Mord – zur Wie­der­her­stel­lung der Fami­li­en­eh­re

Die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob Beweg­grün­de der Tat "nied­rig" sind, also nach all­ge­mei­ner sitt­li­cher Wer­tung auf tiefs­ter Stu­fe ste­hen, mit­hin in deut­lich wei­ter­rei­chen­dem Maße als bei einem Tot­schlag als ver­werf­lich und des­halb als beson­ders ver­ach­tens­wert erschei­nen, hat auf­grund einer Gesamt­wür­di­gung aller äuße­ren und inne­ren für die Hand­lungs­an­trie­be des Täters maß­geb­li­chen Fak­to­ren zu erfol­gen 1.

Mord – zur Wie­der­her­stel­lung der Fami­li­en­eh­re

In sub­jek­ti­ver Hin­sicht muss hin­zu­kom­men, dass der Täter die Umstän­de, die die Nied­rig­keit sei­ner Beweg­grün­de aus­ma­chen, in ihrer Bedeu­tung für die Tat­aus­füh­rung ins Bewusst­sein auf­ge­nom­men hat und, soweit gefühls­mä­ßi­ge oder trieb­haf­te Regun­gen in Betracht kom­men, die­se gedank­lich beherr­schen und wil­lens­mä­ßig steu­ern kann.

Dies ist nicht der Fall, wenn der Täter außer Stan­de ist, sich von sei­nen gefühls­mä­ßi­gen und trieb­haf­ten Regun­gen frei­zu­ma­chen 2.

Ob die­se sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen gege­ben sind, kann aber nicht beur­teilt wer­den, ohne dass zuvor geklärt und dar­ge­legt wor­den ist, wel­che Moti­va­ti­on der Tat zugrun­de lag und ob die­se Moti­va­ti­on – nach der erfor­der­li­chen Gesamt­wür­di­gung – als nied­rig ein­zu­stu­fen ist 3.

Nach die­sen Maß­stä­ben waren im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Aus­füh­run­gen des Land­ge­richts zum Mord­merk­mal der nied­ri­gen Beweg­grün­de lücken­haft. Denn das Land­ge­richt hat die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen einer Tötung aus nied­ri­gen Beweg­grün­den ver­neint, ohne zuvor die Tat­mo­ti­ve in objek­ti­ver Hin­sicht einer Wer­tung nach den oben genann­ten Maß­stä­ben zu unter­zie­hen.

In sei­ner recht­li­chen Wür­di­gung beschränkt sich das Land­ge­richt auf die Erwä­gung, dass der tür­kisch­stäm­mi­ge, 75jährige Ange­klag­te zur Tat­zeit an einer von ihm nicht zu ver­tre­ten­den wahn­haft­pa­ra­noi­den Stö­rung sei­ner Per­sön­lich­keit gelit­ten habe, die "auch sein patri­ar­cha­li­sches Wer­te­sys­tem erfasst und erschüt­tert" habe. Vor die­sem Hin­ter­grund sei die Annah­me begrün­det, dass der Ange­klag­te nicht in der Lage gewe­sen sei, die Umstän­de, die die Nied­rig­keit sei­ner "Beweg­grün­de" aus­mach­ten, in sein Bewusst­sein auf­zu­neh­men und sei­ne gefühls­mä­ßi­gen und trieb­haf­ten Regun­gen ent­spre­chend zu beherr­schen und wil­lens­mä­ßig zu steu­ern.

Die­se Aus­füh­run­gen könn­ten sich auf den Beweg­grund des Ange­klag­ten bezie­hen, die durch das gewähn­te Fremd­ge­hen sei­ner Toch­ter ver­meint­lich ver­letz­te "Fami­li­en­eh­re" wie­der­her­zu­stel­len. Dem für die Fest­stel­lung sei­ner erheb­lich ein­ge­schränk­ten Schuld­fä­hig­keit mit­be­stim­men­den Umstand, dass der Ange­klag­te vor der Tat eine tat­säch­li­che oder gewähn­te Belei­di­gung sei­tens sei­ner Toch­ter hin­neh­men muss­te, hat das Land­ge­richt inso­weit kei­ne ersicht­li­che Bedeu­tung bei­gemes­sen.

Das damit fest­ge­stell­te Tötungs­mo­tiv der Wie­der­her­stel­lung der Fami­li­en­eh­re wäre an den Maß­stä­ben der hie­si­gen Rechts­ge­mein­schaft zu mes­sen und – vor­be­halt­lich der erfor­der­li­chen, hier nicht erfolg­ten Gesamt­wür­di­gung – grund­sätz­lich objek­tiv als nied­rig anzu­se­hen 4. Nur aus­nahms­wei­se, wenn dem Täter in sub­jek­ti­ver Hin­sicht bei der Tat die Umstän­de nicht bewusst waren, die die Nied­rig­keit sei­ner Beweg­grün­de aus­ma­chen, oder wenn es ihm nicht mög­lich war, sei­ne gefühls­mä­ßi­gen Regun­gen, die sein Han­deln bestim­men, gedank­lich zu beherr­schen und wil­lens­mä­ßig zu steu­ern, kann dann statt einer Ver­ur­tei­lung wegen Mor­des aus nied­ri­gen Beweg­grün­den ledig­lich eine Ver­ur­tei­lung wegen Tot­schlags in Betracht kom­men 5.

Der Bun­des­ge­richts­hof hob daher das land­ge­richt­li­che Urteil auf und ver­wies die Sache zurück an das Land­ge­richt. Soll­te das neue Tat­ge­richt wie­der­um fest­stel­len, dass der Ange­klag­te die Tat unter dem Ein­fluss eines wahn­haft­pa­ra­noi­den Syn­droms began­gen hat und beherr­schen­der Beweg­grund die Wie­der­her­stel­lung der ver­meint­lich ver­letz­ten Fami­li­en­eh­re war, wird es stär­ker als bis­her deut­lich zu machen haben, in wel­cher Wei­se sich die wahn­haft­pa­ra­noi­de Stö­rung des Ange­klag­ten aus­ge­wirkt hat. Dabei wür­de es nicht aus­rei­chen, dass sich die Stö­rung in der unzu­tref­fen­den Annah­me des Fremd­ge­hens sei­ner Toch­ter erschöpft. Viel­mehr wäre erfor­der­lich, dass sie sei­ne Fähig­keit beein­träch­tigt hat, die Umstän­de, die gege­be­nen­falls die Nied­rig­keit sei­nes Beweg­grun­des (Wie­der­her­stel­lung der Fami­li­en­eh­re) aus­ma­chen, in ihrer Bedeu­tung zu erken­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Sep­tem­ber 2019 – 5 StR 222/​19

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 11.10.2005 – 1 StR 195/​05, NStZ 2006, 284, 285; Beschluss vom 10.01.2006 – 5 StR 341/​05, NJW 2006, 1008, 1011[]
  2. BGH, Urteil vom 22.03.2017 – 2 StR 656/​13, NStZ 2018, 527[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.07.2000 – 2 StR 96/​00, NStZ 2001, 87[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 20.02.2002 – 5 StR 538/​01, NStZ 2002, 369; Beschluss vom 10.01.2006 – 5 StR 341/​05, NJW 2006, 1008, 1011[]
  5. BGH, Urtei­le vom 07.10.1994 – 2 StR 319/​94, NStZ 1995, 79; vom 20.02.2002, aaO[]