Nöti­gung zur Her­aus­ga­be von Betäu­bungs­mit­teln

Der 4. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs wider­spricht der beab­sich­tig­ten Recht­spre­chungs­än­de­rung des 2. Straf­se­nats, wonach sich die Nöti­gung zur Her­aus­ga­be von Betäu­bungs­mit­teln nicht gegen das Ver­mö­gen des Genö­tig­ten rich­te und daher nicht den Tat­be­stand der Erpres­sung erfül­le 1.

Nöti­gung zur Her­aus­ga­be von Betäu­bungs­mit­teln

Der beab­sich­tig­ten Ent­schei­dung des 2. Straf­se­nats steht Recht­spre­chung des 4. Straf­se­nats ent­ge­gen. Der 4. Straf­se­nat hat in zahl­rei­chen nicht begrün­de­ten Beschlüs­sen nach § 349 Abs. 2 StPO vor­aus­ge­setzt, dass Betäu­bungs­mit­tel – auch wenn die­se in straf­ba­rer Wei­se beses­sen wer­den – zu dem nach §§ 253 ff. StGB geschütz­ten Ver­mö­gen gehö­ren, so zuletzt mit Beschluss vom 27.09.2016 im Ver­fah­ren 4 StR 392/​16. Auch dem Urteil vom 27.05.2008 2 liegt die­se Rechts­auf­fas­sung zugrun­de. Weil der Ange­klag­te in dem dort zu ent­schei­den­den Fall vom Tat­op­fer aber ein Kilo­gramm Koka­in oder – alter­na­tiv – den ent­spre­chen­den Gegen­wert in Geld gefor­dert hat­te, kam es für die Annah­me einer ver­such­ten räu­be­ri­schen Erpres­sung auf die vom anfra­gen­den 2. Straf­se­nat auf­ge­wor­fe­ne Rechts­fra­ge nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich an.

Der 4. Straf­se­nat hält – nach Bera­tung im Ple­num – an die­ser Recht­spre­chung fest. Er kann der beab­sich­tig­ten Ent­schei­dung des 2. Straf­se­nats schon mit Blick auf die weit gefass­te Vor­le­gungs­fra­ge nicht zustim­men. Von ihr wer­den jeg­li­che Betäu­bungs­mit­tel und jeg­li­che Form des Besit­zes an Betäu­bungs­mit­teln erfasst, also auch sol­che, die nach Maß­ga­be von § 1 Abs. 1 BtMG i.V.m. den Anla­gen – I bis – III zum BtMG ver­kehrs­fä­hig bzw. ver­schrei­bungs­fä­hig sind.

Auch in den Fäl­len des nicht erlaub­nis­pflich­ti­gen bezie­hungs­wei­se erlaub­ten Betäu­bungs­mit­tel­be­sit­zes (§§ 3, 4 BtMG) besteht kein sach­li­cher Grund, den Anwen­dungs­be­reich der Ver­mö­gens­de­lik­te ein­zu­schrän­ken.

Soweit sich die Anfra­ge auf ille­gal beses­se­ne Betäu­bungs­mit­tel bezieht, kann sich der 4. Straf­se­nat der Rechts­an­sicht des 2. Straf­se­nats nicht anschlie­ßen. Eine Ver­sa­gung des Ver­mö­gens­schut­zes ist auch in die­sen Fäl­len nicht ange­zeigt.

Der 4. Straf­se­nat hat sich zu die­ser Fra­ge in sei­nem Urteil vom 25.11.1951 3 der Recht­spre­chung des Reichs­ge­richts ange­schlos­sen, die seit der Ent­schei­dung vom 14.12 1910 4 vom wirt­schaft­li­chen Ver­mö­gens­be­griff aus­geht. Danach sind auch in straf­ba­rer Wei­se beses­se­ne Gegen­stän­de dem Ver­mö­gen zuzu­ord­nen. Maß­geb­lich ist allein, ob dem Besitz ein eigen­stän­di­ger wirt­schaft­li­cher Wert zukommt, was regel­mä­ßig zu beja­hen ist, wenn mit dem Besitz wirt­schaft­lich mess­ba­re Gebrauchs­vor­tei­le ver­bun­den sind, die der Täter nut­zen will 5. Dies ist bei ille­ga­len Betäu­bungs­mit­teln der Fall.

Die Anfra­ge gibt kei­nen Anlass, den in der Pra­xis bewähr­ten und ins­be­son­de­re aus kri­mi­nal­po­li­ti­schen Gesichts­punk­ten sach­ge­rech­ten wirt­schaft­li­chen Ver­mö­gens­be­griff – mit erheb­li­chen Wei­te­run­gen auch für zahl­rei­che ande­re Fall­kon­stel­la­tio­nen – gene­rell auf­zu­ge­ben. Auch eine aus­nahms­wei­se Ein­schrän­kung des Ver­mö­gens­schut­zes nur für den ille­ga­len Betäu­bungs­mit­tel­be­sitz kommt aus Sicht des 4. Straf­se­nats nicht in Betracht. Viel­mehr ist auf der Grund­la­ge des wirt­schaft­li­chen Ver­mö­gens­be­griffs auch in die­sen Fall­kon­stel­la­tio­nen an der straf­recht­li­chen Sank­tio­nie­rung fest­zu­hal­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Novem­ber 2016 – 4 ARs 17/​16

  1. BGH, Beschluss vom 01.06.2016 – 2 StR 335/​15[]
  2. 4 StR 150/​08, NStZ 2008, 569 f.[]
  3. BGH, Urteil vom 25.11.1951 – 4 StR 574/​51, BGHSt 2, 364, 365 ff.[]
  4. RG, Urteil vom 14.12 1910 – II 1214/​10, RGSt 44, 230[]
  5. zuletzt BGH, Urteil vom 27.01.2011 – 4 StR 502/​10, NStZ 2011, 699, 701 mwN[]