Nied­ri­ge Beweg­grün­de als Mord­merk­mal

Beweg­grün­de sind nied­rig im Sin­ne von § 211 Abs. 2 StGB, wenn sie nach all­ge­mei­ner sitt­li­cher Wer­tung auf tiefs­ter Stu­fe ste­hen und daher beson­ders, d.h. in deut­lich weit­rei­chen­de­rem Maße als bei einem Tot­schlag, ver­ach­tens­wert sind.

Nied­ri­ge Beweg­grün­de als Mord­merk­mal

Die Beur­tei­lung erfor­dert eine Gesamt­wür­di­gung aller äuße­ren und inne­ren, für die Hand­lungs­an­trie­be des Täters maß­geb­li­chen Fak­to­ren.

Gefühls­re­gun­gen wie Zorn, Wut, Ent­täu­schung oder Ver­är­ge­rung kön­nen nied­ri­ge Beweg­grün­de sein, wenn sie ihrer­seits auf nied­ri­gen Beweg­grün­den beru­hen, also nicht mensch­lich ver­ständ­lich, son­dern Aus­druck einer nied­ri­gen Gesin­nung des Täters sind.

Ent­behrt hin­ge­gen das Motiv unge­ach­tet der Ver­werf­lich­keit, die jeder vor­sätz­li­chen und rechts­wid­ri­gen Tötung inne­wohnt, nicht jeg­li­chen nach­voll­zieh­ba­ren Grun­des, so ist es nicht als "nied­rig" zu qua­li­fi­zie­ren 1.

Auch die Tötung des Intim­part­ners, der sich vom Täter abwen­den will oder abge­wen­det hat, muss nicht zwangs­läu­fig als durch nied­ri­ge Beweg­grün­de moti­viert bewer­tet wer­den 2. Gera­de der Umstand, dass eine Tren­nung vom Tat­op­fer aus­ge­gan­gen ist, darf als gegen die Nied­rig­keit des Beweg­grun­des spre­chen­der Umstand beur­teilt wer­den 1.

Der Fest­stel­lung, der Täter habe dem Opfer das Lebens­recht abge­spro­chen, es ver­nich­ten wol­len und sich damit zur Selbst­jus­tiz auf­ge­schwun­gen, kommt für sich allein kein über § 212 StGB hin­aus­ge­hen­des Gewicht zu. Hier­durch wird ledig­lich die Eigen­mäch­tig­keit der vor­sätz­li­chen Tötung umschrie­ben, nicht aber, wie es für das Mord­merk­mal "aus nied­ri­gen Beweg­grün­den" erfor­der­lich wäre, ein beson­de­rer Tötungs­be­weg­grund 3. Der rechts­wid­ri­gen Tat nach § 212 StGB wohnt an sich schon ein uner­träg­li­ches Miss­ver­hält­nis inne; daher wäre es, auch im Hin­blick auf Art. 103 Abs. 2 GG und die abso­lu­te Rechts­fol­ge des § 211 StGB ver­fehlt, jede vor­sätz­li­che Tötung, für wel­che sich kein nach­voll­zieh­ba­rer oder nahe­lie­gen­der Grund fin­den lässt, als Mord aus nied­ri­gen Beweg­grün­den anzu­se­hen 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Okto­ber 2018 – 1 StR 422/​18

  1. BGH, Urteil vom 21.02.2018 – 1 StR 351/​17, NStZ-RR 2018, 177 Rn. 10 mwN[][]
  2. sie­he nur BGH, Urteil vom 25.07.2006 – 5 StR 97/​06, NStZ-RR 2006, 340, 342[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 30.08.2018 – 5 StR 411/​18 4 mwN; und vom 03.04.2008 – 5 StR 525/​07, StV 2009, 524 Rn. 27[]
  4. BGH, Urteil vom 09.11.2005 – 1 StR 234/​05, NStZ 2006, 166 Rn.20[]