Recht­li­ches Gehör im Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren – und die Jus­tiz­ge­wäh­rungs­pflicht

Der in Art. 103 Abs. 1 GG ver­bürg­te Anspruch auf recht­li­ches Gehör steht in funk­tio­na­lem Zusam­men­hang mit der Rechts­schutz­ga­ran­tie und der Jus­tiz­ge­wäh­rungs­pflicht des Staa­tes 1.

Recht­li­ches Gehör im Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren – und die Jus­tiz­ge­wäh­rungs­pflicht

Der Ein­zel­ne soll nicht blo­ßes Objekt des Ver­fah­rens sein, son­dern er soll vor einer Ent­schei­dung, die sei­ne Rech­te betrifft, zu Wort kom­men, um Ein­fluss auf das Ver­fah­ren und sein Ergeb­nis neh­men zu kön­nen 2. Art. 103 Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht somit, die Aus­füh­run­gen der Betei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 3.

Die Rüge der Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör kann jedoch nur Erfolg haben, wenn die ange­foch­te­ne gericht­li­che Ent­schei­dung auf einer Ver­let­zung des Art. 103 Abs. 1 GG beruht, wenn also nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass die Anhö­rung des Beschwer­de­füh­rers das Gericht zu einer ande­ren Beur­tei­lung des Sach­ver­halts oder in einem wesent­li­chen Punkt zu einer ande­ren Wür­di­gung ver­an­lasst oder im Gan­zen zu einer ande­ren, ihm güns­ti­ge­ren Ent­schei­dung geführt hät­te 4.

Aus die­sem Grun­de ist der Sub­stan­ti­ie­rungs­pflicht aus § 92 BVerfGG bei der Rüge eines Ver­sto­ßes gegen Art. 103 Abs. 1 GG nur genügt, wenn der Beschwer­de­füh­rer dar­legt, was er bei aus­rei­chen­der Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs vor­ge­tra­gen hät­te und wel­che Fol­gen sich dar­aus für die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung erge­ben hät­ten 5.

In dem hier zugrun­de lie­gen­den Fall eines erfolg­lo­sen Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­rens 6 bedeu­te­te dies:

Es ist nicht erkenn­bar, dass das Gericht den Kern des Tat­sa­chen­vor­trags der Beschwer­de­füh­re­rin nicht zur Kennt­nis genom­men und in Erwä­gung gezo­gen hät­te. Unab­hän­gig davon, ob es sich bei dem Beschluss nach § 172 StPO um eine mit ordent­li­chen Rechts­mit­teln nicht mehr angreif­ba­re letzt­in­stanz­li­che gericht­li­che Ent­schei­dung han­delt, die regel­mä­ßig kei­ner Begrün­dung bedarf 7, was mit Blick auf Art.19 Abs. 4 GG und Art. 6 EMRK zwei­fel­haft erscheint 8, hat das Ober­lan­des­ge­richt sei­ner Begrün­dungs­pflicht jeden­falls dadurch genügt, dass es sich alle Erwä­gun­gen der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen zu eigen gemacht und zum Aus­druck gebracht hat, dass die Beschwer­de­be­grün­dung kei­ne neu­en Aspek­te ent­hal­ten habe 9.

Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­lan­des­ge­richt hat zwar in sei­nem Beschluss vom 15.01.2015 kei­ne beson­de­re Begrün­dung für die Ver­wer­fung des von der Beschwer­de­füh­re­rin gegen den Ein­stel­lungs­be­scheid der Staats­an­walt­schaft Kiel und den Beschwer­de­be­scheid des Gene­ral­staats­an­walts des Lan­des Schles­wig-Hol­stein gestell­ten Antrags gemäß § 174 Abs. 1 StPO gege­ben. Der Beschluss ent­hält jedoch eine Ten­or­be­grün­dung, in der es unter Bezug­nah­me auf die Begrün­dun­gen der ange­foch­te­nen staats­an­walt­schaft­li­chen Ver­fü­gun­gen heißt, dass der gestell­te Antrag "aus den zutref­fen­den Grün­den des Ein­stel­lungs­be­schei­des der Staats­an­walt­schaft bei dem Land­ge­richt Kiel vom 18.07.2014 und des Beschwer­de­be­schei­des des Gene­ral­staats­an­walts des Lan­des Schles­wig-Hol­stein vom 20.11.2014, die durch das Antrags­vor­brin­gen nicht ent­kräf­tet wer­den, als unbe­grün­det ver­wor­fen" wer­de.

Zudem hat das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­lan­des­ge­richt im Beschluss vom 16.02.2015, mit dem die Gehörs­rü­ge der Beschwer­de­füh­re­rin ver­wor­fen wur­de, aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor sei­ner Beschluss­fas­sung am 15.01.2015 den Antrags­schrift­satz der Beschwer­de­füh­re­rin zur Kennt­nis genom­men habe, die­ser Gegen­stand der Bera­tun­gen gewe­sen und sein Inhalt bei Erlass des BVerfG, Beschlus­ses gewür­digt wor­den sei.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Okto­ber 2019 – 2 BvR 498/​15

  1. vgl. BVerfGE 81, 123, 129; BVerfGK 19, 377, 383[]
  2. vgl. BVerfGE 84, 188, 190; 86, 133, 144 ff.; BVerfGK 19, 377, 383; BVerfG, Beschluss vom 07.02.2018 – 2 BvR 549/​17, Rn. 3[]
  3. vgl. BVerfGE 42, 364, 367 f.; 47, 182, 187; BVerfG, Beschluss vom 29.08.2017 – 2 BvR 863/​17, Rn. 15[]
  4. vgl. BVerfGE 7, 239, 241; 18, 147, 150; 28, 17, 19 f.; 62, 392, 396; 89, 381, 392 f.; 112, 185, 206; BVerfGK 15, 116, 119; 19, 377, 383; BVerfG, Beschluss vom 07.02.2018 – 2 BvR 549/​17, Rn. 7; stRspr[]
  5. vgl. BVerfGE 28, 17, 20; 72, 122, 132; 91, 1, 25 f.; 112, 185, 206; BVerfG, Beschluss vom 07.02.2018 – 2 BvR 549/​17, Rn. 7[]
  6. OLG Schles­wig, Beschlüs­se vom 15.01.2015 und 16.02.2015 – 1 Ws 3/​15[]
  7. vgl. BVerfGE 50, 287, 289 f.; 65, 293, 295; 81, 97, 106; 86, 133, 146; 94, 166, 210; 104, 1, 7 f.; 118, 212, 238[]
  8. vgl. VerfGH Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 30.06.2015 – A 16/​15 u.a., Rn. 41[]
  9. vgl. Mosbacher/​Claus, in: Satzger/​Schluckebier/​Widmaier, StPO, 3. Aufl.2018, § 34 StPO Rn. 10[]