Mord­merk­mal: Heim­tü­cke – und die Chan­ce des Ent­rin­nens

Heim­tü­ckisch han­delt, wer in feind­li­cher Wil­lens­rich­tung die Argund Wehr­lo­sig­keit des Tat­op­fers bewusst zur Tötung aus­nutzt. Wesent­lich ist, dass der Mör­der sein Opfer, das kei­nen Angriff erwar­tet, also argund infol­ge­des­sen wehr­los ist, in einer hilf­lo­sen Lage über­rascht und dadurch dar­an hin­dert, dem Anschlag auf sein Leben zu begeg­nen oder ihn wenigs­tens zu erschwe­ren.

Mord­merk­mal: Heim­tü­cke – und die Chan­ce des Ent­rin­nens

Heim­tü­cki­sches Han­deln erfor­dert kein ?heim­li­ches? Vor­ge­hen. Das Opfer kann auch dann arg­los sein, wenn der Täter ihm zwar offen feind­se­lig, mit­hin von vor­ne ent­ge­gen­tritt, die Zeit­span­ne zwi­schen dem Erken­nen der Gefahr und dem unmit­tel­ba­ren Angriff aber so kurz ist, dass kei­ne Mög­lich­keit bleibt, dem Angriff irgend­wie zu begeg­nen.

Maß­ge­bend für die Beur­tei­lung ist die Lage bei Beginn des ers­ten mit Tötungs­vor­satz geführ­ten Angriffs. Mit­hin ste­hen Abwehr­ver­su­che, die der über­rasch­te und in sei­nen Ver­tei­di­gungs­mög­lich­kei­ten ein­ge­schränk­te Geschä­dig­te erst im letz­ten Moment unter­neh­men kann, in sol­chen Kon­stel­la­tio­nen der Annah­me von Heim­tü­cke nicht ent­ge­gen 1.

Ein sol­cher Fall kann etwa dann gege­ben sein, wenn der Täter dem Opfer auf­lau­ert 2 oder in einen Hin­ter­halt lockt 3.

An die­sen Grund­sät­zen gemes­sen begeg­ne­te für den Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fakk die Annah­me einer heim­tü­cki­schen Bege­hungs­wei­se durch­grei­fen­den Beden­ken. Das Tat­op­fer hat­te noch aus­rei­chend Zeit, auf den Angriff wir­kungs­voll zu reagie­ren. Denn wie der nach­fol­gen­de Gesche­hens­ab­lauf zeigt, hät­te sie sich – anstatt ver­geb­lich einen Not­ruf abzu­set­zen – vom Tre­sen zur Flucht wen­den kön­nen. Sie hat­te mit­hin die Chan­ce zum Ent­rin­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. März 2020 – 1 StR 32/​20

  1. BGH, Urtei­le vom 03.09.2015 – 3 StR 242/​15 Rn. 10; vom 19.10.2011 – 1 StR 273/​11 Rn. 23; vom 03.09.2002 – 5 StR 139/​02 Rn. 6 f.; und vom 16.06.1999 – 2 StR 68/​99 Rn. 5; Beschlüs­se vom 10.07.2018 – 3 StR 204/​18 Rn. 4; vom 28.06.2016 – 3 StR 120/​16 Rn. 11 f.; und vom 24.01.2017 – 2 StR 459/​16 Rn. 10 f.[]
  2. BGH, Urteil vom 22.08.1995 – 1 StR 393/​95 Rn. 9 [inso­weit in BGHSt 41, 222 nicht abge­druckt][]
  3. BGH, Urteil vom 04.07.1984 – 3 StR 199/​84, BGHSt 32, 382, 386 f.[]