Mord – zur Ermög­li­chung eines Schwan­ger­schafts­ab­bruchs

Zur Ermög­li­chung einer ande­ren Straf­tat im Sin­ne des § 211 Abs. 2 StGB tötet, wer einen Men­schen zur Errei­chung eines wei­te­ren kri­mi­nel­len Ziels tötet.

Mord – zur Ermög­li­chung eines Schwan­ger­schafts­ab­bruchs

Der Tod des Opfers muss nicht not­wen­di­ges Mit­tel zur Ermög­li­chung der Tat sein [1]; es genügt, wenn der Täter sich des­halb zur Tötung ent­schließt, weil er annimmt, auf die­se Wei­se die ande­re Straf­tat rascher oder leich­ter bege­hen zu kön­nen [2] und ihm zwar nicht der Tod des Opfers, wohl aber die Tötungs­hand­lung als Tat­mit­tel geeig­net erscheint [3].

Die "ande­re Tat" muss dabei nicht pro­zes­su­al selbst­stän­dig im Sin­ne des § 264 StPO sein; es genügt viel­mehr die tat­ein­heit­li­che Ver­wirk­li­chung eines gegen ein ande­res Rechts­gut des­sel­ben oder eines ande­ren Tat­op­fers gerich­te­ten wei­te­ren Straf­tat­be­stan­des [4].

Ermög­li­chungs­ab­sicht im Sin­ne des § 211 Abs. 2 StGB setzt jedoch vor­aus, dass der Täter in der Absicht tötet, zusätz­li­ches kri­mi­nel­les Unrecht ver­wirk­li­chen zu kön­nen; die beson­de­re Ver­werf­lich­keit der Tötung eines ande­ren zu die­sem Zweck liegt dar­in, dass der Täter bereit ist, das Leben eines ande­ren als Mit­tel zur Bege­hung einer wei­te­ren Tat ein­zu­set­zen, zur Ver­wirk­li­chung sei­ner kri­mi­nel­len Zie­le also not­falls über "Lei­chen zu gehen" [5]. Die Ermög­li­chung einer ande­ren Straf­tat muss dabei das hand­lungs­lei­ten­de Motiv des Täters sein.

Dies lag in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall fern: Zwar töte­te der Ange­klag­te das Tat­op­fer, sei­ne Freun­din, damit die­se das von ihm gezeug­te Kind nicht zur Welt brin­gen konn­te, ein Hand­lungs­ziel, das er – wie er wuss­te – auf ande­re Wei­se nicht errei­chen konn­te. Jen­seits der Lebens­ver­nich­tung sei­nes Tat­op­fers ver­folg­te der Ange­klag­te jedoch kei­nen dar­über hin­aus­rei­chen­den, eigen­stän­di­gen und wei­te­ren kri­mi­nel­len Zweck. Das vom Ange­klag­ten durch die Been­di­gung der Schwan­ger­schaft ver­wirk­lich­te wei­te­re Unrecht – die Tötung des noch unge­bo­re­nen Lebens – wird bei die­ser Sach­la­ge voll­stän­dig vom tat­ein­heit­lich ver­wirk­lich­ten Ver­ge­hen des Schwan­ger­schafts­ab­bruchs erfasst.

Bei die­ser Sach­la­ge muss­te sich das Land­ge­richt zur Erör­te­rung des Mord­merk­mals der Ermög­li­chungs­ab­sicht nicht gedrängt sehen. Es bleibt frei­lich noch der aus nied­ri­gen Beweg­grün­den began­ge­nen Heim­tü­cke­mord in Tat­ein­heit mit Schwan­ger­schafts­ab­bruch.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Juni 2015 – 2 StR 422/​14

  1. BGH, Urteil vom 09.03.1993 – 1 StR 870/​92, BGHSt 39, 159, 161[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 23.09.1999 – 4 StR 700/​98 , BGHSt 45, 211, 217 zu § 306b Abs. 2 Nr. 2 StGB[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 09.03.1993 – 1 StR 870/​92, BGHSt 39, 159, 161[]
  4. vgl. Fischer, StGB, 62. Aufl. § 211 Rdn. 65; Münch­Komm-BGB/­Schnei­der, StGB 2. Aufl. § 211 Rn. 253[]
  5. BGH, Urteil vom 09.03.1993 – 1 StR 870/​92, BGHSt 39, 159, 161; Saf­fer­ling, in: Matt/​Renzikowski, StGB, § 211 Rn. 63[]