Net­to­lohn­ab­re­den – und die Berech­nung der nicht abge­führ­te Sozi­al­ab­ga­ben

Das Gericht darf bei der Hoch­rech­nung der Net­to- auf Brut­to­löh­ne nicht stets pau­schal von der Lohn­steu­er­klas­se VI aus­ge­hen.

Net­to­lohn­ab­re­den – und die Berech­nung der nicht abge­führ­te Sozi­al­ab­ga­ben

Zwar ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs beim Vor­lie­gen voll­um­fäng­lich ille­ga­ler Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se der Umfang hin­ter­zo­ge­ner Lohn­steu­er grund­sätz­lich anhand des Ein­gangs­steu­er­sat­zes der Lohn­steu­er­klas­se VI (vgl. § 39c EStG) zu bestim­men [1]. Dies gilt jedoch hin­sicht­lich des der Straf­zu­mes­sung zu Grun­de zu legen­den Scha­dens dann nicht, wenn die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se der Arbeit­neh­mer bekannt waren oder ohne wei­te­res hät­ten fest­ge­stellt wer­den kön­nen, was ins­be­son­de­re dann der Fall ist, wenn die Arbeit­neh­mer durch das Tat­ge­richt zeu­gen­schaft­lich ver­nom­men wer­den. In die­sen Fäl­len ist eine unter­schied­li­che Behand­lung im Ver­gleich zu den Kon­stel­la­tio­nen der Teil­schwarz­lohn­zah­lun­gen [2] oder der Lohn­steu­er­hin­ter­zie­hung auf Zeit [3] nicht gerecht­fer­tigt, so dass der Umfang hin­ter­zo­ge­ner Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge anhand der tat­säch­lich gege­be­nen Lohn­steu­er­klas­se der Pfle­ge­kräf­te hät­te ermit­telt wer­den müs­sen.

Schließ­lich war in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die von der Straf­kam­mer vor­ge­nom­me­ne Hoch­rech­nung der Net­to­auf Brut­to­löh­ne für den Bun­des­ge­richts­hof nicht nach­voll­zieh­bar:

Zwar genügt die Dar­le­gung der Berech­nungs­grund­la­gen im Urteil den Anfor­de­run­gen, die die Recht­spre­chung bei Taten nach § 266a StGB stellt [4]. So sind im Urteil die jewei­li­gen Arbeit­neh­mer- und Arbeit­ge­ber­bei­trä­ge – für die jewei­li­gen Fäl­lig­keits­zeit­punk­te geson­dert – nach Anzahl, Beschäf­ti­gungs­zei­ten, Löh­nen der Arbeit­neh­mer und der Höhe des Bei­trags­sat­zes der ört­lich zustän­di­gen Kran­ken­kas­se fest­ge­stellt.

Die auf die­ser Grund­la­ge von der Straf­kam­mer vor­ge­nom­me­ne Hoch­rech­nung der ange­nom­men Net­to­auf Brut­to­löh­ne (§ 14 Abs. 2 SGB IV) ist jedoch nicht nach­voll­zieh­bar. Da das Land­ge­richt vor­lie­gend nicht auf den Ein­gangs­steu­er­satz der zugrun­de geleg­ten Lohn­steu­er­klas­se abstellt und der Steu­er­satz je nach Lohn­hö­he dif­fe­riert, ist es nicht mög­lich, einen für alle Fäl­le ein­heit­li­chen Hoch­rech­nungs­fak­tor pro Jahr anzu­wen­den; er ist viel­mehr jeweils indi­vi­du­ell zu berech­nen.

Die Rechen­er­geb­nis­se des Land­ge­richts las­sen vor­lie­gend besor­gen, dass das Land­ge­richt unrich­ti­ge Hoch­rech­nungs­fak­to­ren ermit­telt und die­se den Berech­nun­gen zugrun­de gelegt hat. Setzt man näm­lich die hier fest­ge­stell­ten Net­to- und Brut­to­löh­ne ins Ver­hält­nis, erge­ben sich Hoch­rech­nungs­fak­to­ren, die jeweils über 2,0 lie­gen und die damit die übli­cher­wei­se gege­be­nen Hoch­rech­nungs­fak­to­ren – die­se lie­gen bei Wer­ten zwi­schen 1,5 und 1,6 [5] – deut­lich über­stei­gen.

Danach kann vor­lie­gend dahin­ste­hen, ob die Straf­kam­mer gehal­ten gewe­sen wäre, auch den Berech­nungs­vor­gang an sich nach­voll­zieh­bar dar­zu­stel­len [6]. Offen­blei­ben kann damit auch, ob es aus­rei­chend war, dass sich die Straf­kam­mer für die Berech­nun­gen ledig­lich auf die Aus­füh­run­gen einer Zeu­gin von der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung bezo­gen hat. Jeden­falls erscheint eine Berech­nungs­dar­stel­lung zum Zwe­cke der Selbst­kon­trol­le und weil sie die Nach­voll­zieh­bar­keit des Urteils erleich­tert, sinn­voll [7].

Der Schuld­spruch ist von dem Rechts­feh­ler nicht berührt, weil der Bun­des­ge­richts­hof aus­schlie­ßen kann, dass sich die feh­ler­haf­te Berech­nung der nicht abge­führ­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge der­ge­stalt auf die Ver­wirk­li­chung des Tat­be­stan­des aus­ge­wirkt hat, dass die­ser ent­fällt [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Sep­tem­ber 2019 – 1 StR 346/​18

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 15.01.2014 – 1 StR 379/​13 Rn. 31; vom 08.08.2012 – 1 StR 296/​12; und vom 08.02.2011 – 1 StR 651/​10, BGHSt 56, 153 Rn. 16 ff.[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 07.12 2016 – 1 StR 185/​16 Rn. 24; vom 08.08.2012 – 1 StR 296/​12; vom 14.06.2011 – 1 StR 90/​11 Rn.14; und vom 08.02.2011 – 1 StR 651/​10, BGHSt 56, 153 Rn.19[]
  3. BGH, Beschluss vom 08.02.2011 – 1 StR 651/​10, BGHSt 56, 153 Rn. 15[]
  4. vgl. zuletzt BGH, Beschlüs­se vom 25.10.2017 – 1 StR 310/​16 Rn. 16; und vom 24.08.2017 – 1 StR 625/​16 Rn. 25; zu § 370 AO Urteil vom 07.02.2019 – 1 StR 485/​18 Rn. 4; jeweils mwN[]
  5. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 05.07.2018 – 1 StR 111/​18 Rn. 18 f.[]
  6. in die­se Rich­tung BGH, Beschlüs­se vom 06.07.2018 – 1 StR 234/​18 Rn. 13; und vom 25.10.2017 – 1 StR 310/​16 Rn. 16; anders zu § 370 AO Urteil vom 12.05.2009 – 1 StR 718/​08 Rn.20[]
  7. BGH, Urteil vom 12.05.2009 – 1 StR 718/​08 Rn.20[]
  8. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.10.2017 – 1 StR 310/​16 Rn. 21; und vom 24.08.2017 – 1 StR 625/​16 Rn. 28[]