Nicht­fas­ten im Rama­dhan und die Volks­ver­het­zung

Im Inland leben­de Mus­li­me, wel­che die reli­giö­se Pflicht zum Fas­ten im Rama­dhan oder zur Teil­nah­me an der Zakat­zah­lung nicht befol­gen bzw. ableh­nen, sind ein „Teil der Bevöl­ke­rung” der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Sin­ne des § 130 StGB.

Nicht­fas­ten im Rama­dhan und die Volks­ver­het­zung

Bei der Anwen­dung des § 130 StGB auf reli­giö­se Bekennt­nis­schrif­ten ist das Reli­gi­ons­grund­recht (Art. 4 Abs. 1 GG) zu beach­ten.

In dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ent­schie­de­nen Fall ging es um die Straf­bar­keit des Vor­sit­zen­den eines isla­mi­schen Ver­eins, in des­sen Ver­eins­räum­lich­kei­ten ab einem unbe­stimm­ten Zeit­punkt bis zum 05.06.2008 mit Wis­sen des Ange­klag­ten Schrif­ten des Autoren Muham­mad Ibn Salih Al-Uthai­min mit dem Titel „Ein kur­zer Ein­blick über Fas­ten, Tara­wih-Gebet und Zakat“ für jeweils 2,- € zum Ver­kauf ange­bo­ten wur­den. In den Schrif­ten heißt es zum einen, jeder Mus­lim, der an Rama­dhan nicht fas­te, sei als Ungläu­bi­ger zu betrach­ten und zu töten. Die dies­be­züg­li­che Pas­sa­ge lau­tet: „Die Pflicht, im Rama­dhan zu fas­ten, wur­de von allen Mus­li­men durch die gan­ze Geschich­te hin­durch ein­stim­mig durch­ge­führt, so dass jeder Mus­lim, der die Pflicht zum Fas­ten im Rama­dhan ver­neint oder zurück­weist, als Abtrün­ni­ger und Ungläu­bi­ger betrach­tet wird, der auf­ge­for­dert wer­den muss, zu bereu­en. Wenn er das tut und dabei die Rich­tig­keit und Ver­pflich­tung, im Rama­dhan zu fas­ten, wie­der aner­kennt, dann ist alles in Ord­nung, andern­falls muss er als Ungläu­bi­ger getö­tet wer­den.“

Glei­ches ver­tritt der Autor für die Pflicht zur Zah­lung der Armen­steu­er (Zakat), bei deren Nich­t­ent­rich­tung gegen die­se dadurch als ungläu­big zu behan­deln­de Per­son die Todes­stra­fe ver­hängt wer­den müs­se. Die dies­be­züg­li­che Pas­sa­ge lau­te: „Auf der Grund­la­ge von Qur’an und Sun­nah sind sich alle Mus­li­me dar­in einig, dass jeder, der sich wei­gert, an der Zakat­zah­lung teil­zu­neh­men, den Islam genau­so ablehnt und er muss auf­ge­for­dert wer­den, zu bereu­en. Wenn er ablehnt, soll er die Todes­stra­fe erhal­ten.“

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hält hier eine straf­ba­re Volks­ver­het­zung für mög­lich:

Teil der Bevöl­ke­rung”

Aller­dings sind Mus­li­me, wel­che die reli­giö­se Pflicht zum Fas­ten im Rama­dhan oder zur Teil­nah­me an der Zakat­zah­lung nicht befol­gen bzw. ableh­nen, kei­ne „reli­giö­se (…) Grup­pe“ im Sin­ne des § 130 StGB. Gegen die reli­giö­se Grup­pe der Mus­li­me als sol­che rich­tet sich der dem Ange­klag­ten zur Last geleg­te Angriff nicht, auch nicht gegen eines der ver­schie­de­nen reli­giö­sen Bekennt­nis­se inner­halb des Islam, denen reli­giö­se (Unter-) Grup­pen wie z. B. Schii­ten, Sun­ni­ten oder Waha­bi­ten ent­spre­chen. Viel­mehr rich­tet sich der Angriff gegen die Grup­pe der­je­ni­gen Mus­li­me (gleich wel­chen Bekennt­nis­ses), wel­che die reli­giö­se Pflicht zum Fas­ten im Rama­dhan oder zur Teil­nah­me an der Zah­lung von Zakat nicht befol­gen bzw. ableh­nen. Die­se Mus­li­me bil­den eben­so­we­nig eine reli­giö­se (Unter-) Grup­pe inner­halb des Islam, wie es Nicht-Kirch­gän­ger inner­halb des Chris­ten­tums tun. Denn für ihr Ver­hal­ten fehlt es an einer gemein­sa­men reli­giö­sen Grund­la­ge; es beruht viel­mehr auf man­nig­fal­ti­gen Grün­den, zu denen gera­de auch nicht reli­giö­se wie bei­spiels­wei­se Reli­gi­ons­fer­ne oder schlich­tes Des­in­ter­es­se zäh­len.

Jedoch sind die­je­ni­gen im Inland leben­den Mus­li­me, wel­che die reli­giö­se Pflicht zum Fas­ten im Rama­dhan oder zur Teil­nah­me an Zakat­zah­lun­gen nicht befol­gen bzw. ableh­nen, ein „Teil der Bevöl­ke­rung“ der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

Teil der Bevöl­ke­rung im Sin­ne von § 130 StGB ist eine von der übri­gen Bevöl­ke­rung auf­grund gemein­sa­mer äuße­rer oder inne­rer Merk­ma­le wel­cher Art auch immer unter­scheid­ba­re Mehr­heit von im Inland leben­den Per­so­nen (gleich ob es sich um Deut­sche, Aus­län­der oder Staa­ten­lo­se han­delt), die zah­len­mä­ßig von eini­ger Erheb­lich­keit und somit indi­vi­du­ell nicht mehr unter­scheid­bar ist1. Es muss sich weder um eine „Klas­se“ im Sin­ne von § 130 StGB a. F. noch um eine natio­na­le, ras­si­sche, reli­giö­se oder durch ihr Volks­tum bestimm­te „Grup­pe“ han­deln, und Klas­sen- oder Grup­pen­iden­ti­tät, -soli­da­ri­tät, ‑schick­sal oder ‑gefühl sind nicht erfor­der­lich. Daher sind die in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land leben­den „Aus­län­der“ eben­so ein Teil der Bevöl­ke­rung wie die hier leben­den „Gast­ar­bei­ter“, „Asy­lan­ten“, „Kapi­ta­lis­ten“ oder „Arbeits­lo­se“2.

Kein Teil der Bevöl­ke­rung sind Per­so­nen­krei­se, die so groß und unüber­schau­bar sind und der­art zahl­rei­che, sich unter­schei­den­de Merk­ma­le umfas­sen, dass ihre Abgren­zung auf Grund bestimm­ter Merk­ma­le von der Gesamt­be­völ­ke­rung nicht mög­lich ist3, des­glei­chen nicht Per­so­nen­krei­se, die sich zwar in einem gemein­sa­men Merk­mal tref­fen, aber hier­durch nicht in einem Maße geprägt sind, dass sie nach außen als Ein­heit erschei­nen und hin­rei­chend sicher von der übri­gen Bevöl­ke­rung abge­grenzt wer­den kön­nen4. Die Unter­scheid­bar­keit muss in der Wei­se gege­ben sein, dass der Bevöl­ke­rungs­teil als „umran­de­tes Feind­bild“ iden­ti­fi­zier­bar ist und Drit­te in der Lage sind, zu erken­nen, ob jemand dem Per­so­nen­kreis ange­hört oder nicht, was bei rein inne­ren Merk­ma­len pro­ble­ma­tisch sein kann5. Erfor­der­lich ist eine gewis­se Dau­er­haf­tig­keit; Per­so­nen­mehr­hei­ten, die in ihrer Zusam­men­set­zung dif­fus und stän­dig Ände­run­gen unter­wor­fen sind, genü­gen nicht6. Sich ein­ma­lig oder kurz­fris­tig zusam­men­fin­den­de Per­so­nen­krei­se genü­gen nicht7.

Per­so­nen, die einer­seits Mus­li­me sind und ande­rer­seits die reli­giö­sen Pflich­ten des Fas­tens im Rama­dhan bzw. der Zah­lung von Zakat nicht befol­gen bzw. ableh­nen, stel­len durch­aus ein „umran­de­tes Feind­bild“ dar. Bei die­ser Per­so­nen­mehr­heit tref­fen bestimm­te und bestimm­ba­re objek­ti­ve und sub­jek­ti­ve Merk­ma­le zusam­men, näm­lich die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, die Nicht­er­fül­lung der Fas­ten- bzw. Zakat­pflicht und die inne­re Ableh­nung die­ser Pflicht. Eine Abgren­zung die­ser Per­so­nen­mehr­heit von der Gesamt­be­völ­ke­rung ist mög­lich, und sie bil­det von außen eine fass­ba­re Ein­heit – ver­gleich­bar (der Mehr­heit der) Chris­ten, die nicht zur Kir­che gehen. Es han­delt sich auch nicht um eine stän­dig Ände­run­gen unter­wor­fe­ne, ledig­lich kurz­fris­tig bestehen­de Per­so­nen­mehr­heit. Viel­mehr ent­spricht es der Lebens­er­fah­rung, dass die Erfül­lung oder Nicht­er­fül­lung reli­giö­ser Pflich­ten in aller Regel habi­tu­ell ist und auf reli­giö­ser Sozia­li­sa­ti­on oder Nicht­so­zia­li­sa­ti­on beruht, mag es auch Bekeh­rungs­er­leb­nis­se in die eine oder ande­re Rich­tung geben.

Reli­gi­ons­grund­recht

Aller­dings ist bei der Anwen­dung des § 130 StGB auf die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che reli­giö­se Bekennt­nis­schrift das Reli­gi­ons­grund­recht (Art. 4 Absie­he 1 GG) zu beach­ten:

Nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts befasst sich die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Schrift mit den reli­giö­sen Pflich­ten von Mus­li­men, wäh­rend des Rama­dhan zu fas­ten und Armen­steu­er (Zakat) zu zah­len, sowie mit den Sank­tio­nen bei Pflicht­ver­let­zun­gen. Der­ar­ti­ge Schrif­ten fal­len in den Schutz­be­reich der reli­giö­sen Bekennt­nis­frei­heit nach Art. 4 Absie­he 1 GG8. Die­ser Schutz umfasst die gesam­te Schrift, auch die Pas­sa­gen, in denen nach Auf­fas­sung von Staats­an­walt­schaft und Amts­ge­richt zur Tötung auf­ge­ru­fen wird. Die Todes­stra­fe für Reli­gi­ons­ver­bre­chen war und ist Reli­gio­nen kei­nes­wegs fremd und war es auch nicht dem Juden- und Chris­ten­tum9. Eben­so wie die Mei­nungs­frei­heit vor­be­halt­lich ihrer Schran­ken auch extre­mis­ti­sche Mei­nun­gen schützt10, schützt das Reli­gi­ons­grund­recht vor­be­halt­lich sei­ner Schran­ken auch fun­da­men­ta­lis­ti­sche oder extre­mis­ti­sche reli­giö­se Bekennt­nis­se.

Hier­aus folgt, dass für die Aus­le­gung und Anwen­dung des § 130 StGB im vor­lie­gen­den Fall die­je­ni­gen Grund­sät­ze zu beach­ten sind, wel­che das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zum Ein­fluss der Mei­nungs­frei­heit nach Art. 5 Absie­he 1 GG auf die Straf­bar­keit wegen Volks­ver­het­zung ent­wi­ckelt hat. Die Bekennt­nis­frei­heit nach Art. 4 Absie­he 1 GG ist für den reli­giö­sen Bereich lex spe­cia­lis zu Art. 5 Absie­he 1 GG und folgt den zur Mei­nungs­frei­heit ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen11. Im Hin­blick auf § 130 StGB hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die­se Grund­sät­ze in sei­nem Beschluss vom 24. Sep­tem­ber 200912 wie folgt zusam­men­ge­fasst: Bei § 130 StGB han­delt es sich um ein all­ge­mei­nes Gesetz i.S. des Art. 5 Absie­he 2 GG, das dem Schutz der Mensch­lich­keit dient und sei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Rück­halt letzt­lich in Art. 1 Absie­he 1 GG fin­det13. Die Fach­ge­rich­te haben bei der Aus­le­gung und Anwen­dung von § 130 StGB ins­be­son­de­re die aus Art. 5 Absie­he 1 Satz 1 GG abzu­lei­ten­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen zu beach­ten, damit die wert­set­zen­de Bedeu­tung des Grund­rechts auf der Norman­wen­dungs­ebe­ne zur Gel­tung kommt14.

Vor­aus­set­zung jeder recht­li­chen Wür­di­gung von Äuße­run­gen ist, dass ihr Sinn zutref­fend erfasst wor­den ist15. Ziel der Deu­tung ist die Ermitt­lung des objek­ti­ven Sinns einer Äuße­rung. Maß­geb­lich ist daher weder die sub­jek­ti­ve Absicht des sich Äußern­den noch das sub­jek­ti­ve Ver­ständ­nis der von der Äuße­rung Betrof­fe­nen, son­dern der Sinn, den sie nach dem Ver­ständ­nis eines unvor­ein­ge­nom­me­nen und ver­stän­di­gen Publi­kums objek­tiv hat16. Dabei ist stets vom Wort­laut der Äuße­rung aus­zu­ge­hen. Die­ser legt ihren Sinn aber nicht abschlie­ßend fest. Der objek­ti­ve Sinn wird viel­mehr auch vom Kon­text und den Begleit­um­stän­den der Äuße­rung bestimmt, soweit die­se für den Rezi­pi­en­ten erkenn­bar sind16.

Ist eine Äuße­rung mehr­deu­tig, so haben die Gerich­te, wol­len sie die zur Anwen­dung sank­tio­nie­ren­der Nor­men füh­ren­de Deu­tung ihrer recht­li­chen Wür­di­gung zu Grun­de legen, ande­re Aus­le­gungs­va­ri­an­ten mit nach­voll­zieh­ba­ren und trag­fä­hi­gen Grün­den aus­zu­schlie­ßen17. Grün­de die­ser Art kön­nen sich auch aus den Umstän­den erge­ben, unter denen die Äuße­rung gefal­len ist18. (…)

Die Wah­rung der wert­set­zen­den Bedeu­tung der Mei­nungs­frei­heit erfor­dert im Rah­men der aus­le­gungs­fä­hi­gen Tat­be­stands­merk­ma­le des ein­fa­chen Rechts zudem regel­mä­ßig eine fall­be­zo­ge­ne Abwä­gung zwi­schen der Bedeu­tung der Mei­nungs­frei­heit und dem Rang des durch die Mei­nungs­frei­heit beein­träch­tig­ten Rechts­gut­sie­he Das Ergeb­nis die­ser Abwä­gung ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht vor­ge­ge­ben, son­dern hängt von den Umstän­den des Ein­zel­falls ab19.“

Ergän­zend heißt es im Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Febru­ar 201020: „Auf eine im Zusam­men­spiel der offe­nen Aus­sa­gen ver­deckt ent­hal­te­ne zusätz­li­che Aus­sa­ge darf die Ver­ur­tei­lung zu einer Sank­ti­on (…) daher nur gestützt wer­den, wenn sich die ver­deck­te Aus­sa­ge dem ange­spro­che­nen Publi­kum als unab­weis­ba­re Schluss­fol­ge­rung auf­drängt21. Hier­für müs­sen die Gerich­te die Umstän­de benen­nen, aus denen sich ein sol­ches am Wort­laut der Äuße­rung nicht erkenn­ba­res abwei­chen­des Ver­ständ­nis ergibt. Fehlt es dar­an, so liegt ein Ver­stoß gegen Art. 5 Absie­he 1 Satz 1 GG vor22.“

Die­se Grund­sät­ze bin­den die Straf- als Fach­ge­rich­te und sind auch in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu § 130 StGB aner­kannt23.

Bei der hier­nach erfor­der­li­chen Deu­tung der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Schrift ver­bie­tet sich eine iso­lier­te Betrach­tung ein­zel­ner Äuße­rungs­tei­le, da sie den Anfor­de­run­gen an eine zuver­läs­si­ge Sinn­ermitt­lung regel­mä­ßig nicht gerecht wür­de24. Daher muss die Schrift in ihrer Gesamt­heit zum Gegen­stand der neu­en Haupt­ver­hand­lung, Beweis­auf­nah­me und Urteils­fin­dung gemacht wer­den. Wei­ter­hin muss der reli­giö­se und isla­misch-recht­li­che Kon­text, in dem die bean­stan­de­ten Pas­sa­gen ste­hen, sach­ver­stän­dig bera­ten ermit­telt und gewür­digt wer­den. Schließ­lich ist von Bedeu­tung, ob sich die Äuße­run­gen an einen vor­ein­ge­nom­me­nen Adres­sa­ten­kreis rich­ten und wie sie der durch­schnitt­li­che Adres­sat auf­fas­sen wird25. Daher liegt es für die neue Haupt­ver­hand­lung nahe, sach­ver­stän­di­ges Zeug­nis eines mit den betref­fen­den Krei­sen befass­ten Kri­mi­nal­po­li­zei­be­am­ten über den Adres­sa­ten­kreis und des­sen Auf­fas­sun­gen ein­zu­ho­len.

Auf die­ser Grund­la­ge wird zu wür­di­gen sein, ob die Aus­sa­ge, die reli­giö­sen Pflich­ten des Fas­tens im Rama­dhan und der Zah­lung von Zakat gehör­ten zu den fünf Grund­pflich­ten des Islam, wer gegen sie ver­sto­ße, müs­se auf­ge­for­dert wer­den zu bereu­en, und wer das nicht tue, fal­le vom Glau­ben ab und müs­se getö­tet wer­den bzw. die Todes­stra­fe erlei­den, als Auf­for­de­rung zu deu­ten ist, im Inland leben­de Mus­li­me unter Miss­ach­tung der deut­schen Rechts­ord­nung zu töten oder ob ande­re Deu­tungs­va­ri­an­ten mög­lich erschei­nen, ohne mit nach­voll­zieh­ba­ren und trag­fä­hi­gen Argu­men­ten aus­ge­schlos­sen wer­den zu kön­nen.

Auf der Grund­la­ge einer den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen­den Deu­tung der bean­stan­de­ten Pas­sa­gen ist schließ­lich in eine fall­be­zo­ge­ne Abwä­gung zwi­schen der Bedeu­tung der reli­giö­sen Bekennt­nis­frei­heit einer­seits und dem Rang des durch ihre Wahr­neh­mung im Ein­zel­fall beein­träch­tig­ten Rechts­guts erfor­der­lich26.

Soll­te sich bestä­ti­gen, dass die Pas­sa­gen als Auf­for­de­rung zu deu­ten sind, im Inland zu töten, so wür­de die Abwä­gung zuguns­ten der durch § 130 Absie­he 2 StGB geschütz­ten Mensch­lich­keit aus­fal­len. Auch wenn die reli­giö­se Bekennt­nis­frei­heit in Art. 4 Absie­he 1 GG vor­be­halt­los gewähr­leis­tet ist, deckt das Grund­ge­setz nicht die Volks­ver­het­zung unter ihrem Deck­man­tel. Viel­mehr gibt es ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schran­ken des Art. 4 Absie­he 1 GG27, die u. a. durch Straf­ge­set­ze und nament­lich § 130 StGB kon­kre­ti­siert wer­den28. Ein­fach-recht­lich gese­hen läge eine Auf­for­de­rung zu Gewalt- und Will­kür­maß­nah­men vor.

Soll­ten die bean­stan­de­ten Pas­sa­gen hin­ge­gen als blo­ße Dar­stel­lung angeb­li­chen reli­giö­sen isla­mi­schen Rechts in des­sen Gel­tungs­be­reich zu deu­ten sein, so wür­de zwar eine archai­sche und unmensch­li­che Rechts­la­ge her­aus­ge­stellt und befür­wor­tet, die mit heu­ti­gem deut­schen Recht und wohl auch mit uni­ver­sel­lem Völ­ker­recht unver­ein­bar wäre. Das lie­ße aber den Schutz des Art. 4 Absie­he 1 GG noch nicht ent­fal­len, der, wie dar­ge­legt, auch fun­da­men­ta­lis­ti­sche oder extre­mis­ti­sche reli­giö­se Bekennt­nis­se und Bekennt­nis­schrif­ten erfasst, und wür­de die Schwel­le zur Straf­bar­keit noch nicht über­schrei­ten, weil noch kei­ne Auf­for­de­rung zu Gewalt- und Will­kür­maß­nah­men gegen Tei­le der Bevöl­ke­rung im Inland und auch noch kein Auf­sta­cheln zum Hass oder Angriff gegen die Men­schen­wür­de vor­lä­ge.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 19. Mai 2011 – 1 Ss 175/​11

  1. sie­he aus neue­rer Zeit BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/​07 = NStZ-RR 2009, 13; OLG Stutt­gart, Urteil vom 19.05.2009 – 2 Ss 1014/​09 = NStZ 2010, 453 [454]; Fischer, StGB, 58. Aufl. 2011, § 130 Rdn. 4; Lenck­ner/­Stern­berg-Lie­ben, in: Schönke/​Schröder, StGB, 28. Aufl. 2010, § 130 Rdn. 3
  2. sie­he nur die zahl­rei­chen Bei­spie­le bei Lenck­ner/­Stern­berg-Lie­ben aaO. Rdn. 4 mit weit. Nachw.
  3. BGH, Urteil vom 03.04.2008 aaO. für „Rote“ oder „Lin­ke“
  4. BGH aaO. für „Anti­fa-Brut“
  5. KG, Urteil vom 26.11.1997 – [5] 1 Ss 145/​94 [30/​94] = JR 1998, 213 [214] für „Asyl­be­trü­ger“
  6. in die­se Rich­tung OLG Braun­schweig, Beschluss vom 06.03.2007 – Ss 2/​07 = Stra­Fo 2007, 212 [213] für Fans eines Fuß­ball­ver­eins
  7. s. bereits RG, Urteil vom 30.01.1902 – Rep 4963/​01 = RGSt 35, 96 für strei­ken­de Arbei­ter
  8. sie­he nur Her­zog, in: Maunz/​Dürig, GG, 27. Ergän­zungs­lie­fe­rung 1988, Art. 4 Rdn. 81 f.
  9. sie­he nur 3. Mose 20, 13; hier­auf beru­hend Art. 116 Con­sti­tu­tio Cri­mi­na­lis Caro­li­na 1532
  10. BVerfG, Beschluss vom 04.02.2010 – 1 BvR 369/​04 u. a., NJW 2010, 2193 [2194]
  11. sie­he nur Her­zog aaO. Rdn. 83
  12. BVerfG, Beschluss vom 24.09.2009 – 2 BvR 2179/​09, NJW 2009, 3503, 3504
  13. vgl. BVerfGE 90, 241 [251] = NJW 1994, 1779
  14. vgl. BVerfGE 93, 266 [292] = NJW 1995, 3303; BVerfGE 94, 1 [8] = NJW 1996, 1529; BVerfG, NJW 2001, 61 [62]
  15. vgl. BVerfGE 94, 1 [9] = NJW 1996, 1529
  16. vgl. BVerfGE 93, 266 [295] = NJW 1995, 3303
  17. vgl. BVerfGE 82, 43 [52] = NJW 1990, 1980; BVerfGE 85, 1 [13f.] = NJW 1992, 1439; BVerfGE 93, 266 [295f.] = NJW 1995, 3303; BVerfGE 94, 1 [9] = NJW 1996, 1529; BVerfGE 114, 339 [349] = NJW 2006, 207; st. Rspr.
  18. vgl. BVerfGE 82, 43 [52] = NJW 1990, 1980
  19. vgl. BVerfG, NJW 2009, 3016
  20. BVerfG, aaO.
  21. vgl. BVerfG NJW 2008, 1654
  22. vgl. BVerfGE 93, 266 [302 f.]
  23. sie­he nur BGH, Urteil vom 15.12.2005 – 4 StR 283/​05, NStZ-RR 2006, 305 [f.]
  24. BVerfG, Beschluss vom 10.10.2005 – 1 BvR 1476/​91 u. a., BVerfGE 93, 266 [295]
  25. BGH, Urteil vom 15.12.2005 aaO.
  26. vgl. BVerfG, Beschluss vom 24.09.2009 aaO.
  27. sie­he nur Her­zog aaO. Rdn. 89 ff.
  28. vgl. auch Art. 140 GG i. V. m. Art. 136 Absie­he 1 WRV