Nach­träg­li­che Anord­nung einer vor­be­hal­te­nen Siche­rungs­ver­wah­rung – und die Sech­mo­nats­frist

Gemäß § 66a Abs. 2 StGB in der ab 28.08.2002 gel­ten­den Fas­sung1 ist über die Anord­nung der Siche­rungs­ver­wah­rung spä­tes­tens sechs Mona­te vor einer mög­li­chen Aus­set­zung der Rest­stra­fe zur Bewäh­rung zu ent­schei­den. Die­se Frist ist eine Aus­schluss­frist.

Nach­träg­li­che Anord­nung einer vor­be­hal­te­nen Siche­rungs­ver­wah­rung – und die Sech­mo­nats­frist

Nach Art. 316e Abs. 1 Satz 1 EGStGB in der ab 1.06.2013 gel­ten­den Fas­sung ist § 66a StGB in der ab 1.01.2011 gel­ten­den Fas­sung nur anzu­wen­den, wenn die Tat oder min­des­tens eine der Taten, wegen deren Bege­hung die Siche­rungs­ver­wah­rung ange­ord­net wer­den soll, nach dem 31.12 2010 began­gen wor­den ist. In allen ande­ren Fäl­len ist nach Art. 316e Abs. 2 Satz 2 EGStGB das bis­he­ri­ge Recht anzu­wen­den. Auf den hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall fand daher § 66a StGB in der ab 28.08.2002 bis 31.12 2010 gel­ten­den Fas­sung Anwen­dung, weil die Anlas­s­ta­ten in der Zeit von April bis Juni 2003 began­gen wor­den sind.

Dies gilt nach Art. 316e Abs. 1 Satz 2 EGStGB zwar nur inso­weit, als in Art. 316f Abs. 2 und 3 EGStGB nichts ande­res bestimmt ist. Aller­dings ergibt sich aus Art. 316f Abs. 2 EGStGB weder eine über § 66a StGB a.F. hin­aus gehen­de län­ge­re Anord­nungs­frist noch eine Gel­tung des § 66a Abs.3 StGB n.F.

Durch den in Art. 316e Abs. 2 Satz 2 EGStGB erfolg­ten Ver­weis auf Art. 316f Abs. 2 EGStGB soll ledig­lich sicher­ge­stellt wer­den, dass die bis zum 31.12 2010 gel­ten­den Vor­schrif­ten über die Siche­rungs­ver­wah­rung in Fäl­len rück­wir­ken­der Geset­zes­an­wen­dung oder nach­träg­li­cher Siche­rungs­ver­wah­rung (sog. Ver­trau­ens­schutz­fäl­le) nur unter den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Urteil vom 04.05.20112 for­mu­lier­ten hohen Vor­aus­set­zun­gen wei­ter anwend­bar sind3. Unge­ach­tet des­sen han­delt es sich vor­lie­gend auch nicht um einen sol­chen von Art. 316f Abs. 2 EGStGB erfass­ten „Ver­trau­ens­schutz­fall”. Das Land­ge­richt hat die Anord­nung der Siche­rungs­ver­wah­rung am Maß­stab des § 66a Abs. 2 StGB in der bis 31.12 2010 gel­ten­den Fas­sung geprüft. Die­se Vor­schrift war zum Zeit­punkt der letz­ten Anlas­s­tat4 bereits in Kraft; sie wur­de durch das Gesetz zur Ein­füh­rung der vor­be­hal­te­nen Siche­rungs­ver­wah­rung vom 21.08.20025 mit Wir­kung ab 28.08.2002 ein­ge­führt.

Es gilt daher § 66a Abs. 2 a.F. wei­ter6. Dabei han­delt es sich nicht um eine blo­ße Ord­nungs­vor­schrift. Die Ein­hal­tung der Frist des § 66a Abs. 2 StGB a.F. stellt viel­mehr eine grund­sätz­lich ver­bind­li­che mate­ri­ell­recht­li­che Vor­aus­set­zung für die Anord­nung der Siche­rungs­ver­wah­rung dar7.

Ob eine Siche­rungs­ver­wah­rung aus­nahms­wei­se ange­ord­net wer­den kann, wenn die Frist nur weni­ge Tage über­schrit­ten ist8 und die Grün­de dafür nicht im Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Jus­tiz lie­gen, braucht hier nicht ent­schie­den zu wer­den. Das Land­ge­richt hat­te zum 12.05.2015, dem spä­tes­ten Ent­schei­dungs­zeit­punkt (§ 66a Abs. 2 Satz 1, § 57 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB), das Nach­ver­fah­ren noch nicht ein­mal ein­ge­lei­tet.

Die Ent­schei­dung unter­liegt nicht schon des­halb der Auf­he­bung, weil über die Anord­nung von Siche­rungs­ver­wah­rung nach Vor­be­halt nur auf­grund einer münd­li­chen Haupt­ver­hand­lung unter Betei­li­gung der Schöf­fen durch Urteil ent­schie­den wer­den kann.

Unge­ach­tet des­sen, dass schon frag­lich ist, ob die im Beschluss­ver­fah­ren ergan­ge­ne Ent­schei­dung auf die­sem Rechts­feh­ler über­haupt beru­hen kann, weil die Siche­rungs­ver­wah­rung schon wegen Frist­ver­säum­nis und damit aus zwin­gen­den Rechts­grün­den nicht ange­ord­net wer­den konn­te9, fehlt es jeden­falls an einer inso­weit erfor­der­li­chen Ver­fah­rens­rüge.

Das von der Staats­an­walt­schaft ein­ge­leg­te Rechts­mit­tel beschränkt sich auf die Rüge des sach­lich­recht­li­chen Man­gels, § 66a Abs. 2 StGB a.F. kön­ne vor­lie­gend nicht als Aus­schluss­frist ver­stan­den wer­den. Zwar ist damit in der Regel auch die all­ge­mei­ne Sach­rü­ge erho­ben, weil die Revi­si­on zumin­dest Ein­zel­aus­füh­run­gen zu ein­zel­nen Urteils­tei­len- oder grund­la­gen ent­hält10. Eine Rüge dahin­ge­hend, dass die Ent­schei­dung vor­lie­gend auf­grund einer Haupt­ver­hand­lung und unter Betei­li­gung der Schöf­fen hät­te erge­hen müs­sen, wur­de sei­tens der Beschwer­de­füh­re­rin aber zu kei­ner Zeit erho­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Juni 2016 – 2 StR 88/​16

  1. ein­ge­führt durch Gesetz zur Ein­füh­rung der vor­be­hal­te­nen Siche­rungs­ver­wah­rung vom 21.08.2002, BGBl. I S. 3344
  2. 2 BvR 2365/​09 u.a., BVerfGE 128, 326, 404 ff.
  3. vgl. BT-Drs. 17/​9874 vom 06.06.2012, S. 30; BGH, Urteil vom 12.06.2013 – 1 StR 48/​13, BGHSt 58, 292, 294 f.
  4. 4.06.2003
  5. BGBl. I S. 3344
  6. vgl. auch BGH, Beschluss vom 07.08.2013 ? 1 StR 246/​13, NStZ 2014, 209; Ullenbruch/​Morgenstern in Münch­Komm- StGB, 2. Aufl., § 66a Rn. 138
  7. BGH, Urteil vom 14.12 2006 – 3 StR 269/​06 –, BGHSt 51, 159, 160 ff.; Urteil vom 07.08.2012 – 1 StR 98/​12, NStZ 2013, 100, 101; KK-StPO/G­re­ger, 7. Aufl. § 275a Rn. 7
  8. vgl. inso­weit BGH, Beschluss vom 25.10.2005 – 1 StR 324/​05, StV 2006, 63 f.
  9. vgl. dazu BGH, Urteil vom 06.12 2005 – 1 StR 441/​05, NStZ 2006, 178, 179; BGH, Urteil vom 14.07.2011 – 4 StR 16/​11, NStZ 2011, 693, 694; KK-StPO/G­re­ger, 7. Aufl., § 275a Rn. 24
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 21.02.1951 – 1 StR 5/​51, BGHSt 1, 44, 46
  11. vgl. BVerfGE 128, 326, 376 ff.