Not­wehr statt Flucht

Das Not­wehr­recht ent­fällt im All­ge­mei­nen nicht wegen der Mög­lich­keit einer Flucht vor dem Angrei­fer.

Not­wehr statt Flucht

Wird eine Per­son rechts­wid­rig ange­grif­fen, ist sie grund­sätz­lich berech­tigt, das Abwehr­mit­tel zu wäh­len, wel­ches eine end­gül­ti­ge Besei­ti­gung der Gefahr gewähr­leis­tet. Der Ange­grif­fe­ne muss sich nicht mit der Anwen­dung weni­ger gefähr­li­cher Ver­tei­di­gungs­mit­tel begnü­gen, wenn deren Abwehr­wir­kung zwei­fel­haft ist; auf Risi­ken braucht er sich nicht ein­zu­las­sen 1.

Nur wenn meh­re­re wirk­sa­me Mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen, hat der Ver­tei­di­gen­de das­je­ni­ge Mit­tel zu wäh­len, das für den Angrei­fer am wenigs­ten gefähr­lich ist. Wann eine weni­ger gefähr­li­che Abwehr­hand­lung geeig­net ist, die Gefahr zwei­fels­frei und sofort end­gül­tig zu besei­ti­gen, hängt von den Umstän­den des Ein­zel­falls ab 2.

Unter meh­re­ren Ver­tei­di­gungs­mög­lich­kei­ten ist der Ange­grif­fe­ne zudem nur dann auf eine für den Angrei­fer weni­ger gefähr­li­che Alter­na­ti­ve zu ver­wei­sen, wenn ihm genü­gend Zeit zur Wahl des Mit­tels sowie zur Abschät­zung der Lage zur Ver­fü­gung steht 3.

In der Regel ist der Ange­grif­fe­ne bei einem lebens­ge­fähr­li­chen Waf­fen­ein­satz gegen einen unbe­waff­ne­ten Angrei­fer gehal­ten, den Gebrauch der Waf­fe zunächst anzu­dro­hen oder einen weni­ger gefähr­li­chen als den lebens­be­dro­hen­den Ein­satz zu ver­su­chen 4. Dem hat der Ange­klag­te nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts jedoch Rech­nung getra­gen.

Nach dem Rechts­be­wäh­rungs­prin­zip des Not­wehr­rechts ent­fällt die­ses Recht im All­ge­mei­nen auch nicht wegen der Mög­lich­keit einer Flucht vor dem Angrei­fer 5.

Im hier ent­schie­de­nen Fall stan­den dem Ange­klag­ten dar­über hin­aus nach den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen gleich geeig­ne­te mil­de­re Mit­tel nicht zur Ver­fü­gung.

Auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten vor dem Ein­grei­fen des Mes­sers beim Zurück­wei­chen in das Schlaf­zim­mer und vor sei­nem Ent­schluss zu des­sen Ein­satz kommt es nicht an 6.

Die Annah­me des Land­ge­richts, der Ange­klag­te hät­te dem Neben­klä­ger anbie­ten kön­nen, Koka­in für ihn zu besor­gen, um ihn zu beru­hi­gen, geht dar­an vor­bei, dass der Ange­klag­te den Grund für die Erre­gung des Neben­klä­gers in der kon­kre­ten Situa­ti­on nicht kann­te und von des­sen Angriff über­rascht war.

Der Hin­weis der Straf­kam­mer dar­auf, dass der Ange­klag­te den Neben­klä­ger hät­te fest­hal­ten oder weg­sto­ßen kön­nen, begrün­det eben­falls nicht, dass der Mes­ser­ein­satz kei­ne erfor­der­li­che Ver­tei­di­gungs­hand­lung war. Für die Annah­me, dass es dem Ange­klag­ten mög­lich gewe­sen sei, den Angriff mit kör­per­li­cher Gewalt ohne Ein­satz des Mes­sers zu unter­bin­den, ohne ein Fehl­schlag­ri­si­ko oder eine Eigen­ge­fähr­dung in Kauf zu neh­men, fehlt es an einer trag­fä­hi­gen Grund­la­ge. Ihre Bemer­kung, dass der Neben­klä­ger nur unwe­sent­lich grö­ßer und schwe­rer war als der Ange­klag­te, erklärt dies allei­ne noch nicht 7. Dies gilt ins­be­son­de­re, weil es dem Ange­klag­ten nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen bis zu dem Mes­ser­ein­satz nicht gelun­gen war, die Serie von Schlä­gen zu been­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. April 2016 – 2 StR 523/​15

  1. vgl. Roxin, Straf­recht All­ge­mei­ner Teil, Bd. I, 4. Aufl., § 15 Rn. 43[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 05.10.1990 – 2 StR 347/​90, NJW 1991, 503, 504[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 30.06.2004 – 2 StR 82/​04, BGHR StGB § 32 Abs. 2 Erfor­der­lich­keit 17; Urteil vom 27.09.2012 – 4 StR 197/​12, BGHR StGB § 32 Erfor­der­lich­keit 20[]
  4. BGH, Urteil vom 21.03.1996 – 5 StR 432/​95, BGHSt 42, 97, 100; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 32 Rn. 33a[]
  5. vgl. Jescheck/​Weigend, Lehr­buch des Straf­rechts All­ge­mei­ner Teil, 5. Aufl., § 32 – II 2 c, S. 343; Schönke/​Schröder/​Perron, StGB, 29. Aufl., § 32 Rn. 40; Roxin aaO § 15 Rn. 49[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 27.09.2012 – 4 StR 197/​12, BGHR StGB § 32 Erfor­der­lich­keit 20[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 29.05.1991 – 3 StR 148/​91, BGHR StGB § 32 Erfor­der­lich­keit 8; Urteil vom 27.09.2012 – 4 StR 197/​12, BGHR StGB § 32 Erfor­der­lich­keit 20[]
  8. vgl. Fischer, aaO § 32 Rn. 37[]