Not­wehr – und der schon /​noch gegen­wär­ti­ge Angriff

Gegen­wär­tig im Sin­ne des § 32 Abs. 2 StGB kann auch ein Ver­hal­ten sein, das zwar noch kein Recht ver­letzt, aber unmit­tel­bar in eine Ver­let­zung umschla­gen kann und des­halb ein Hin­aus­schie­ben der Abwehr­hand­lung unter den gege­be­nen Umstän­den ent­we­der deren Erfolg gefähr­den oder den Ver­tei­di­ger zusätz­li­cher nicht mehr hin­nehm­ba­rer Risi­ken aus­set­zen wür­de 1.

Not­wehr – und der schon /​noch gegen­wär­ti­ge Angriff

Hat der Angrei­fer bereits eine Ver­let­zungs­hand­lung began­gen, dau­ert der Angriff so lan­ge an, wie eine Wie­der­ho­lung und damit ein erneu­ter Umschlag in eine Ver­let­zung unmit­tel­bar zu befürch­ten ist 2.

Dabei kommt es auf die objek­ti­ve Sach­la­ge an. Ent­schei­dend sind daher nicht die Befürch­tun­gen des Ange­grif­fe­nen, son­dern die Absich­ten des Angrei­fers und die von ihm aus­ge­hen­de Gefahr einer (neu­er­li­chen oder unver­än­dert fort­dau­ern­den) Rechts­gut­ver­let­zung 3.

Ver­mag das Gericht nicht zu klä­ren, ob tat­säch­lich ein Angriff bevor­stand, ist unter Anwen­dung des Zwei­fels­grund­sat­zes von der für den Ange­klag­ten güns­tigs­ten Mög­lich­keit aus­zu­ge­hen 4, näm­lich dass ein "Angriff und ein Nach­set­zen" unmit­tel­bar bevor­stand. Danach ist der recht­li­chen Wer­tung eine objek­tiv bestehen­de Not­wehr­la­ge zugrun­de zu legen.

Das unter­schei­det den Sach­ver­halt von der Fall­ge­stal­tung, die dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 23.08.1977 5 zugrun­de lag und auf die sich der Gene­ral­bun­des­an­walt stützt, die sich aber auf die Vor­aus­set­zun­gen eines Erlaub­nis­tat­be­standsirr­tums bzw. eines Erlaubnis(Verbots)irrtums bezieht.

Erfolgt die Hand­lung, um sich gegen einen gegen­wär­ti­gen rechts­wid­ri­gen Angriff zu ver­tei­di­gen, han­del­te der Ver­tei­di­ger infol­ge­des­sen mit Ver­tei­di­gungs­wil­len, kommt es nicht dar­auf an, dass der Ange­klag­te einen wei­te­ren Angriff nur "für mög­lich gehal­ten" hat 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. März 2017 – 1 StR 486/​16

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 11.12 1991 – 2 StR 535/​91, BGHR StGB § 32 Abs. 2 Angriff 5; Urteil vom 24.11.2016 – 4 StR 235/​16, NStZ-RR 2017, 38 mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.08.2005 – 1 StR 99/​05, NStZ 2006, 152, 153; Beschluss vom 25.01.2017 – 1 StR 588/​16[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 18.04.2002 – 3 StR 503/​01, NStZ-RR 2002, 203; vom 09.08.2005 – 1 StR 99/​05, NStZ 2006, 152, 153; und vom 24.11.2016 – 4 StR 235/​16, NStZ-RR 2017, 38; Beschluss vom 25.01.2017 – 1 StR 588/​16; sie­he auch Beschluss vom 28.10.2015 – 5 StR 397/​15, JuS 2016, 562[]
  4. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 26.08.2004 – 4 StR 236/​04, NStZ 2005, 85[]
  5. BGH, Urteil vom 23.08.1977 – 1 StR 159/​77[]
  6. vgl. nur BGH, Urteil vom 27.10.2015 – 3 StR 199/​15, NStZ 2016, 333 mwN[]