Ouri Jal­low

Der Bun­des­ge­richts­hof hat heu­te den Frei­spruch im Fall Ouri Jal­low auf­ge­ho­ben. Am 7. Janu­ar 2005 ver­starb der in Sier­ra-Leo­ne gebo­re­ne Ouri Jal­low in einer Gewahr­sams­zel­le des Poli­zei­re­viers Des­sau an den Fol­gen eines Inha­la­ti­ons­hit­ze­s­chocks, der durch den Brand der Matrat­ze aus­ge­löst wor­den war, auf der er in der Gewahr­sams­zel­le fixiert wor­den war.

Ouri Jal­low

Die Staats­an­walt­schaft hat­te dem Ange­klag­ten, der als Dienst­grup­pen­lei­ter die Ver­ant­wor­tung für den Gewahr­sams­be­reich getra­gen habe, zur Last gelegt, er habe es unter­las­sen, sofort nach dem Ertö­nen des Alarm­si­gnals des Rauch­mel­ders Ret­tungs­maß­nah­men ein­zu­lei­ten, obwohl ihm bewusst gewe­sen sei, dass beim Anspre­chen eines Rauch­mel­ders stets vom Aus­bruch eines Feu­ers aus­zu­ge­hen sei. Dabei habe er mög­li­che Ver­let­zun­gen Ouri Jal­lows durch Rauch- und Feu­er­ein­wir­kung bil­li­gend in Kauf genom­men.

Das Land­ge­richt Des­sau-Roß­lau hat den Ange­klag­ten aus tat­säch­li­chen Grün­den von dem Vor­wurf der Kör­per­ver­let­zung mit Todes­fol­ge im Amt frei­ge­spro­chen [1]. Es sei, so das Land­ge­richt Des­sau-Roß­lau, weder erwie­sen, dass der Ange­klag­te Kör­per­ver­let­zungs­vor­satz gehabt habe, noch sei nach­weis­bar, dass der Ange­klag­te durch ein sofor­ti­ges Ein­grei­fen den Tod Ouri Jal­lows hät­te ver­mei­den kön­nen.

Auf die Revi­sio­nen der Staats­an­walt­schaft und der Neben­klä­ger hat der Bun­des­ge­richts­hof das Urteil des Land­ge­richts Des­sau-Roß­lau nun mit der Begrün­dung auf­ge­ho­ben, nach den Urteils­aus­füh­run­gen des Land­ge­richts sei nicht nach­voll­zieh­bar, wie sich der Brand der Matrat­ze im Ein­zel­nen ent­wi­ckelt habe. Ins­be­son­de­re blei­be unklar, ob ein vom Land­ge­richt ange­nom­me­nes „Anschmo­ren“ des Matrat­zen­be­zu­ges ohne Ver­bren­nun­gen der Hand und ent­spre­chen­de Schmer­zens­lau­te mög­lich wäre, die den Ange­klag­ten zu einem früh­zei­ti­gen Ein­grei­fen hät­ten ver­an­las­sen müs­sen. Zudem habe das Land­ge­richt Des­sau-Roß­lau bei der Bemes­sung der für die Ret­tung Ouri Jal­lows zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zeit nicht bedacht, dass der Rauch­mel­der bereits Minu­ten vor dem Ent­zün­den der Schaum­stoff­fül­lung der Matrat­ze, das inner­halb von zwei Minu­ten zu einem töd­li­chen Inha­la­ti­ons­schock führ­te, mög­li­cher­wei­se bereits dadurch aus­ge­löst wor­den war, dass der schwer ent­flamm­ba­re Matrat­zen­be­zug zunächst unter Ver­wen­dung eines Gas­feu­er­zeu­ges ange­schmol­zen wur­de, um die Schaum­stoff­fül­lung frei­zu­le­gen. Dann hät­te der Ange­klag­te aber mög­li­cher­wei­se den Todes­er­folg ver­hin­dern kön­nen, wenn er sofort nach dem Alarm die erfor­der­li­chen Ret­tungs­maß­nah­men ein­ge­lei­tet hät­te.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat des­wei­te­ren die Annah­me des Land­ge­richts Des­sau-Roß­lau bean­stan­det, der Ange­klag­te habe sich pflicht­ge­mäß ver­hal­ten, obwohl er den Alarm zunächst weg­drück­te, anschlie­ßend ein Tele­fon­ge­spräch mit sei­nem Vor­ge­set­zen führ­te und danach auf dem Weg zu dem Gewahr­sams­be­reich umkeh­ren muss­te, weil er ver­ges­sen hat­te, die Fuß­fes­sel­schlüs­sel mit­zu­neh­men.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Sache an das Land­ge­richt Mag­de­burg zurück­ver­wie­sen. Dort muss sie nun­mehr neu ver­han­delt wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Janu­ar 2010 – 4 StR 413/​09

  1. LG Des­sau-Roß­lau, Urteil vom 08.12.2008 – 6 Ks 4/​05[]