Neu­re­ge­lun­gen zur Kin­der­por­no­gra­fie im Straf­recht

Die Bun­des­tags­frak­tio­nen der Gro­ßen Koali­ti­on haben einen Gesetz­ent­wurf in das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ein­ge­bracht, mit dem die Rege­lun­gen bezüg­lich der Straf­bar­keit von Kin­der­por­no­gra­phie und des Zugangs zu Kin­der­por­no­gra­fie im Inter­net wei­ter ver­schärft wer­den sol­len.

Neu­re­ge­lun­gen zur Kin­der­por­no­gra­fie im Straf­recht

Das von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land am 25. Okto­ber 2007 unter­zeich­ne­te Über­ein­kom­men des Euro­pa­rats zum Schutz von Kin­dern vor sexu­el­ler Aus­beu­tung und sexu­el­lem Miss­brauch (Lan­za­ro­te-Kon­ven­ti­on), das am 11. Mai 2011 von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land unter­zeich­ne­te Über­ein­kom­men des Euro­pa­rats zur Ver­hü­tung und Bekämp­fung von Gewalt gegen Frau­en und häus­li­cher Gewalt (Istan­bul-Kon­ven­ti­on) und die EU-Kin­der­por­no­gra­fie-Richt­li­nie 2011/​93/​EU [1] müs­sen in inner­staat­li­ches Recht umge­setzt wer­den.

Das deut­sche Recht ent­spricht den Anfor­de­run­gen die­ser Rechts­in­stru­men­te bereits im Wesent­li­chen. Aller­dings wer­den Arti­kel 17 Absatz 1 Buch­sta­be b in Ver­bin­dung mit Absatz 4 der Richt­li­nie 2011/​93/​EU, Arti­kel 44 Absatz 1 Buch­sta­be d in Ver­bin­dung mit Absatz 3 der Istan­bul-Kon­ven­ti­on und Arti­kel 25 Absatz 1 Buch­sta­be d in Ver­bin­dung mit Absatz 4 der Lan­za­ro­te-Kon­ven­ti­on vom deut­schen Straf­an­wen­dungs­recht nicht voll­stän­dig umge­setzt. Das gel­ten­de Ver­jäh­rungs­recht erfüllt zudem nicht sämt­li­che Vor­ga­ben von Arti­kel 58 der Istan­bul-Kon­ven­ti­on. Zudem fehlt im Beson­de­ren Teil des Straf­ge­setz­bu­ches eine Vor­schrift ent­spre­chend Arti­kel 4 Absatz 4 der Richt­li­nie 2011/​93/​EU und Arti­kel 21 Absatz 1 Buch­sta­be c der Lan­za­ro­te-Kon­ven­ti­on (Straf­bar­keit der wis­sent­li­chen Teil­nah­me bzw. des wis­sent­li­chen Besuchs por­no­gra­phi­scher Dar­bie­tun­gen, an denen Kin­der – nach den Defi­ni­tio­nen in Arti­kel 2 Buch­sta­be a der Richt­li­nie 2011/​93/​EU und in Arti­kel 3 Buch­sta­be a des Über­ein­kom­mens Per­so­nen unter 18 Jah­ren – betei­ligt sind/​mitwirken). Auch ent­spricht § 176 Absatz 4 Num­mer 3 StGB („… durch Schrif­ten“) nicht voll­stän­dig den Anfor­de­run­gen von Arti­kel 6 Absatz 1 der Richt­li­nie 2011/​93/​EU und Arti­kel 23 Lan­za­ro­te-Kon­ven­ti­on („… mit­tels Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie“).

Ob und gege­be­nen­falls inwie­weit aus Arti­kel 36 der Istan­bul-Kon­ven­ti­on gesetz­ge­be­ri­scher Hand­lungs­be­darf im Hin­blick auf die Straf­bar­keit nicht ein­ver­nehm­li­cher sexu­el­ler Hand­lun­gen folgt, ist noch Gegen­stand der Prü­fung.

Über die Umset­zung die­ser inter­na­tio­na­len Vor­ga­ben hin­aus sehen die Koali­ti­ons­frak­tio­nen wei­te­ren gesetz­ge­be­ri­schen Hand­lungs­be­darf:

So sol­len die Ver­fol­gung von im Aus­land ver­üb­ten Geni­tal­ver­stüm­me­lun­gen wei­ter erleich­tert und die ver­jäh­rungs­recht­li­che Ruhens­vor­schrift des § 78b Absatz 1 Num­mer 1 StGB erneut erwei­tert wer­den.

Auch erschei­nen die Vor­schrif­ten der § 174 Absatz 1 und § 182 Absatz 3 StGB zu eng, um alle straf­wür­di­gen Sach­ver­hal­te zu erfas­sen. § 174 Absatz 1 StGB berück­sich­tigt der-zeit nicht aus­rei­chend das struk­tu­rel­le Ungleich­ge­wicht, das zwi­schen Erwach­se­nen und Jugend­li­chen in Insti­tu­tio­nen, die der Erzie­hung, Aus­bil­dung und Betreu­ung in der Lebens­füh­rung von Jugend­li­chen die­nen, sowie in abstam­mungs­ähn­li­chen sozia­len Ver­hält­nis­sen besteht.

Zudem ver­lan­gen Arti­kel 5 Absatz 3 und 6 sowie Arti­kel 7 Absatz 2 der Richt­li­nie 2011/​93/​EU und Arti­kel 20 Absatz 1 Buch­sta­be a und f sowie Arti­kel 24 Absatz 2 und 3 der Lan­za­ro­te-Kon­ven­ti­on, dass die Her­stel­lung von sowie der wis­sent­li­che bzw. bewuss­te Zugriff mit­tels Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie auf Kin­der­por­no­gra­phie (zu Letz­te­rem erlaubt Arti­kel 20 Absatz 4 der Lan­za­ro­te Kon­ven­ti­on aller­dings einen Vor­be­halt) und der Ver­such der Ver­brei­tung, Wei­ter­ga­be und Her­stel­lung von Kin­der­por­no­gra­phie straf­bar sind. Die­ser Ver­pflich­tung kommt die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zwar mit den §§ 184b und 184c StGB sowie ergän­zend im Hin­blick auf die Her­stel­lung mit den §§ 174, 176 ff., 180 Absatz 2 und 3, § 182 StGB in aus­rei­chen­dem Umfang nach; aus­drück­li­che und klar­stel­len­de Rege­lun­gen sind gleich­wohl sinn­voll.

In die­sem Zusam­men­hang wird auch vor­ge­schla­gen, spe­zi­el­le Rege­lun­gen für das Zugäng­lich­ma­chen straf­ba­rer Inhal­te für eine ande­re Per­son oder die Öffent­lich­keit sowie den Abruf kin­der- und jugend­por­no­gra­phi­scher Inhal­te mit­tels Rund­funk und Tele­me­di­en zu schaf­fen. Die bis­he­ri­gen Rege­lun­gen sind auf den Fall der „Schrift“ zuge­schnit­ten, bei der Inhalt und Trä­ger­me­di­um grund­sätz­lich mit­ein­an­der ver­bun­den sind und die gegen­ständ­lich zugäng­lich gemacht wird.

Zudem sol­len die genann­ten Vor­schrif­ten vor­sich­tig neu geord­net und redak­tio­nell über­ar­bei­tet wer­den.

Als ver­bes­se­rungs­wür­dig erscheint auch der Schutz des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts (Schutz am eige­nen Bild) gegen Her­stel­lung, Wei­ter­ga­be und Ver­brei­tung bloß­stel­len­der Bild­auf­nah­men sowie von Bild­auf­nah­men unbe­klei­de­ter Per­so­nen, nament­lich Kin­dern, bei denen sol­che Bild­auf­nah­men auch zu sexu­el­len Zwe­cken her­ge­stellt oder ver­brei­tet wer­den.

Im Ein­zel­nen sieht der vor­lie­gen­de Geset­zes­ent­wurf fol­gen­de Ände­run­gen vor:

  • Erwei­te­rung des Kata­logs des § 5 StGB, so dass unab­hän­gig vom Recht des Tat­orts deut­sches Straf­recht für alle im Aus­land von einem Deut­schen began­ge­nen Straf­ta­ten nach § 174 Absatz 1, 2 und 4 StGB‑E, §§ 176 bis 179, 182, 218 Absatz 2 Satz 2 Num­mer 1, § 226 Absatz 1 Num­mer 1 in Ver­bin­dung mit Absatz 2 bei Ver­lust der Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit, §§ 226a und 237 StGB gilt und zusätz­lich bei § 226a StGB auch dann, wenn das Opfer sei­nen Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland hat;
  • Anhe­bung der Alters­gren­ze in der ver­jäh­rungs­recht­li­chen Ruhens­re­ge­lung des § 78b Absatz 1 Num­mer 1 StGB auf das 30. Lebens­jahr des Opfers und Auf­nah­me der Straf­ta­ten nach § 180 Absatz 3, §§ 182 und 237 StGB in die­se Vor­schrift;
  • Erwei­te­rung von § 174 Absatz 1 und § 182 Absatz 3 StGB;
  • Erwei­te­rung von § 176 Absatz 4 Num­mer 3 StGB um die Bege­hung mit­tels Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie;
    – Ein­füh­rung der Straf­bar­keit des Ver­suchs sowie vor­sich­ti­ge Neu­ord­nung und redak­ti-onel­le Berei­ni­gung der §§ 130, 131, 184 bis 184c StGB;
  • Erwei­te­rung des Anwen­dungs­be­reichs der §§ 184b und 184c StGB auf Schrif­ten, die die Wie­der­ga­be von ganz oder teil­wei­se unbe­klei­de­ten Kin­dern und Jugend­li­chen in unna­tür­lich geschlechts­be­ton­ter Kör­per­hal­tung zum Gegen­stand haben;
  • Ein­füh­rung einer aus­drück­li­chen Rege­lung zur Straf­bar­keit des Her­stel­lens kin­der- und jugend­por­no­gra­phi­scher Schrif­ten, denen ein tat­säch­li­ches Gesche­hen zugrun­de liegt (§ 184b Absatz 1 Num­mer 3 und § 184c Absatz 1 Num­mer 3 StGB‑E);
  • Ein­füh­rung aus­drück­li­cher Rege­lun­gen, wonach nach den §§ 184 bis 184c StGB be-straft wird, wer por­no­gra­phi­sche Inhal­te mit­tels Rund­funk oder Tele­me­di­en einer Per­son oder der Öffent­lich­keit zugäng­lich macht (§ 184d Absatz 1 Satz 1 StGB‑E), und wonach nach § 184b Absatz 4, § 184c Absatz 4 StGB bestraft wird, wer kin­der- bzw. jugend­por­no­gra­phi­sche Inhal­te mit­tels Rund­funk oder Tele­me­di­en abruft (§ 184d Absatz 2 StGB‑E) sowie ent­spre­chen­de Über­tra­gung die­ser Vor­schrif­ten auf die §§ 130, 130a, 131, 194 StGB (jeweils soweit ein­schlä­gig);
  • Ein­füh­rung von § 184e StGB‑E, wonach sich straf­bar macht, wer kin­der- und jugend­por­no­gra­phi­sche (Live-)Darbietungen ver­an­stal­tet oder besucht;
  • Erwei­te­rung von § 201a StGB, so dass dem Anwen­dungs­be­reich auch Bild­auf­nah­men, die Per­so­nen in einer Wei­se zei­gen, die geeig­net ist, deren Anse­hen erheb­lich zu scha­den, oder Bild­auf­nah­men von einer unbe­klei­de­ten Per­son unter­fal­len, unab­hän­gig davon, ob die abge­bil­de­te Per­son sich in einer Woh­nung oder in einem gegen Ein­blick beson­ders geschütz­ten Raum befin­det; wer Bild­auf­nah­men, die dem Anwen­dungs­be­reich von § 201a StGB unter­fal­len, ver­brei­tet oder der Öffent­lich­keit zugäng­lich macht, soll künf­tig mit höhe­rer Stra­fe bedroht wer­den als bis­her.
  1. Richt­li­nie 2011/​93/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13. Dezem­ber 2011 zur Bekämp­fung des sexu­el­len Miss­brauchs und der sexu­el­len Aus­beu­tung von Kin­dern sowie der Kin­der­por­no­gra­phie sowie zur Erset­zung des Rah­men­be­schlus­ses 2004/​68/​JI des Rates, ABl. L 335, vom 17.12.2011, S. 1; L 18 vom 21.1.2012, S. 7[]