Die Ver­tre­tung von Vor- und Nach­er­ben als Par­tei­ver­rat

Ver­tritt ein Rechts­an­walt gegen einen Pflicht­teils­be­rech­tig­ten sowohl die (befrei­te) Vor­erbin (Erst­man­dat) als auch die Nach­er­bin (Zweit­man­dat), kommt das Vor­lie­gen eines Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes, und damit eines straf­ba­ren Par­tei­ver­ra­tes nach § 356 Abs. 1 StGB, in Betracht.

Die Ver­tre­tung von Vor- und Nach­er­ben als Par­tei­ver­rat

Der Rechts­an­walt hat bei ihm in die­ser Eigen­schaft anver­trau­ten Ange­le­gen­hei­ten in der­sel­ben Rechts­sa­che zwei Par­tei­en durch Rat oder Bei­stand gedient. Hin­ter­grund war in bei­den Man­dats­ver­hält­nis­sen der­sel­be nota­ri­el­le Erb­ver­trag; hin­zu kommt, dass bei­de Man­dan­tin­nen in recht­li­cher Hin­sicht durch ihre Eigen­schaf­ten als Vor­erbin bzw. Nach­er­bin mit­ein­an­der ver­knüpft waren. Mit­hin han­del­te es sich um eine recht­li­che Ange­le­gen­heit, die zwi­schen meh­re­ren Betei­lig­ten mit jeden­falls mög­li­cher­wei­se ent­ge­gen­ste­hen­den recht­li­chen Inter­es­sen nach Rechts­grund­sät­zen behan­delt und erle­digt wer­den soll­te 1.

wischen der Erst- und der Zweit­man­dan­tin bestand ein Inter­es­sen­ge­gen­satz, sodass der Ange­klag­te pflicht­wid­rig han­del­te. Ein sol­cher ergibt sich aus dem Auf­trag, den der Rechts­an­walt erhal­ten hat; denn der Auf­trag bestimmt den Umfang der Belan­ge, mit deren Wahr­neh­mung der Auf­trag­ge­ber ihn betraut. Das Bestehen eines Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes schließt es dem­ge­gen­über nicht aus, dass die Par­tei­en dar­über hin­aus auch gleich­ge­rich­te­te Inter­es­sen ver­fol­gen 2. Eben­so bestimmt sich die­ser unab­hän­gig davon, ob den Man­dan­ten ein Scha­den ent­ste­hen kann oder ent­ste­hen soll 3.

Vor­lie­gend wohn­te der Rechts­be­zie­hung zwi­schen der Vor- und der Nach­er­bin durch die Rege­lung im Erb­ver­trag von vorn­her­ein ein Inter­es­sen­ge­gen­satz inne, d. h. die recht­li­chen Inter­es­sen der bei­den Man­dan­tin­nen waren par­ti­ell zwin­gend ent­ge­gen­ge­setzt. Dabei konn­te der mög­li­che Pflicht­teils­an­spruch des G. G. hier­von nicht los­ge­löst bewer­tet wer­den. Abge­se­hen davon, dass der Ange­klag­te aus­weis­lich des Inhalts der bei­den Schrift­sät­ze an die jewei­li­ge Man­dan­tin die­se in bei­den Fäl­len umfas­send, das heißt gera­de auch in Bezug auf die Befrei­ung oder Nicht­be­frei­ung der Vor­erbin bera­ten hat­te, wirk­te sich die Gel­tend­ma­chung des Pflicht­teils­an­spru­ches unmit­tel­bar aus. Wäh­rend die Erst­man­dan­tin das grund­sätz­li­che Inter­es­se ver­folg­te, letzt­lich das Grund­ver­mö­gen zu erben bzw. zumin­dest eine Zustim­mung ertei­len zu müs­sen und somit eine Ver­äu­ße­rung durch die Vor­erbin zu ver­hin­dern, woll­te Letz­te­re bei Gel­tend­ma­chung des Pflicht­teils­an­spru­ches – soweit gesetz­lich mög­lich – auch in Bezug auf das Grund­ver­mö­gen befrei­te Vor­erbin wer­den. Daher han­del­te es sich um Man­dats­ver­hält­nis­se, bei denen zwar die Par­tei­en nicht gegen­ein­an­der, son­dern gegen einen Drit­ten strei­ten und dabei inso­weit die glei­chen Inter­es­sen ver­fol­gen. Bei den gleich gerich­te­ten Inter­es­sen han­del­te es sich jedoch nicht etwa um sol­che, die nicht kon­kur­rie­ren, son­dern um sol­che, die kon­kur­rie­ren. Im letzt­ge­nann­ten Fall ist die Wahr­neh­mung von "Par­al­lel­man­da­ten" nicht zuläs­sig 4.

Da es sich bei § 356 Abs. 1 StGB ledig­lich um ein abs­trak­tes Gefähr­dungs­de­likt han­delt 5, ist irr­rele­vant, dass die gegen­sätz­li­chen Inter­es­sen zum Zeit­punkt der Wahr­neh­mung des Zweit­man­da­tes noch nicht unmit­tel­bar aus­ge­tra­gen wur­den, son­dern dies erst im Zusam­men­hang mit der Bean­tra­gung eines neu­en Erb­scheins begann. Dabei ist zusätz­lich zu sehen, dass die Lösung des Kon­flik­tes damals getrof­fen wer­den muss­te (der Pflicht­teils­an­spruch wur­de gel­tend gemacht) und sich dem­zu­fol­ge zugleich recht­lich aus­wirk­te (ggf. Weg­fall der Beschrän­kung der Vor­erbin). Eben­so konn­te der Auf­trag, was aus­weis­lich des Inhalts der Schrift­sät­ze ohne­hin nicht der Fall war, bereits recht­lich nicht aus­schließ­lich auf die Abwehr des Pflicht­teils­an­spruch beschränkt wer­den. Die Gel­tend­ma­chung des Pflicht­teils­an­spruchs sowie Beschrän­kung oder Nicht­be­schrän­kung der Vor­erbin hin­gen recht­lich untrenn­bar mit­ein­an­der zusam­men.

Ange­sichts der zwin­gen­den Reich­wei­te der Man­da­te kam es bei der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on mit­hin nicht auf die strei­ti­ge Rechts­fra­ge an, ob die Man­dats­in­ter­es­sen sub­jek­tiv oder objek­tiv zu bestim­men sind bzw. im kon­kre­ten Fall die Ver­tre­tung wider­strei­ten­der Inter­es­sen ver­mie­den wird 6.

Ein Ein­ver­ständ­nis der Man­dan­tin­nen, das die Pflicht­wid­rig­keit ent­fal­len lie­ße, lag eben­falls nicht vor. Hier­zu reich­te nicht allein aus, dass die Zweit­man­dan­tin im Rah­men der unmit­tel­ba­ren Erst­be­ra­tung schließ­lich wuss­te, dass der Ange­klag­te zuvor bereits die Erst­man­dan­tin bera­ten gehabt hat­te. Der Ange­klag­te hät­te, was er selbst nicht behaup­te­te, inso­weit eine sorg­fäl­ti­ge, umfas­sen­de und wahr­heits­ge­mä­ße Beleh­rung über die wider­strei­ten­den Inter­es­sen vor­neh­men müs­sen 7. Eben­so wenig ent­fällt die Pflicht­wid­rig­keit dadurch, dass der Ange­klag­te zum Zeit­punkt des Zweit­man­da­tes kei­ne Anhalts­punk­te dafür hat­te, dass das Haus ver­kauft wer­den soll­te. Der Inhalt der Schrift­sät­ze zeigt dem­ge­gen­über im Übri­gen deut­lich, dass er sei­ner­zeit ohne­hin auch eine mög­li­che Ver­äu­ße­rung des Anwe­sens durch­aus in den Blick genom­men gehabt hat­te.

Der vom Ange­klag­ten dar­ge­leg­te Irr­tum stell­te ledig­lich einen Ver­bots­irr­tum nach § 17 Satz 1 StGB und kei­nen Tat­be­standsirr­tum nach § 16 Abs. 1 Satz 1 StGB dar. Er hat näm­lich den gesetz­li­chen Begriff des Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes ver­kannt, d. h. ihn zu eng aus­ge­legt und des­halb geglaubt, zwi­schen den bei­der­sei­ti­gen Belan­gen sei kein Gegen­satz vor­han­den 8.

Der Ver­bots­irr­tum wäre ver­meid­bar gewe­sen. Ange­sichts des offen­sicht­li­chen Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes zwi­schen den bei­den Man­dan­tin­nen hät­te der Ange­klag­te bei Anspan­nung sei­ner Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten, die Ein­sicht gewin­nen kön­nen, Unrecht zu tun. Die­sen Zwei­feln hät­te er sodann durch Ein­ho­lung des Rates der Rechts­an­walts­kam­mer oder eines erfah­re­nen Kol­le­gen begeg­nen müs­sen 9.

Land­ge­richt Walds­hut ‑Tien­gen, Urteil vom 8. Mai 2013 – 6 Ns 25 Js 8409/​09

  1. Fischer, StGB, 60. A., § 356 Rn. 5[]
  2. OLG Mün­chen, StV 2011, 401[]
  3. BVerfG, NJW 2001, 3180[]
  4. Offer­mann-Burck­art NJW 2010, 2489, 2490[]
  5. Gill­meis­ter in: LK, StGB, 12. A., § 356 Rn. 72[]
  6. vgl. zuletzt BGH, NJW 2012, 3039 mit krit. Anm. Henssler NJW 2012, 3265[]
  7. vgl. AGH Schles­wig, BRAK-Mitt 2011, 200[]
  8. BGHSt 7, 261, 264; BayO­bLG, NStZ 1989, 532[]
  9. Gill­meis­ter aaO Rn. 99[]