Ne bis in idem – und der Euro­päi­sche Haft­be­fehl zur Straf­voll­stre­ckung

Ein Ver­stoß gegen Art. 8 MRK führt dann zu einem Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis, wenn der Kern­be­reich der Garan­tie ver­letzt ist 1. Ein sol­cher Fall kann im Rah­men der Aus­lie­fe­rung an einen Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on (hier Polen) auf­grund eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls zum Zwe­cke der Straf­voll­stre­ckung dann anzu­neh­men sein, wenn bereits in einem ande­ren Mit­glied­staat (hier Ita­li­en) eine gericht­li­che Ent­schei­dung getrof­fen wur­de, dass der Ver­folg­te die gegen ihn die im Euro­päi­schen Haft­be­fehl auf­ge­führ­te Stra­fe in dem Mit­glieds­staat sei­nes tat­säch­li­chen Auf­ent­halts (hier: Ita­li­en) ver­bü­ßen darf.

Ne bis in idem – und der Euro­päi­sche Haft­be­fehl zur Straf­voll­stre­ckung

Auch wenn die mate­ri­el­len Aus­lie­fe­rungs­vor­aus­set­zun­gen auf­grund des Euro­päi­schen Haft­be­fehls vor­lie­gen, besteht ein Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis, wenn eine Aus­lie­fe­rung des Ver­folg­ten jeden­falls in der beson­de­ren vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on einen unver­hält­nis­mä­ßi­gen Ein­griff in das Recht des Ver­folg­ten auf Ach­tung sei­nes Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens dar­stel­len wür­de (Art. 8 MRK i.V.m. § 73 Satz 2 IRG).

Im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall ist Gegen­stand des Aus­lie­fe­rungs­er­su­chens der pol­ni­schen Jus­tiz­be­hör­den ein Euro­päi­scher Haft­be­fehl, wel­chem nach Maß­ga­be des Rah­men­be­schlus­ses 2002/​584 über den Euro­päi­schen Haft­be­fehl und die Über­ga­be­ver­fah­ren zwi­schen den Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on vom 13.06.2002 (RbEu­Hb) der Grund­satz der gegen­sei­ti­gen Aner­ken­nung von jus­ti­ti­el­len Ent­schei­dun­gen zugrun­de liegt. Nach Art. 1 Abs. 2 RbEu­Hb sind die Mit­glied­staa­ten danach grund­sätz­lich ver­pflich­tet, einen Euro­päi­schen Haft­be­fehl zu voll­stre­cken. Der Grund­satz der gegen­sei­ti­gen Aner­ken­nung bedeu­tet jedoch kei­ne unein­ge­schränk­te Ver­pflich­tung zur Voll­stre­ckung des Haft­be­fehls. Nach dem Sys­tem des Rah­men­be­schlus­ses, wie es ins­be­son­de­re Art. 4 RbEu­Hb zu ent­neh­men ist, kön­nen die Mit­glied­staa­ten den zustän­di­gen Jus­tiz­be­hör­den näm­lich unter bestimm­ten Umstän­den erlau­ben, zu ent­schei­den, dass eine ver­häng­te Stra­fe im Hoheits­ge­biet des Voll­stre­ckungs­mit­glied­staats voll­streckt wer­den muss. Dies gilt ins­be­son­de­re für Art. 4 Nr. 6 RbEu­Hb, wonach es die voll­stre­cken­de Jus­tiz­be­hör­de ableh­nen kann, einen zur Voll­stre­ckung einer Frei­heits­stra­fe aus­ge­stell­ten Euro­päi­schen Haft­be­fehl zu voll­stre­cken, wenn sich die gesuch­te Per­son "im Voll­stre­ckungs­mit­glied­staat auf­hält, des­sen Staats­an­ge­hö­ri­ger ist oder dort ihren Wohn­sitz hat" und die­ser Staat sich ver­pflich­tet, die Stra­fe nach sei­nem inner­staat­li­chen Recht zu voll­stre­cken 2. Von die­ser Mög­lich­keit haben die ita­lie­ni­schen Jus­tiz­be­hör­den auf­grund der Rege­lun­gen ihres natio­na­len Rechts vor­lie­gend Gebrauch gemacht und ange­ord­net, dass der Ver­folg­te auf­grund sei­ner in Ita­li­en erfolg­ten Inte­gra­ti­on in die Gesell­schaft die gegen ihn durch das Amts­ge­richts M./Polen vom 12.11.2007 ver­häng­te Frei­heits­stra­fe jeden­falls bezüg­lich des noch aus­ste­hen­den Straf­res­tes in Ita­li­en ver­bü­ßen soll.

Die­se im Ver­hält­nis zwi­schen Polen und Ita­li­en bestehen­de aus­lie­fe­rungs­recht­li­che Lage ent­fal­tet für das Ober­lan­des­ge­richt kei­ne unmit­tel­ba­re Bin­dung. Inso­weit sieht das deut­sche Recht in § 83 b Abs.2 lit b IRG nur die Mög­lich­keit vor, eine Aus­lie­fe­rung eines Ver­folg­ten, wel­cher im Inland sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat, des­halb abzu­leh­nen, weil sein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an einer Voll­stre­ckung im Inland über­wiegt, ins­be­son­de­re sei­ne Reso­zia­li­sie­rung im Inland bes­ser gewähr­leis­tet ist 3. Auf die Fra­ge, ob eine Reso­zia­li­sie­rung in einem Dritt­staat noch bes­ser als im Inland gewähr­leis­tet sein könn­te, kommt es nach dem Wort­laut der Vor­schrift nicht an. Eine sol­che Bin­dungs­wir­kung ergibt sich auch nicht aus dem Dop­pel­be­stra­fungs­ver­bot des § 83 Nr.1 IRG, weil es hier nicht um die Fra­ge geht, ob inner­halb der Mit­glied­staa­ten die­sel­be Tat mehr­fach abge­ur­teilt und voll­streckt wer­den kann, son­dern nur dar­um, in wel­chem Staat der Ver­folg­te eine in einem Mit­glied­staat ver­häng­te Stra­fe – hier aus dem Urteil des Amts­ge­richts M./Polen vom 12.11.2007 – ver­bü­ßen soll.

Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren besteht jedoch die Beson­der­heit, dass es nicht in ers­ter Linie um die Fra­ge geht, in wel­chem Staat ein Ver­folg­ter sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat und sei­ne Reso­zia­li­sie­rung am bes­ten gesi­chert ist, son­dern hier wur­de nach Akten­la­ge bereits zwi­schen zwei Mit­glied­staa­ten – Polen und Ita­li­en – im Rah­men der Aus­lie­fe­rung auf­grund eines im sel­ben Ver­fah­ren erlas­se­nen Euro­päi­schen Haft­be­fehls eine Rege­lung hier­zu getrof­fen. Dass der Ver­folg­te sich inso­weit der ihm in Ita­li­en dro­hen­den Voll­stre­ckung der Rest­frei­heits­stra­fe aus dem Urteil des Amts­ge­richts M./Polen vom 12.11.2007 hät­te ent­zie­hen wol­len, ist weder dem Euro­päi­schen Haft­be­fehl des Bezirks­ge­richts in P./Polen vom 12.05.2010 zu ent­neh­men noch erscheint eine sol­che Annah­me als wahr­schein­lich, da der Ver­folg­te bei sei­ner rich­ter­li­chen Anhö­rung am 20.02.2014 vor dem Amts­ge­richt F. glaub­haft ange­ge­ben hat, nur wegen des Ver­kaufs eines Kraft­fahr­zeugs kurz­zei­tig nach Deutsch­land ein­ge­reist zu sein. Auch haben die pol­ni­schen Jus­tiz­be­hör­den im Euro­päi­schen Haft­be­fehl des Bezirks­ge­richts in P./Polen vom 12.05.2010 kei­ne Umstän­de mit­ge­teilt, aus wel­chem Grun­de eine Voll­stre­ckung der Rest­frei­heits­stra­fe in Ita­li­en nun­mehr nicht mehr in Betracht kom­men soll­te.

Inso­weit ist das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he der Ansicht, dass jeden­falls in einem sol­chen Aus­nah­me­fall eine Aus­lie­fe­rung des Ver­folg­ten nach Polen auch und gera­de im Hin­blick auf die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts in S./Italien vom 18.11.2011 einen unver­hält­nis­mä­ßi­gen Ein­griff in das Recht des Ver­folg­ten auf Ach­tung sei­nes Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens dar­stel­len (Art. 8 MRK) wür­de, so dass der Kern­be­reich die­ser Garan­tie ver­letzt ist und damit ein Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis besteht (§ 73 Satz 2 IRG).

Die Fest­stel­lung der Unzu­läs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung bedingt die Auf­he­bung des Aus­lie­fe­rungs­haft­be­fehls.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 23. April 2014 – 1 AK 27/​14

  1. Fort­füh­rung von OLG Karls­ru­he, Stra­Fo 2007, 477 und NStZ 2005, 351[]
  2. sie­he hier­zu EuGH, Urteil vom 05.09.2012, – C‑42/​11 – Lopes da Sil­va Jor­ge , NJW 2013, 141[]
  3. vgl. Ober­lan­des­ge­richt NStZ-RR 2009, 107; EuGH, Urteil vom 17.07.2008, – C‑66/​08 – Kozlow­ski , NJW 2008, 3201; ders., Urteil vom 05.09.2012, – C‑42/​11 – Lopes da Sil­va Jor­ge , NJW 2013, 141, ders., Urteil vom 06.10.2009, C ‑123/​08 – Wol­zen­burg , NJW 2010, 283; sie­he hier­zu auch den Rah­men­be­schluss 2008/​909/​Ji des Rates vom 27.11.2008[]