Ram­son­wa­re – strafrechtlich

Mit der Straf­bar­keit der Ver­brei­tung eines Erpres­sungs­tro­ja­ners über das Inter­net (sog. Ran­som­wa­re) hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befassen:

Ram­son­wa­re – strafrechtlich

Im hier ent­schie­de­nen Fall wur­den die jeweils mit der Schad­soft­ware infi­zier­ten Com­pu­ter­nut­zer durch die Sper­rung ihrer Rech­ner und durch die unwah­re Behaup­tung, ille­ga­le Down­loads vor­ge­nom­men zu haben oder auf den Rech­nern Datei­en mit ver­bo­te­nen kin­der oder tier­por­no­gra­fi­schen Inhal­ten zu besit­zen, zur Abwen­dung der Sper­rung ihrer Rech­ner zur Zah­lung eines Betra­ges von 100 Euro über geld­wer­te PIN­Codes elek­tro­ni­scher Zah­lungs­sys­te­me genö­tigt; ihrem Ver­mö­gen wur­de so ein Nach­teil in ent­spre­chen­der Höhe zuge­fügt. Bei den im Ver­suchs­sta­di­um ver­blie­be­nen Taten wur­de jeden­falls von den Tätern ein ent­spre­chen­der Scha­den erstrebt. Durch sei­ne fest­ge­stell­ten Unter­stüt­zungs­hand­lun­gen hat der Ange­klag­te daher sowohl eine Bei­hil­fe zur voll­ende­ten Erpres­sung als auch zur ver­such­ten Erpres­sung nach § 253 Abs. 1 StGB geleistet:

Die Infek­ti­on der Ziel­rech­ner mit der ent­spre­chen­den Schad­soft­ware und der Instal­la­ti­on eines Sperr­bild­schirms erfüllt den Tat­be­stand der Com­pu­ter­sa­bo­ta­ge nach § 303b Abs. 1 Nr. 1 StGB.

Gemäß § 303b Abs. 1 Nr. 1 StGB macht sich straf­bar, wer eine Daten­ver­ar­bei­tung, die für einen ande­ren von wesent­li­cher Bedeu­tung ist, dadurch stört, dass er eine Tat nach § 303a Abs. 1 StGB begeht, also rechts­wid­rig Daten löscht, unter­drückt, unbrauch­bar macht oder ver­än­dert. Die Vor­schrift schützt in die­ser Tat­va­ri­an­te das Inter­es­se des Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten an der unver­sehr­ten Ver­wend­bar­keit der gespei­cher­ten oder über­mit­tel­ten Daten und damit das Grund­recht auf Inte­gri­tät und Ver­trau­lich­keit infor­ma­ti­ons­tech­ni­scher Sys­te­me1.

Weiterlesen:
Erpressung - und der Vermögensnachteil

Die Haupt­tä­ter haben durch den Ein­griff in die Regis­try­Da­tei­en der geschä­dig­ten Com­pu­ter­sys­te­me Daten im Sin­ne des § 303a Abs. 1 StGB so ver­än­dert, dass der gan­ze Bild­schirm und alle wei­te­ren Fens­ter vom Sperr­bild­schirm über­deckt sowie alle Auf­ru­fe des TaskMa­na­gers durch die Schad­soft­ware been­det wur­den. Die­se Sys­tem­Da­tei­en sind taug­li­che Tat­ob­jek­te im Sin­ne der Legal­de­fi­ni­ti­on des § 202a Abs. 2 StGB2. Ein Ver­än­dern ist auch beim Her­bei­füh­ren von Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gun­gen der Daten anzu­neh­men, die eine Ände­rung ihres Infor­ma­ti­ons­ge­halts oder des Aus­sa­ge­werts zur Fol­ge haben3. Eine sol­che Ver­än­de­rung der Daten ist durch das Hin­zu­fü­gen der Ein­trä­ge in der Win­dows­Re­gis­try­Da­tei ein­ge­tre­ten, indem die Schad­soft­ware beim Hoch­fah­ren des Rech­ners auto­ma­tisch gela­den wur­de, ohne dass der Com­pu­ter­nut­zer hier­von Kennt­nis bekam und sofort der gan­ze Bild­schirm und alle wei­te­ren Fens­ter vom Sperr­bild­schirm über­deckt wur­den, so dass die­ser weder mini­miert noch geschlos­sen wer­den konnte.

Das Land­ge­richt geht auch zutref­fend davon aus, dass hier die gegen­über der Daten­ver­än­de­rung nach § 303a Abs. 1 StGB qua­li­fi­zie­ren­den Merk­ma­le der Com­pu­ter­sa­bo­ta­ge nach § 303b Abs. 1 Nr. 1 StGB vor­lie­gen, näm­lich eine Daten­ver­ar­bei­tung von wesent­li­cher Bedeu­tung sowie eine Stö­rung der ent­spre­chen­den Datenverarbeitung.

Das ein­schrän­ken­de Merk­mal einer Daten­ver­ar­bei­tung „von wesent­li­cher Bedeu­tung“ soll­te nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers als Fil­ter für Baga­tell­fäl­le die­nen, die vom Tat­be­stand nicht erfasst wer­den4. So soll nach der Geset­zes­be­grün­dung bei Pri­vat­per­so­nen als Geschä­dig­ten dar­auf abge­stellt wer­den, ob die Daten­ver­ar­bei­tung für die Lebens­ge­stal­tung der Pri­vat­per­son eine zen­tra­le Funk­ti­on ein­nimmt4. Inso­weit waren dem Land­ge­richt kon­kre­te Fest­stel­lun­gen zu den ein­zel­nen betrof­fe­nen Com­pu­ter­sys­te­men nicht mög­lich. Im Fall des Anzei­ge­er­stat­ters lagen die­se Vor­aus­set­zun­gen jeden­falls vor. Anhand der über­tra­ge­nen Daten waren wei­te­re Nach­fra­gen zur Iden­ti­fi­zie­rung der übri­gen Nut­zer aber aus­ge­schlos­sen. Des­we­gen war das Land­ge­richt hier befugt, auf eine wesent­li­che Bedeu­tung der Daten­ver­ar­bei­tung für die betrof­fe­nen Com­pu­ter­nut­zer indi­zi­ell zu schlie­ßen5. Dies gilt vor allem vor dem Hin­ter­grund, dass bei allen fest­ge­stell­ten Ein­zel­ta­ten durch die gegen den Wil­len der berech­tig­ten Com­pu­ter­nut­zer instal­lier­te Schad­soft­ware jeg­li­che Nut­zung der auf den Gerä­ten gespei­cher­ten Daten unmög­lich gemacht wur­de und die Com­pu­ter nur durch eine mit einem voll­stän­di­gen Daten­ver­lust ver­bun­de­ne Neu­in­stal­la­ti­on des Betriebs­sys­tems wie­der genutzt wer­den konn­ten, so dass von einer Beein­träch­ti­gung der zen­tra­len Funk­tio­nen für die Lebens­ge­stal­tung der Betrof­fe­nen aus­zu­ge­hen ist. Im Übri­gen spricht vor allem der Umstand, dass in vie­len Fäl­len die tat­ein­heit­lich ver­wirk­lich­te Erpres­sung erfolg­reich war, weil die Com­pu­ter­nut­zer eine Zah­lung geleis­tet haben, für eine wesent­li­che Bedeu­tung der Daten­ver­ar­bei­tung und gegen einen Baga­tell­fall, da sie ansons­ten nicht gezahlt hätten.

Weiterlesen:
Erpressung - und der Vermögensnachteil

Auch der für die Ver­wirk­li­chung des Tat­be­stands von § 303b Abs. 1 Nr. 1 StGB erfor­der­li­che Tat­er­folg, die Stö­rung einer Daten­ver­ar­bei­tung, ist nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts ein­ge­tre­ten. Da die Sperr­bild­schir­me am Rech­ner ein­zig durch ein Löschen der Fest­plat­te und anschlie­ßen­der Neu instal­la­ti­on des Betriebs­sys­tems besei­tigt wer­den konn­ten, war die Infek­ti­on des Rech­ners immer mit einem unwi­der­ruf­li­chen Ver­lust aller auf dem Rech­ner gespei­cher­ter Daten verbunden.

Bei­de ver­wirk­lich­ten Tat­be­stän­de des § 253 Abs. 1 StGB und des § 303b Abs. 1 Nr. 1 StGB ste­hen in Tat­ein­heit zuein­an­der, da unmit­tel­bar mit der Com­pu­ter­sa­bo­ta­ge durch die Ver­än­de­rung der Sys­tem­Da­tei­en und dem erschei­nen­den Sperr­bild­schirm der Com­pu­ter­nut­zer zur Über­mitt­lung geld­wer­ter PIN­Codes zum Ent­sper­ren der Rech­ner auf­ge­for­dert wur­de. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts ist aber kon­kur­renz­recht­lich nicht von einer Bei­hil­fe des Ange­klag­ten zu 789 Ein­zel­ta­ten, son­dern nur von einer ein­heit­li­chen Bei­hil­fe zur Erpres­sung in Tat­ein­heit mit Com­pu­ter­sa­bo­ta­ge auszugehen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Fra­ge der Hand­lungs­ein­heit oder mehr­heit nach dem indi­vi­du­el­len Tat­bei­trag eines jeden Betei­lig­ten zu beur­tei­len. För­dert der Gehil­fe durch ein und das­sel­be Tun meh­re­re recht­lich selb­stän­di­ge Taten des Haupt­tä­ters, so ist nur eine Bei hil­fe im Rechts­sin­ne gege­ben6.

Die bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen bele­gen im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht, dass der Ange­klag­te bei den im Tat­zeit­raum vom 29.11.2013 bis 3.02.2015 ver­wirk­lich­ten 789 Ein­zel­ta­ten einen indi­vi­du­el­len tat­för­dern­den Bei­trag erbracht hat. Das för­dern­de Ver­hal­ten des Ange­klag­ten stellt sich viel­mehr nur als eine ein­heit­li­che Unter­stüt­zungs­hand­lung dar, indem der Ange­klag­te sich auf Anwei­sung der Füh­rungs­mit­glie­der um die Anmie­tung neu­er Ser­ver, um die Instal­la­ti­on ver­schie­de­ner Pro­gram­me auf den Ser­vern, um die Ver­lin­kung ein­zel­ner Ser­ver unter­ein­an­der und um die Erhal­tung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit sowie um die Behe­bung ein­zel­ner tech­ni­scher Pro­ble­me der Ser­ver­in­fra­struk­tur küm­mer­te. Auch sei­ne vom Land­ge­richt fest­ge­stell­te wei­te­re Funk­ti­on als tech­ni­scher Bera­ter der Füh­rungs­mit­glie­der der Grup­pie­rung begrün­det kei­nen indi­vi­du­el­len tat­för­dern­den Bei­trag zu kon­kre­ten Einzeltaten.

Weiterlesen:
Der Handel mit kleineren BTM-Mengen - und das größere Depot

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. April 2021 – 1 StR 78/​21

  1. Bär in Wabnitz/​Janovsky/​Schmitt, Hand­buch Wirt­schafts und Steu­er­straf­recht, 5. Aufl., 15. Kapi­tel Rn. 125; Fischer, StGB, 68. Aufl., § 303b Rn. 2; LKStGB/​Wolff, 12. Aufl., § 303b Rn. 2 mwN; vgl. auch BT-Drs. 16/​3656, S. 13[]
  2. BGH, Beschluss vom 27.07.2017 1 StR 412/​16 Rn. 30 f.; Bär aaO Rn. 110 mwN[]
  3. BT-Drs. 10/​5058, S. 35; BGH, Beschluss vom 27.07.2017 1 StR 412/​16 Rn. 33; Bär aaO Rn. 118; Bär in Graf/​Jäger/​Wittig, Wirt­schafts und Steu­er­straf­recht, 2. Aufl., § 303a StGB Rn.20[]
  4. BT-Drs. 16/​3656, S. 13[][]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 27.07.2017 1 StR 412/​16 Rn. 25[]
  6. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 13.03.2013 2 StR 586/​12 Rn. 6; und vom 25.07.2019 1 StR 230/​19 Rn. 5; Urtei­le vom 23.10.2018 1 StR 234/​17 Rn. 65; und vom 28.10.2004 4 StR 59/​04, BGHSt 49, 306, 316[]

Bild­nach­weis:

Weiterlesen:
Sukzessive Mittäterschaft