beschul­dig­ten Per­so­nen fest. Sie regelt in Arti­kel 3 das Recht auf Rechts­be­leh­rung, in Arti­kel 4 das Recht auf schrift­li­che Beleh­rung bei Fest­nah­me und in Arti­kel 6 das Recht auf Unter­rich­tung über den Tat­vor­wurf. Arti­kel 7 der Richt­li­nie 2012/​13/​EU befasst sich mit dem Recht auf Akten­ein­sicht, wäh­rend Arti­kel 8 die Doku­men­ta­ti­on der erfolg­ten Beleh­run­gen sicher­stellt.

Das gel­ten­de deut­sche Straf­ver­fah­rens­recht sieht bereits eine Viel­zahl der auch in der Richt­li­nie 2012/​13/​EU ent­hal­te­nen Beleh­rungs­pflich­ten vor.

So ist der Beschul­dig­te ins­be­son­de­re vor jeder poli­zei­li­chen, staats­an­walt­schaft­li­chen oder rich­ter­li­chen Ver­neh­mung gemäß § 136 StPO, gege­be­nen­falls in Ver­bin­dung mit § 163a Absatz 3 und 4 StPO, über den Tat­vor­wurf, sein Schwei­ge­recht und das Recht auf Zuzie­hung eines Ver­tei­di­gers zu beleh­ren. Bei Fest­nah­me bestehen auf­grund der Rege­lung in § 114b StPO bereits umfas­sen­de schrift­li­che Beleh­rungs­pflich­ten. Dem­ge­mäß sol­len sich die Ände­run­gen des Gerichts­ver­fas­sungs­ge­set­zes und der Straf­pro­zess­ord­nung auch bei der Umset­zung die­ser Richt­li­nie auf punk­tu­el­le Ände­run­gen beschrän­ken.

Im Bereich des gericht­li­chen Ver­fah­rens ist die in Arti­kel 3 Absatz 1 Buch­sta­be d der Richt­li­nie 2012/​13/​EU vor­ge­se­he­ne Beleh­rung über das Recht auf Dol­met­sch­leis­tun­gen bis­lang nicht aus­drück­lich nor­miert. Daher soll in § 187 Absatz 1 Satz 2 GVGE nun­mehr die Pflicht des Gerichts auf­ge­nom­men wer­den, die beschul­dig­te oder ver­ur­teil­te Per­son, die der deut­schen Spra­che nicht hin­rei­chend mäch­tig ist oder hör- oder sprach­be­hin­dert ist, auch auf die­ses Recht hin­zu­wei­sen. Auf eine Vor­schrift zur Doku­men­ta­ti­on die­ser Beleh­rung, wie sie in Arti­kel 8 Absatz 1 der Richt­li­nie vor­ge­schrie­ben ist, soll mit Blick auf die bereits gel­ten­den Pro­to­kol­lie­rungs­vor­schrif­ten für das Gericht nach den §§ 168 ff. StPO ver­zich­tet wer­den.

Um eine ent­spre­chen­de Beleh­rung über das Recht auf Dol­met­sch­leis­tun­gen auch im Fal­le der Fest­nah­me zu gewähr­leis­ten, soll in § 114b Absatz 2 Satz 3 StPO‑E eine inhalts­glei­che Beleh­rungs­pflicht unter Bezug­nah­me auf § 187 Absatz 1 bis 3 GVG‑E auf­ge­nom­men wer­den.

Der Gesetz­ent­wurf sieht zur Umset­zung der Richt­li­nie noch wei­te­re Ände­run­gen in § 114b StPO vor:

Die bereits nach gel­ten­dem Recht erfol­gen­de schrift­li­che Beleh­rung („Let­ter of Rights“) nach § 114b Absatz 2 StPO ent­hält bis­lang noch kei­ne Beleh­run­gen über die Bestel­lung eines Pflicht­ver­tei­di­gers und über die Mög­lich­keit der Aus­kunft und Akten­ein­sicht. Die­se sol­len daher durch die Neu­re­ge­lung in § 114b Absatz 2 Satz 1 Num­mer 4a und 7 sowie Absatz 2 Satz 2 StPO‑E ergän­zend auf­ge­nom­men wer­den. Die in Arti­kel 4 Absatz 3 der Richt­li­nie 2012/​13/​EU ent­hal­te­ne Beleh­rung über die mög­li­chen Rechts­be­hel­fe erfolgt nach der­zei­ti­gem Rechts­stand gemäß § 115 Absatz 4 StPO erst bei Vor­füh­rung des Beschul­dig­ten vor den zustän­di­gen Haft­rich­ter; die im Gesetz­ent­wurf vor­ge­schla­ge­ne Neu­re­ge­lung in § 114b Absatz 2 Satz 1 Num­mer 8 StPO‑E soll sicher­stel­len, dass die­se Beleh­rung – den Vor­ga­ben der Richt­li­nie ent­spre­chend – auch schon im Zeit­punkt der Fest­nah­me erfolgt.

Im Bereich der schrift­li­chen Beleh­run­gen nach § 114b StPO‑E soll eine aus­drück­li­che Nor­mie­rung der Doku­men­ta­ti­ons­pflicht, wie sie in Arti­kel 8 Absatz 1 der Richt­li­nie vor­ge­schrie­ben ist, mit Blick auf die bereits nach gel­ten­dem Recht schrift­li­che Nie­der­le­gung der Beleh­run­gen ent­fal­len.

Die in Arti­kel 3 Absatz 1 Buch­sta­be b der Richt­li­nie 2012/​13/​EU vor­ge­se­he­ne Beleh­rung über einen Anspruch auf unent­gelt­li­che Rechts­be­ra­tung erfolgt im gel­ten­den Recht auch außer­halb des Anwen­dungs­be­reichs des § 114b StPO bis­lang nicht. Daher sieht der Ent­wurf die Ver­an­ke­rung einer sol­chen Beleh­rungs­pflicht auch in § 136 Absatz 1 Satz 3 StPO‑E vor. Ein Hin­weis auf die Not­wen­dig­keit der Bestel­lung eines Pflicht­ver­tei­di­gers soll damit bei allen Ver­neh­mun­gen durch Gericht, Staats­an­walt­schaft oder Poli­zei erfol­gen.

Nach gel­ten­dem Recht ist bei der poli­zei­li­chen und staats­an­walt­schaft­li­chen Ver­neh­mung auch ein ver­pflich­ten­der Hin­weis auf Dol­met­sch­leis­tun­gen (Arti­kel 3 Absatz 1 Buch­sta­be d der Richt­li­nie 2012/​13/​EU) nicht vor­ge­schrie­ben; eine sol­che Hin­weis­pflicht wird künf­tig durch den Ver­weis in § 163a Absatz 5 StPO‑E, der auch § 187 Absatz 1 Satz 2 GVG‑E mit ein­be­zieht, aus­drück­lich nor­miert.

Im Zusam­men­hang mit die­sen Ver­neh­mun­gen trägt das gel­ten­de Recht auch den in Arti­kel 8 der Richt­li­nie 2012/​13/​EU vor­ge­schrie­be­nen Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten nicht voll­um­fäng­lich Rech­nung, wenn auch in § 168b StPO für die Staats­an­walt­schaft sowie in Num­mer 45 Absatz 1 RiStBV Teil­re­ge­lun­gen bestehen und in der Pra­xis des Ermitt­lungs­ver­fah­rens bereits eine umfang­rei­che Doku­men­ta­ti­on erfolgt. Nach § 168b Absatz 3 StPO‑E sol­len künf­tig ein­heit­lich für alle Ermitt­lungs­be­hör­den sämt­li­che vor Ver­neh­mun­gen nach § 136 Absatz 1 oder § 163a StPO vor­zu­neh­men­den Beleh­run­gen doku­men­tiert wer­den.

  1. ABl.EU C 295 vom 04.12.2009, S. 1[]