Mit­tä­ter – und die Urteils­grün­de

Die Urteils­grün­de müs­sen in einer geschlos­se­nen, aus sich selbst her­aus ver­ständ­li­chen Dar­stel­lung die für erwie­sen erach­te­ten kon­kre­ten Tat­sa­chen ange­ben, in denen die gesetz­li­chen Merk­ma­le der Straf­tat gefun­den wer­den (§ 267 Abs. 1 Satz 1 StPO). Wer­den meh­re­re Ange­klag­te wegen meh­re­rer selb­stän­di­ger Straf­ta­ten (§ 53 StGB) ver­ur­teilt, müs­sen die Grün­de für jede Tat und in Bezug auf jeden des­halb ver­ur­teil­ten Ange­klag­ten die erwie­se­nen Tat­sa­chen so deut­lich ange­ben, dass das Revi­si­ons­ge­richt nach­prü­fen kann, ob das Straf­ge­setz ohne Rechts­irr­tum ange­wandt ist.

Mit­tä­ter – und die Urteils­grün­de

Die Sach­dar­stel­lung darf nicht durch eine Tabel­le mit pau­scha­len Anga­ben über die ein­zel­nen Taten ersetzt wer­den, wenn dar­aus bei der ein­zel­nen Tat weder die Moda­li­tä­ten der jewei­li­gen Tat­aus­füh­rung und die Art des Tat­bei­trags der ein­zel­nen Mit­tä­ter noch die für die Straf­zu­mes­sung erfor­der­li­chen Ein­zel­hei­ten ent­nom­men wer­den kön­nen 1.

Die­sen Anfor­de­run­gen wer­den Urteils­grün­de nicht gerecht, in denen das Land­ge­richt ledig­lich die all­ge­mei­nen Umstän­de der zunächst erfolg­lo­sen unter­neh­me­ri­schen Betä­ti­gung der Ange­klag­ten, die in die­sem Zusam­men­hang erfolg­te Grün­dung der Fir­ma N. Ltd. und die Funk­ti­on der ein­zel­nen Ange­klag­ten im Rah­men des von ihnen ent­wi­ckel­ten Geschäfts­mo­dells dar­stellt, eben­so die Beschaf­fung der für den Wei­ter­ver­kauf an die Wer­be­kun­den bestimm­ten Kraft­fahr­zeu­ge, den Inhalt des am 15.10.2008 abge­schlos­se­nen Ver­tra­ges mit der Fir­ma Ad. sowie die auf den Abschluss der Kauf- und Wer­be­ver­trä­ge bezo­ge­ne all­ge­mei­ne Geschäfts­ent­wick­lung. Fest­stel­lun­gen zur Betei­li­gung der Ange­klag­ten an den ihnen zur Last geleg­ten Ein­zel­fäl­len des Betru­ges ent­hal­ten die Urteils­grün­de hin­ge­gen nicht. Die Straf­kam­mer beschränkt sich inso­weit auf eine tabel­la­ri­sche Über­sicht, in der die Daten der abge­schlos­se­nen Wer­be­ver­trä­ge, die Namen und die Anschrif­ten der Kun­den auf­ge­führt sind. Zum Tat­ge­sche­hen ent­hält das Urteil ledig­lich die For­mu­lie­rung, den Ange­klag­ten sei ab Okto­ber 2008 bewusst gewe­sen, nen­nens­wer­te Umsät­ze mit den zunächst bewor­be­nen Pro­duk­ten der Fir­ma N. Ltd. nicht erzie­len zu kön­nen, wes­halb sie zumin­dest damit rech- neten und auch bil­li­gend in Kauf nah­men, dass dies auch in Zukunft nicht der Fall sein wer­de. Vor die­sem Hin­ter­grund hät­ten sie in bewuss­tem und gewoll­tem Zusam­men­wir­ken von Okto­ber 2008 bis Anfang 2010 in den in der Tabel­le auf­ge­führ­ten Fäl­len EU-Neu­fahr­zeu­ge des genann­ten Typs zu deut­lich über dem Markt­preis lie­gen­den Prei­sen an die Geschä­dig­ten ver­kauft. Bei Abschluss der Ver­trä­ge hät­ten "die Ange­klag­ten" den Kun­den jeweils ver­spro­chen, der Kauf­preis für das Fahr­zeug wer­de voll­stän­dig durch die Wer­be­pro­vi­sio­nen zurück­er­stat­tet, obwohl ihnen klar gewe­sen sei, dass die von ihnen betrie­be­ne Fir­ma N. Ltd. dazu auf Dau­er nicht in der Lage sein wür­de.

Die­se Art der Sach­dar­stel­lung begeg­net durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken, weil völ­lig unklar bleibt, wel­che Fahr­zeug­käu­fer durch wel­chen Ange­klag­ten, wann und durch wel­che tat­be­stand­lich rele­van­ten Ver­hal­tens­wei­sen geschä­digt wur­den. Zwar stel­len die ein­zel­nen Ver­trags­ab­schlüs­se für sich genom­men selb­stän­di­ge Hand­lun­gen dar, die sich die Ange­klag­ten, sofern der Betrug­s­tat­be­stand erfüllt ist, nach den Grund­sät­zen der Mit­tä­ter­schaft (§ 25 Abs. 2 StGB) zurech­nen las­sen müss­ten. Für die Fra­ge des Vor­lie­gens einer oder meh­re­rer Hand­lun­gen im Sin­ne der §§ 52, 53 StGB kommt es aber auf die eige­nen Tat­bei­trä­ge der Ange­klag­ten zu den jewei­li­gen Ver­trags­ab­schlüs­sen an. Nur soweit sie selbst die Käu­fer getäuscht oder sonst einen kon­kre­ten Bei­trag zu dem jewei­li­gen Abschluss geleis­tet hät­ten, läge Tat­mehr­heit vor. Bestand ihr Tat­bei­trag zum Abschluss der Kauf- und Wer­be­ver­trä­ge aber ledig­lich in der Lei­tung und Orga­ni­sa­ti­on einer der betei­lig­ten Gesell­schaf­ten, läge nur eine Tat­hand­lung vor 2.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Novem­ber 2015 – 4 StR 115/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 28.10.2009 – 5 StR 171/​09, NStZ-RR 2010, 54; LR-StPO/S­tu­cken­berg, 26. Aufl., § 267 Rn. 41 mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 19.07.2001 – 4 StR 65/​01, wis­tra 2001, 378; BGH, Beschluss vom 18.10.2007 – 4 StR 481/​07, NStZ 2008, 352, 353; zum sog. unei­gent­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­de­likt vgl. fer­ner BGH, Urteil vom 17.06.2004 – 3 StR 344/​03, BGHSt 49, 177; Beschluss vom 29.07.2009 – 2 StR 160/​09, NStZ 2010, 103[]