Recht­li­ches Gehör – und die Stel­lung­nah­me der Gegen­sei­te

Die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten müs­sen grund­sätz­lich Gele­gen­heit haben, sich zu Stel­lung­nah­men der Gegen­sei­te in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht zu äußern 1. Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör ist daher regel­mä­ßig ver­letzt, wenn das Gericht einem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, bevor es eine für ihn ungüns­ti­ge Ent­schei­dung trifft, kei­ne Gele­gen­heit gibt, zu der im Ver­fah­ren abge­ge­be­nen Stel­lung­nah­me der Gegen­sei­te Stel­lung zu neh­men 2.

Recht­li­ches Gehör – und die Stel­lung­nah­me der Gegen­sei­te

Dies gilt – auch wenn der Gehörs­ver­stoß nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Auf­he­bung der ergan­ge­nen Ent­schei­dung nur unter der Vor­aus­set­zung führt, dass sie auf dem Ver­stoß beruht 3 – grund­sätz­lich unab­hän­gig davon, ob unter den gege­be­nen Umstän­den von der Mög­lich­keit aus­zu­ge­hen ist, dass eine mög­li­che Gegen­stel­lung­nah­me Ein­fluss auf das Ent­schei­dungs­er­geb­nis gewinnt, oder nicht. Denn der grund­recht­li­che Anspruch auf recht­li­ches Gehör dient nicht nur der Gewähr­leis­tung sach­rich­ti­ger Ent­schei­dun­gen, son­dern auch der Wah­rung der Sub­jekt­stel­lung der Betei­lig­ten im gericht­li­chen Ver­fah­ren 4.

Hier­auf und auf die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te – die für die Fest­stel­lung einer Ver­let­zung des Rechts auf ein fai­res Ver­fah­ren (Art. 6 Abs. 1 EMRK), das den Anspruch auf recht­li­ches Gehör ein­schließt, aus­drück­lich der Beru­hens­fra­ge kei­ne ent­schei­den­de Bedeu­tung zumisst, sofern der Anspruch auf recht­li­ches Gehör in sei­ner Funk­ti­on als Grund­la­ge für das Ver­trau­en der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in die Arbeit der Jus­tiz berührt ist 5 – hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ange­sichts einer ver­brei­te­ten Pra­xis der Gerich­te, Straf­ge­fan­ge­nen die Stel­lung­nah­me der Gegen­sei­te wegen deren rein rechts­be­zo­ge­nen Inhalts oder wegen aus sons­ti­gen Grün­den unter­stell­ter man­geln­der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit mög­li­cher Erwi­de­run­gen regel­mä­ßig nicht zur Kennt­nis zu geben, mehr­fach hin­ge­wie­sen 6.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Juni 2011 – 2 BvR 960/​11

  1. vgl. BVerfGE 19, 32, 36; 49, 325, 328; BVerfGK 7, 438, 441; BVerfG, Beschlüs­se vom 06.08.1992 – 2 BvR 628/​92; vom 24.02.2009 – 1 BvR 188/​09, NVwZ 2009, S. 580; und vom 30.07.2009 – 2 BvR 1575/​09[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.11.2010 – 2 BvR 1183/​09[]
  3. vgl. BVerfGE 7, 239, 241; 13, 132, 145; 52, 131, 152 f.; 89, 381, 392 f.[]
  4. vgl. BVerfGE 107, 395, 409, stRspr[]
  5. vgl. EGMR, Urteil vom 21.02.2002, Zieg­ler v. Switz­er­land – 33499/​96, Rn. 38; Urteil vom 19.05.2005, Steck-Risch et al. v. Liech­ten­stein – 63151/​00, Rn. 57; vgl. auch EGMR, Urteil vom 03.07.2008, Vokoun c. Répu­bli­que Tchèque – 20728/​05, Rn. 25 ff.; und EGMR, Urteil vom 18.10.2007, Asnar c. Fran­ce – 12316/​04, Rn. 24 ff.[]
  6. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 15.11.2010 – 2 BvR 1183/​09; vom 02.03.2011 – 2 BvR 43/​10 u.a.; und vom 21.03.2011 – 2 BvR 301/​11[]