Pädo­phi­lie – und die Schuld­un­fä­hig­keit

Die rich­ter­li­che Ent­schei­dung, ob die Fähig­keit des Täters, das Unrecht sei­ner Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, bei der Bege­hung der jewei­li­gen Tat erheb­lich ver­min­dert war, besteht in einem aus meh­re­ren Schrit­ten bestehen­den Ver­fah­ren 1.

Pädo­phi­lie – und die Schuld­un­fä­hig­keit
  1. Zuerst ist die Fest­stel­lung erfor­der­lich, dass bei dem Ange­klag­ten eine psy­chi­sche Stö­rung vor­liegt, die ein sol­ches Aus­maß erreicht hat, dass sie unter eines der Ein­gangs­merk­ma­le des § 20 StGB zu sub­su­mie­ren ist.
  2. Sodann sind der Aus­prä­gungs­grad der Stö­rung und deren Ein­fluss auf die sozia­le Anpas­sungs­fä­hig­keit des Täters zu unter­su­chen. Durch die fest­ge­stell­ten psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Ver­hal­tens­mus­ter muss die psy­chi­sche Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Täters bei der Tat­be­ge­hung beein­träch­tigt wor­den sein.
  3. Die anschlie­ßen­de Fra­ge der Erheb­lich­keit der Beein­träch­ti­gung des Hem­mungs­ver­mö­gens ist eine Rechts­fra­ge, die das Tat­ge­richt selbst zu beant­wor­ten hat, nicht der Sach­ver­stän­di­ge 2.

Wird im Ein­zel­fall eine schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit als Ein­gangs­merk­mal im Sin­ne von § 20 StGB bejaht, so liegt wegen der damit fest­ge­stell­ten Schwe­re der Abar­tig­keit auch eine erheb­li­che Beein­träch­ti­gung des Steue­rungs­ver­mö­gens gemäß § 21 StGB nahe 3. Dies wird nicht bedacht, wenn die Fra­ge nach dem Vor­lie­gen eines Ein­gangs­merk­mals offen gelas­sen und die Fra­ge der Erheb­lich­keit einer hier­aus gege­be­nen­falls resul­tie­ren­den Beein­träch­ti­gung der Steue­rungs­fä­hig­keit ver­neint wird.

Eine fest­ge­stell­te Pädo­phi­lie kann im Ein­zel­fall die Annah­me einer schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit und einer hier­durch erheb­lich beein­träch­tig­ten Steue­rungs­fä­hig­keit recht­fer­ti­gen, wenn Sexu­al­prak­ti­ken zu einer ein­ge­schlif­fe­nen Ver­hal­tens­scha­blo­ne gewor­den sind, die sich durch abneh­men­de Befrie­di­gung, zuneh­men­de Fre­quenz der devi­an­ten Hand­lun­gen, Aus­bau des Raf­fi­ne­ments beim Vor­ge­hen und gedank­li­che Ein­engung des Täters auf die­se Prak­tik aus­zeich­nen 4.

Der Tatrich­ter wird gege­be­nen­falls zu erwä­gen haben, ob der Ange­klag­te bei Ein­grei­fen von § 21 StGB gemäß § 63 StGB in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus unter­zu­brin­gen ist 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. März 2015 – 2 StR 409/​14

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 12.03.2013 – 4 StR 42/​13, NStZ 2013, 519, 520[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 29.04.1997 – 1 StR 511/​95, BGHSt 43, 66, 77; Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, BGHSt 49, 45, 53[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 16.05.1991 – 4 StR 204/​91, BGHR StGB § 21 see­li­sche Abar­tig­keit 20; Beschluss vom 06.05.1997 – 1 StR 17/​97, BGHR StGB § 21 see­li­sche Abar­tig­keit 31; Fischer, StGB, 62. Aufl., § 21 Rn. 8[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.07.2007 – 4 StR 242/​07, NStZ-RR 2007, 337; Beschluss vom 20.05.2010 – 5 StR 104/​10; NStZ-RR 2011, 170; Beschluss vom 06.07.2010 – 4 StR 283/​10, NStZ-RR 2010, 304, 305; Beschluss vom 10.09.2013 – 2 StR 321/​13, NStZ-RR 2014, 8, 9[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 20.05.2010 – 5 StR 104/​10; NStZ-RR 2011, 170[]